Stell dir vor, es klopfen zwei fremde Menschen an Deiner Tuer und fragen Dich, ob sie eine Nacht bei Dir uebernachten koennen. Wahrscheinlich wirst Du sie fragen, warum? – und sie werden lediglich antworten, sie haben Dein Haus gesehen und fanden es so schoen gelegen. Wie lautet Deine Antwort?  Wir haben es in Burma versucht, in einem von Touristen isoliertem Gebiet uns das am isoliertesten gelegene Haus ausgesucht und gefragt ob wir dort schlafen koennen. Nicht ohne Ueberraschungen und Gewissensfragen. Tag 2 – Wandern durch Burmas Berge und die Frage> Wer wohnt in diesem Haus?

Nach der gewohnten Suppe und einem loeslichen Kaffee reibe ich mein Gesicht mit  Tanaka-Holzpaste ein, finde immer noch, es sieht albern an mir aus, doch die Burmesen macht es  unheimlich stolz einen Touristen mit ihrem aeusserst wirkungsvollen Sonnenschutz zu sehen.  Nach kurzer Zeit ist die Paste eingetrocknet und meine Wangen spannen beim Lachen unseres letzten  Gruppenfotos. Wir verabschieden uns von unseren Wasserpfeifenrauchern, Nudelsuppenkochern und Bayern-Muenchen Fans.

Draussen spiegeln sich bereits die ersten Sonnenstrahlen  in braunen Matschpfuetzen, die meisten Wege sind vom Regen aufgeweicht, in den gruenen Feldern stehen die  Teepflueckerinnen, die immer gut gelaunt sind und jeden Arbeitsschritt gemeinschaftlich ausueben.
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Die Doerfer, die wir durchqueren, werden mit jedem Schritt schoener und unberuehrter. Kinder begruessen uns aufgeschlossen, Erwachsene druecken uns ihre Babys in den Arm und Grossmuetter, in traditionellen Gewaendern, betrachten unsere Fotos und weisen uns den Weg.
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Zwischen den Doerfern reihen sich atemberaubende Berglandschaften aneinander, eingehuellt in Stille, die nur von einem Vogelzwitschern oder dem Rauschen eines Wasserfalls unterbrochen wird. Wandern befreit meinen Kopf von unwichtigen Gedanken.

Nach 2 Stunden treffen wir die lokalen Schnapsbrenner, die uns mit glasigen Augen, stolz ihre blubbernden Faesser voller hochprozentiger Koestlichkeiten zeigen. Sekunden spaeter, halte ich ein volles Glas in meiner Hand, eine undurchsichtige Fluessigkeit, die noch staerker schmeckt, als sie riecht. Ein bisschen wie Obstler.
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Wir erreichen das naechste Dorf, das auf einem gruenen Huegel thront, nicht direkt an der Strasse liegt und nur per Schlaengelwegen zu erreichen ist. Neben dem Dorf steht ein noch abgelegenderes Haus, das sofort mein Interesse weckt.  Wer mit so einer Aussicht lebt muss doch eine gute Seele sein.

Ich wollte das schon immer mal machen, eine interessante Wohnung oder Eingangstuer sehen und einfach mal sehen wer dort wohnt. Das ist wie einen Koffer ersteigern, von dem man nicht weiss was drin ist.

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Zuerst laufen wir  an dem Dorf vorbei, ich zoegere Chris ist meinen Plan einzuweihen, wenn ich richtig liege, dann bin ich der Held, wenn nicht, bekommt mein Bauchgefuehl Vertrauensverluste.

Da wir aber nur die Dinge bereuen, die wir nicht machen, erklaere ich meinen Plan und wir entscheiden uns umzukehren und es zu versuchen. Nicht nur vorbeischauen, sondern  fragen ob wir dort schlafen koennen. Wenn es nicht klappt haben wir ein Problem, denn die Sonne geht in einer Stunde unter.

Etwas mulmig und in langsamen Schritten laufen wir durch zugewachsende Wege und muessen einen Bach durchqueren, um die andere Seite zu erreichen. Ein Kind steht wie angewurzelt am Ende des Weges und laeuft sofort ins Haus, um die Anderen ueber die Neuankoemmlinge zu informieren. Ich fuehle mich wie ein Eindringling.

