Traenen, ein berliner Haustuerschluessel, leere Strassen, Trueffelpralinen, knusprige Brotlaiber, DIE ZEIT, tuerkisch fuer Anfaenger, Thueringer Bratwurst und 3 Haselnuesse fuer Aschenbroedel. Die ersten 24 Stunden in der Hauptstadt.

Zwischenstopp in Helsinki, draussen ruht alles sanft unter einer dicken Schneedecke, die Menschen sind gut gekleidet, es gibt kein arm und reich mehr. Perfekt geschnittene Wintermaentel, spielzeugbeladende Kinder und prallgefuellte Flughafengeschaefte. Noch 2 Stunden bis Berlin.

Die Flugbegleiterin serviert uns ein Kaesesandwich, Gabel, Servietten, Salz und Pfeffer – alles ist fein saeuberlich in Plastik eingeschweisst, wie dekadent im Vergleich zu Indien.

25 min Verspaetung, wir landen sanft auf deutschem Boden, zwei Traenen rollen ueber meine Wangen, alle Laender die ich bereist habe ziehen im Zeitraffer an mir vorbei, fast 2 Jahre auf Weltreise, nie ist etwas passiert, alles ist gut gegangen, ich bin dankbar und gluecklich, ich halte Chris Hand, Berlin ist grau und kalt, mein Bauchgefuehl ist warm und voller Vorfreude.

Wir bekommen eine ganze Berliner Wohnung fuer uns und einen Haustuerschluessel in die Hand gedrueckt, es ist schoen Freunde zu haben. Danke Nina und Steffen.

Berlin- Wedding, ehrlicher koennte uns Berlin nicht empfangen, ein typischer Kiosk vollgestopft mit Biersorten, Tabakpackungen und kleinen Schnapsflaschen. Draussen blinkt ein gelbes Lotto – Schild, hinter der Kasse steht ein beleibter Berliner mit grauer Raucherhaut, der uns trocken erklaert. “Ick hoer nie auf zu rauchen“.

5 Augustiner und 2 Tegernseer fuer 8, 10 Euro, im weltweiten Vergleich verkauft Deutschland sein Bier erstaunlich guenstig. Draussen sind die Strassen wie leergefegt, jeder Inder wuerde sich fragen, wo all die Menschen und Kuehe sind.

Die grosse Altbauwohnung ist warm und riecht nach frisch gewaschener Waesche, wir essen Quiche, Salat und Trueffelpralinen.

Die 1. Nacht ist herrlich, die Matraze perfekt, endlich wieder zwei Bettdecken, denn fast ueberall haben die Menschen eine Riesendecke fuer zwei, die dir weggenommen wird, sobald der andere im Schlaf an der Decke zieht.

Der 1. Morgen ist grau und kalt, die Sonne wird sich den ganzen Tag nicht zeigen. Ueberall gibt es Baeckerein, nicht elitaeres mehr, indem ein cleverer Geschaeftsmann mit der  “german bakery“ und “brown bread“ ein Vermoegen verdient. Deutscher Alltag: Lange Schlangen, knusprige Brotlaiber, Hackbroetchen, Liebesknochen und Schrippen. Es faellt mir schwer einen deutschen Smalltalk zu fuehren, zu viele englische Floskeln sind in meinem Kopf, ich spreche so hochdeutsch, wie jemand der gerade deutsch gelernt hat und begruesse einen Fussgaenger mit dem indischen: “Namaste”

Das naechste Paradies wartet zwei Tueren weiter, ein Zeitungsladen, Cappuccino gibt es nicht, nur normalen Kaffee, niemand sagt Café, alle sagen „Kaffe“ mit kurzem „a“ und doppeltem „f“. Ich greife meine geliebte Zeit, ein frischgedrucktes, dickes Buendel Zeitung fuer 4.20 Euro. Was? Wann hat denn diese Preiserhoehung stattgefunden?

Im tuerkischen Gemueseladen fuehle ich mich seltsamerweise am wohlsten. Frueher habe ich nie darueber nachgedacht, tuerkische Mitbewohner hatten eben oft Gemueselaeden. Jetzt bin ich dankbar ueber die Vielfalt, die tuerkische Musik, die tuerkischen Gespraechsfetzen, die ueber dicke Lammschenkel  fliegen und die satten Oliven mit Mandelfuellung. Ich lerne “danke” (teşekkür ederim) und “Guten Morgen” (sabah iyi). Ich greife ein dickes Bund Petersilie, nur 88 Cent, die Besitzerin schaut mich komisch an, als ich ihr sage, das sei ein richig guter Preis. Ob ich das ironisch meine? Nein mein voller Ernst, hoert sie  wohl nicht so oft. Sie verabschiedet mich mit einem “Tschuesssiiiiiii, Schatziiiii” und dem Hinweis, wenn ich tuerkisch lernen wolle, muesse ich mir nur tuerkische Filme ansehen und dann 6 Monate in der Tuerkei leben.

Jetzt lebe ich erst mal in Deutschland und werde nicht muede, Chris alle kulnarischen Highlights zu erklaeren. Er ist anders als ich, Chris beschwert sich aeusserst selten, findet immer etwas Gutes in Allem und lobt unermuedlich das deutsche Essen.

Thueringer Bratwurst im Broetchen fuer 1 Euro.“Die Masse machts, sagt meen Chef imma” erklaert die gepiercte Blondine. “Ketchup, Senf oder beedes?” Ich uebersetzte fuer Chris zuerst ins deutsche und dann ins Berliner – Deutsch. Schwierig, alle reden extrem schnell, kriegen ihre Zaehne kaum auseinander und sind weit entfernt hochdeutsch zu sprechen. „Beedes, bitte“

Den ersten Artikel, den ich in meiner ZEIT lese ist eine Huldigung an den vor 40 Jahren gedrehten Kultfilm “3 Haselnuesse fuer Aschenbrodel”, der speziell im ehemaligen Ostdeutschland zum Weihnachtsfest gehoert, wie der Tannenbaum. “Hach” steht in grossen Buchstaben unter einem Foto von Hauptdarstellerin Libuse Sanfrankova und sofort ist die Titelmelodie in meinem Kopf, eine Melodie, die mein Herz sofort in die Vergangenheit traegt.

“Hach Deutschland”, um 7:30 Uhr am Morgen bist du immer noch dunkel und 10 Stunden spaeter erlischt dein Tageslicht. Man koennte dich depressiv nennen, aber ich habe mir vorgenommen, Dich so zu sehen, wie jedes neue Land, das ich bereiste. Genau hinzusehen und das zu schaetzen, was Dich einzigartig macht. Du bist nicht perfekt, aber du bist mein Zuhause.

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