Die groesste Sorge der Individualreisenden in Burma ist es, die Taschen der Staatskasse moeglichst wenig zu fuellen und somit das Regime nicht zu unterstuetzen. Deshalb sollte sich der verantwortgungsvolle Reisende grundsaetzlich fuer Busse und gegen Schiffe und Zuege entscheiden, denn die sind  100% staatlich. Die Praxis sieht gluecklicherweise anders aus, wir entscheiden uns fuer eine Zugfahrt vom  Inle-See nach Thazi und beweisen, dass jeder Reisende in Burma- ohne schlechtes Gewissen- Zugfahren sollte
. Auf den Gleisen der Vergangenheit.

Am Bahnhof sitzen zwei Beamte in schneeweissen Hemden, sie laecheln, ich darf Fotos machen. Die 10stuendige “Upperclass” kostet 7$, die “Ordinary Class” 3$. Wir entscheiden uns fuer die billigste Klasse, gezahlt wird in Dollar, Name und Herkunftsland werden vom Pass notiert und dann druecken sie uns ein vergilbtes Altpapier in die Hand. Nr. 164500 ist unsere Fahrkarte ins urspruengliche Burma.

Nach dieser freundlichen Begruessung frage ich mich das erste Mal, wie ich die “Boesen” in Burma erkennen kann. Ab wann macht sich ein Mensch mit strafbar und unterstuetzt ein militaerisches Regime? Diese zwei Herren von der Fahrkartenausgabe, staatlich angestellte Mitarbeiter, machen jedenfalls einen recht harmlosen Eindruck.

Der erste Zug passiert den Bahnhof, alles ist gruen, ueberall sind Uniformen. Es handelt sich definitiv um Burmas Militaer und die sind doch jetzt eindeutig der falschen Seite zuzuordnen. – Doch auch sie sind richtig freundlich, sie legen ihre Waffen ordentlich auf dem Boden ab, kauen Betel, trinken Tee, knuddeln ihre Kinder und umarmen ihre Ehefrauen.

Foto von Chris Cooke

Wir versuchen uns in die Ordinary Class zu druecken, die wirklich ordinary aussieht, harte Holzbaenke, der gesamte Boden vollgestellt mit Kisten, die Menschen klettern aus den Fenstern, um auszusteigen und wir kommen weder rein noch raus mit unseren riesigen Rucksaecken.


Eine junge Mutter stillt ihr Kind, eine Grossmutter winkt mir freundlich zu und ein Beamter erklaert mir, wir koennen die Upperclass nutzen und muessen auch nicht mehr bezahlen. Soviel Entgegenkommen habe ich nicht erwartet.

Chris ist ein wenig enttaeuscht, ich bin ein wenig erleichtert, die Upperclass ist fast leer hat aber wenig von Upper-Gefuehl. Schiefe graue Sitzbaenke, ein lindgruener Anstrich aus vergangenen Jahrzehnten, ein paar Reissaecke und offene Fenster, bei denen wir eine kleine Glasscheibe und ein Holzbrett runterziehen koennen.

Wir starten in Fahrradgeschwindigkeit, draussen stehen Kuehe  am Hang, Menschen im Fluss, leuchtend blaue Schmetterlinge sitzen auf den pinken Blueten und Kinder spielen Fussball.

Der Zug  schlenkert so stark von rechts und links, als wuerden wir jeden Moment entgleisen, alles fuehlt sich genauso alt an, wie es ist.  – ein Schienensystem aus der britischen Kolonialzeit.

Foto von Chris Cooke
Foto von Chris Cooke

Wir hupen uns durch durch die Landschaft. Wir streifen tiefe Taeler, gruene Berge und gelegentlich wird in einigen Ortschaften die Schranke per Hand runtergehalten.





Bananenpflanzen, Pinienwaelder und Sonnenblumenfelder praegen die Landschaft.