Im Garten steht ein aelterer, schuechterner Herr, wir gruessen und fragen mit zusammengefalteten Haenden, und eine Schlafgeste imitierend, ob wir hier uebernachten koennen. Er nickt, doch ich bin mir nicht sicher, ob er uns verstanden hat. Wir werden ins Haus gebeten, riesige Raeume aus dunklem Holz, kaum Moebel, eine Feuerstelle und drei Holzbaenke begruessen uns. Wir setzen uns auf den Boden und bekommen einen Reissack als Unterlage und eine Decke gereicht. Vielleicht denkt er ja, wir wollen uns nur kurz ausruhen oder er ist einfach zu freundlich, um nein zu sagen.

Ich bin unschluessig, bisher nur ein kleines Kind und ein aelterer Mann, der uns Tee serviert.  Wir teilen unsere letzten Kekse und Trockenfruechte und spielen mit dem Plastikdeckel Frisbee im Wohnzimmer.

Die unklare Stimmung verfliegt mit dem Erreichen der Dame des Hauses, mit breitem Lachen betritt sie das Haus, wirft die gepflueckten Teeblaetter von der Schulter und freut sich ueber unseren Besuch. Sie kann nur einige Englisch, doch sie hat keine Scheu zu kommunizieren und gibt uns das Gefuehl eines warmen Willkommens. Sie macht ein Feuer, schneidet  Kraeuter, Spinat und bringt den schweren Reistopf zum Kochen.

Wir teilen ein koestliches Abendessen, sitzen auf kleinen Hockern um das Feuer, der Grossvater, die Mutter, der Sohn und die Teenagertochter, die unheimliche Angst vor uns zu haben scheint.

Im Wohnzimmer wird die Glut des Kuechenfeuers auf einem grossen Viereck ausgebreitet und spendet Waerme fuer die kuehlen Abende.

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Danach klopfen Nachbarn an der Tuer, die offensichtlich jede Nacht hier zusammenkommen, um gemeinsam vor dem DVD Player zu sitzen. Die meisten von ihnen trauen ihren Augen nicht, als sie uns in der Kueche sitzen sehen. Erschrockene, verblueffte und sehr schockierte Gesichter blicken uns an wie Menschen aus einer anderen Welt. Ich bin sehr froh unsere Gastmama zu haben, die mich mit ihrer Offenheit beeindruckt, die unter den gleichen Bedingungen lebt, wie alle Anderen in diesem Haus und doch ohne Angst Neuem begegnet. Sie laechelt und versucht den Nachbarn ihre Scheu zu nehmen.

Im Wohnzimmer sehen der DVD Player und die Holzbaenke fast aus  wie ein kleines Kino. Auf Maximallautstaerke, mit schnarrendem Ton und Bild werde die naechsten 3 Stunden unryhtmisch klingenden burmesischen Popsongs laufen. Alle starren uns bei jeder unserer Bewegungen an, wenn wir zurueckschauen, drehen sie schnell ihre Koepfe weg.
Der Blitz meiner Kamera erschreckt sie so sehr, dass einige panisch aus dem Raum laufen. Mein neuer Vertrauter , der juengste Spross der Familie versucht allen die Kamera zu erklaeren und ihnen die Angst zu nehmen, aber an diesem Abend  wird niemand seine Bedenken ablegen.

Gegen Mitternacht sind wir die Einzigen im Raum, kein DVD Player stoert mehr das naechtliche Zirpen, dafuer leuchtet jetzt eine grelle Neonlampe ueber uns, die wir nicht ausschalten koennen. Sie wird uns um den Schlaf bringen und ich werde diese Nacht verfluchen, doch am naechsten Morgen um 05:00 Uhr wird das Haus wieder mit Leben gefuellt, das Feuer wird entzuendet, eine Morgengebets-DVD eingelegt und der Duft von gekochtem Reis wird das Wohnzimmer durchstroemen.
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Es werden stolz Fotos des Soehne gezeigt, die als Moenche im Kloster leben. Niemand will unser Geld annehmen, wir verteilen ein paar kleine Geschenke , der Grossvater geniesst die langsamen Zuegen seiner selbstgedrehten Zigarette, der Sohn kriecht vertrauensvoll unter unsere Bettdecke und die Mama serviert uns ein riesiges Fruehstueck mit ihrem guetigen Laecheln. Wir hatten Glueck so aufgeschlossene Menschen zu finden und in einer Familie zu sein, die  wahrscheinlich nie wieder,  einfach so, von Touristen besucht wird.  Wir sind von Fremden zu Freunden geworden.

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