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Vor mir flattern buddhistische Gebetsfahnen und hinter mir tummeln sich 63 Gartenzwerge.  Ich stehe mitten im Mühlenbecker Land in der Kleingartengemeinschaft Hasenheide, die sich selbst als „kleines Dorf“ mit 355 Pächtern versteht.

Das klingt nach deutscher Spießigkeit, millimetergenauen Vorgartenhecken und Bierbäuchen in Campingstühlen. Doch so sehr unterscheiden wir uns nicht von den einstigen Laubenpiepern. Der Traum von Gemüsebeeten und Streuobstwiesen ist geblieben. Ein Selbstversuch von Jenny Jakobeit

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Nur sechs S-Bahnstationen vom Prenzlauer Berg entfernt, weichen Autogeräusche und Stimmengewirr einer beruhigenden Stille, die gelegentlich von zwitschernden Amseln und freundlich grüßenden Menschen unterbrochen wird. Trotz asphaltgrauem Himmel liegt eine frühlingshafte Aufbruchstimmung zwischen den Rosensträuchern. Es wird gehämmert, gepflanzt und verschenkt.

Ich bekomme 25 Kilo feinsten Buddelkasten-Sand, ein hellblaues Plastikauto und einen ausführlichen Reisebericht über peruanische Wandertouren.

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April ist kurz vor dem Saisonstart. Die Parzellen erwecken zu Leben.
1,5 Millionen gibt es in ganz Deutschland, jeder zweite Garten befindet sich in Ostdeutschland und wird zum Zweitwohnsitz vom Frühling bis zum Herbst.

Ein geduldeter Regelverstoß, denn das dauerhafte Wohnen ist in einer Kleingartenanlage offiziell verboten. Ebenso Hecken, die über 1,20 m wachsen und Walnussbäume, die zu groß werden. Ein Gesetz kann nicht umgangen werden: Jedes Vereinsmitglied verpflichtet sich zum Anbau, der Pflege und Instandhaltung eines Kleingartens.

Heißt: Das Ding macht richtig Arbeit und eignet sich wirklich nur für Menschen, die tatsächlich Freude daran haben, die Früchte ihrer Arbeit zu essen und sich in einer Gemeinschaft zu engagieren.

Hier gibt es Termine für die Abgabe von Gartenabfällen, gemeinschaftliche Arbeitseinsätze und Kontrollbesuche vom Vorstand.

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369 Quadratmeter Glück für 1,38 Euro am Tag.

Der Schrebergarten ist dennoch eine echte Alternative für Stadtmenschen, Ruhesuchende und Selbstversorger. Das Beste: Er kostet fast nichts und der bürokratische Aufwand ist überschaubar.

Angeblich muss man in Berlin 4 Jahre auf einen Platz warten.
In der Hasenheide gibt es (noch) keine Wartelisten. Parzelle 13 sucht gerade einen neuen Besitzer. Der Zettel klebt erst seit einer Woche am Zaun und schon haben sich 6 Interessenten gemeldet. Am 8.Tag wechseln 369 Quadratmeter den Besitzer. Eine junge Berliner Familie. Schreber-Neulinge.

2.500 € Laube, mit Bad, Küche und Schlafzimmer inklusive aller Pflanzen.
1.250 € Aufnahmegebühr im Verein
350 € Bearbeitungsgebühr

4.100 € zzgl. 500 € pro Jahr für Strom und Wasser.

Die Mitgliedschaft muss keine dauerhafte Verbindung sein. Wer seinen Garten nicht mehr will, kündigt und verkauft die Laube im wahrscheinlichsten Fall zum Kaufpreis.

Ich kann nur hoffen, dass nicht irgendwann jemand antritt, um dem Schrebergarten ein zeitgemäßeres Image zu verpassen. Eine „Urban Gardening Community“ daraus macht und den „huts“ einen „organic-Stempel“ aufdrückt.

Dann würde der Kiosk nicht mehr mit „Bei Kaffee, Brause und Bier, treffen sich die Gärtner hier“ werben, sondern ein Bioladen flatwhites verkaufen.

Das hier ist cool, weil es nicht cool sein will. Eine echte Gemeinschaft. Hier wird geshared, geliked und gegärtnert. Von Mensch zu Mensch, von Parzelle zu Parzelle. Aus allen sozialen Schichten und Generationen. Hier ist von Gentrifizierung nichts zu spüren, hier kann sich jeder ein eigenes Stück Freiheit pachten und sich sonntags ofenfrische Brötchen auf die Hecke legen lassen.

Freie Gärten in der Hasenheide:
http://www.kgghasenheide.de/Vereinsleben/FreieGaerten/IhrGarten

Schrebergärten in Berlin:
http://www.berlin.de/special/immobilien-und-wohnen/balkon-und-garten/927039-739650-kleingartenwiemaneinenbekommtundwasdortp.html

Schrebergärten in Hamburg:
https://www.gartenfreunde-hh.de/

Schrebergärten in München:
http://www.kleingartenverband-muenchen.de/

Interessante Lektüre:
„Die Löwenzahn-Revolution“ von Sarah Weik (FAZ,2009)

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/familie/kleingaerten-die-loewenzahn-revolution-1923986.html

„Laube, Liebe, Hoffnung – Warum die Schrebergärten zur Zeit einen zweiten Frühling erleben“ von Alex Rühle (SZ, 2010)

http://www.sueddeutsche.de/leben/kleingarten-boom-in-deutschland-laube-liebe-hoffnung-1.201179

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