Wir halten an einem kleinen Bahnhof, ein Junge mit komplett Tanaka gefaerbten Gesicht begruesst freudig den ankommenden Zug, dicke Aloe Vera Pflanzen ragen aus dem Boden und ein junges burmanisches Maedchen leuchtet in ihrem zartrosa Longhi, dem traditionellem Kleidungsstueck aller Burmesen.





In Burma transportieren Frauen immer alles auf ihrem Kopf, auf einem kleinen Kissen liegen  Kartoffeln, Weisskohl oder Kuerbisse, die durch das Zugfenster verkauft werden. Ein kleiner Junge mit herzzerreissendem Laecheln traegt eine Holzstange auf den Schultern, an der eine Seite baumelt ein Kochtopf, an der anderen haengt als Gegengewicht eine hellblaue Getraenkekiste. Dampfende Teigtaschen mit Fleischfuellung fuer 400 Kyat (0.40 Euro), ich freue mich so lange ueber den Preis bis meine Sitznachberin nur 100 Kyat (0.10 Euro) zahlt.



Ansonsten wirst du von einem Burmesen aeusserst selten ueber den Tisch gezogen. Sie  bringen uns Essen, damit wir den Zug nicht verlassen muessen, das Wechselgeld und kontrollieren, ob wir auch genug in unseren Plastikboxen haben. Sie bietet uns Nuesse, Chips und ihr eigenes Essen an, aber sie nehmen niemals etwas an, was wir ihnen anbieten.

Der Zug fuellt sich, mindestens 3 Menschen quetschen sich auf eine Bank, es wird gelacht, geschwatzt und geraucht, wir bleiben die einzigen Touristen.


Immer wenn der Zug das Gleis wechselt, fahren wir zu weit in die falsche Richtung, dann werden die Gleise neu verlegt und wir tuckern zurueck. Nach Sonnenuntergang geschieht etwas sehr Romantisches in Burmas’ Zuegen, der Schaffner zuendet ueberall Kerzen an und so tuckern wir im sanften Licht durch die Nacht. Wenig Strom erleuchtet einige Fenster in den vorbeiziehenden Doerfern, es regnet, die Holzverriegelungen werden geloest und die Fensterscheiben heruntergezogen. Noch 6 Stunden bis zur Ankunft, ich haette gern Tee und mir ist eiskalt.

Wir schlafen ein paar Stunden, es ist unbequem, mein Nacken schmerzt und ich wuerde jetzt wirklich gerne angekommen. Das extreme Wackeln des Zuges ist in der Dunkelheit noch beaengstigender als bei Tageslicht.

Foto von Chris Cooke
Foto von Chris Cooke

Der Schaffner geniesst die Ruhe in den letzten Arbeitsstunden, er setzt sich zu uns und raucht eine Zigarette. Die gesamten 12 Stunden hat er versucht, uns nicht besonders freundlich zu behandeln, doch jetzt taut selbst er auf. Er winkt die Kinder zurueck, die er eben noch neben unseren Sitzen verscheuchte und wenn ich genau hinsehe, ist sogar ein leichtes Laecheln auf seinem Gesicht zu erkennen.

Wir erreichen Thazi um Mitternacht, 6 Stunden spaeter als erwartet. Am Bahnhof liegen unzaehlige Menschen auf dem Boden, sie schlafen, essen und warten. 3 Pferdekutschen stehen am Eingang, die Plastikschonbezuege werden von unseren extrem kurzen Betten im Guesthouse Moonlight gezogen und ich falle in einen tiefen Schlaf, ich bin so unfassbar muede von all den Eindruecken und Stunden im Zug. Heute fuehlte es sich wirklich an, als reisten wir in eine andere Zeit, wir waren mitten in der Vergangenheit, fuer 3 Dollar pro Person.

Gute Nacht, Burma, ich habe gelernt, dass die Linie zwischen den Boesen und den Guten nicht immer klar gezogen werden kann.

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