Nepal: Die ersten 7 Tage im Himalaya-Gebirge, die ersten 3300m und die ersten lauten Zweifel in der Stille einer eisigen Nacht.

Fotos von Jenny Jakobeit und Chris Cooke.

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Sweets, Money, Pen?
– fragen uns die Kinder zuerst schüchtern und dann immer fordernder. Sie versperren uns den Weg, fassen in unsere Taschen und lassen uns schmerzhaft die negativen Auswirkungen des Tourismus spüren.

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Es ist November 2012, die Hauptsaison ist vorbei und die größten Massen sind bereits wieder weg. Im Oktober wird der Annapurna Circuit auch highway genannt, dann sind die Unterkünfte restlos ausgebucht und auf den Wegen herrscht eifriges Überholen. Jetzt sind immer noch andere Wanderer mit uns unterwegs, nach der ersten Woche werden wir die meisten von ihnen kennen, doch meistens laufen wir allein, denn es ist schon schwer genug mit zwei Menschen eine gemeinsame Schrittgeschwindigkeit zu finden. Im November werden die Nächte kälter und die Winde eisiger, doch am Anfang starten wir bei 800m und frühlingshaften Temperaturen.

Die Mittagssonne brennt, weiße Weihnachtssterne blühen am Wegesrand, Frauen arbeiten in goldgelben Feldern und teilen ihr Mittagsessen unter schattigen Bäumen. Dal Baht – das ganztägige nepalesische Menü, eine Linsensuppe (dal), ein Berg Reis (baht) und Gemüse der Saison.

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“ Das Loslaufen ist das Schwierigste, ich habe nach zwei Stunden schon genug und will ständig eine Pause machen, meine Kondition ist in miserablem Zustand“

Es riecht nach süßen Blumen und getrocknetem Heu, Grashüpfer springen vor unseren Füßen hin und her, wir sind seit 5 Stunden unterwegs.

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Nach 13km erreichen wir Nagdi Bazaar, eine Ansammlung von einfachen Häusern, dessen Familien ausnahmslos dem Tourismus ausgeliefert sind. Zu wenige Touristen suchen hier nach einer Übernachtung, doch 18 „Hotels“ kämpfen um jeden Wanderer, sie nennen sich Hilton, Superview (Superaussicht) oder Peace & Love Cafe (Frieden & Liebe Cafe), doch sie sind in ihrer Ausstattung fast identisch. Einfache Zimmer, wenig Strom und eine Küche in der die Touristen bewirtet werden.

„Marihuana, Marihuana, you smoke Marihuana?“

Sie laufen uns bereits entgegen, um uns von ihrer Unterkunft zu überzeugen. Ein junger Familienvater begrüßt uns mit seiner noch jüngeren Frau und seinem Neugeborenen im Arm und eine faltige Dame mit buntem Kopftuch flüstert  immer wieder die gleiche Frage: „Marihuana, Marihuana, you smoke Marihuana?“

Nein wir wollen kein Marihuana und fühlen uns ein wenig bedrängt, wandern bis zum Ende des Dorfes und entscheiden uns für einen Familienbetrieb mit weitläufigem Garten und einer heißen Dusche. Wir bekommen ein kostenloses Zimmer und 10% Rabatt auf alle Preise in der Speisekarte.

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Die Wände sind dünn, ein paar zusammengenagelte Bretter trennen uns vom Bett im Nebenzimmer, ich höre das Flussrauschen und das Husten des Nachbarn. Ein französisches älteres Pärchen mit einer Vorliebe für Bier und Popcorn am Abend. Die heiße Dusche ist ein Gasboiler an einer Holzwand. Ich drehe mich unter einem dünnen Strahl hin und her,  die Sonne ist weg, der Strom auch, es ist kalt.

Es gibt keinen Fernseher, kein Licht, nur eine flackernde Kerze und eine Maus, die uns in den Schlaf raschelt, der um 06:00 Uhr enden wird.

Je früher wir loslaufen, desto einfacher ist es. Die Luft ist angenehm warm, die Sonne blinzelt sanft durch die Wolkendecke und die ersten Vögel zwitschern ihre Lieder.
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Klassische Morgendusche

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Diego Maradona und den schönsten Frauen in Santa Fee

Unsere Stimmung ist gut, Bullenherden, Bergziegen und Esel kreuzen unsere Wege. Lange Hängebrücken ziehen sich über den Fluss, die bei jedem meiner Schritte hin und her schaukeln. Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind, schwerbepackte Rucksackträger überholen uns im Laufschritt und wir treffen Jorge, einen Argentinier der von Diego Maradona und den schönsten Frauen in Santa Fee schwärmt.

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Amerika, Argentinien und Neuseeland am einem Miitagstisch in Nepal.
Amerika, Argentinien und Neuseeland an einem Mittagstisch in Nepal.
Wäschewaschen mit kaltem Brunnenwasser
Wäschewaschen mit kaltem Brunnenwasser

„Es ist schwer so viel zu essen, wie ich verbrauche.“

Alle drei Stunden halten wir in einem Restaurant, um riesige Portionen in uns hinein zuschaufeln. Die Speisekarten sind einheitlich, gleiche Gerichte, gleiche Preise, nur das Talent der Köche variiert. Das großzügig verteilte Glutamat – Pulver bläht meinen Bauch zu einer harten Kugel auf, doch es gibt einen Hunger, den kannte ich nicht. Ich kann gar nicht so schnell essen, wie ich die Kalorien wieder verbrauche. Wir laufen jeden Tag 5-7 Stunden, alles beschränkt sich auf Schlafen, Laufen und Essen. Nudeln, Reis und ganz viele Snickers.
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65 Kilometer liegen hinter uns und wir haben 23 Dörfer durchquert, die Spaziergang- Tage sind vorbei und die Nächte werden immer kälter. Wir tragen Daunenjacken im Restaurant und trinken Ingwer-Tee vor dem Holzofen, der nur wenige Stunden am Abend beheizt wird. Die Zimmer haben gar keinen Ofen, heiße Duschen sind selten, Spinnen und Ameisen krabbeln geometrische Muster auf unsere Wände und wir schlafen in Wollmütze und Thermohose, während draußen die Bergziegen an steilen Abhängen tänzeln, um am letzten Grün zu knabbern.
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„Wenn es jetzt schon so kalt ist, wie soll es dann 2500 m höher sein?“

Die Landschaft verändert sich mit jedem Schritt, die Bergspitzen kommen jeden Tag näher und kreisen uns majestätisch ein. Auf 3300 Höhenmeter liege ich die ganze Nacht wach, mein Herz schlägt in einem unregelmäßigen Takt, meine Lippen sind aufgerissen und meine Finger geschwollen. Ich habe Panik in der Stille der Nacht und weine am Morgen, weil meine Atmung zu flach und meine Beine zu schwer sind. Ich bin erschöpft und verzweifelt- es liegen noch 14 Tage vor uns.
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