Wir sitzen in der indischen Botschaft von Yangon, um unser Visa zu beantragen. Es ist so angenehm kuehl hier, der Luxus einer Klimaanlage und zusaetzlich dreht sich ein riesiger Ventilator genau ueber dem Tisch, an dem wir unsere zwei riesigen Dokumente ausfuellen, die durch den Wind staendig vor die Fuesse meines indischen Sitznachbarn fallen. Es ist richtig nobel hier, massive Holzmoebel, ein riesiger Fernseher und echte Hardcover-Buecher, normalerweise gibt es in Burma vorwiegend kopierte Buecher.

Wir verlassen das indische Kuehlhaus und laufen durch die erbarmungslose Mittagssonne, ich kaufe ein saftiges, rotes Stueck Wassermelone fuer 0.20 Euro und einen gekochten Maiskolben fuer 0.30 Euro am Strassenrand.

Die Busfahrt zum eigentlichen Busbahnhof dauert jetzt schon eine Stunde, wir sitzen eingequetscht auf der Rueckank und unter uns laeuft eine Heizung (!) Es hat ueber 30 Grad und hier laeuft eine Heizung. Ich verbrenne zuerst meine Wade und dann meinen Hintern. Wir springen beim Fahrkartenverkaeufer raus, wir sind die einzigen Touristen, ein Buchhaendler will uns “Englisch Conversation” verkaufen, das einzige englische Buch im Bestand. Wir sind umzingelt von Wasserflaschenverkaeufern und neugierigen Augen.

Die Busfahrt koennte fast entspannt sein, wenn der Busfahrer nicht in Dauerschleife hupen wuerde. Wir tucker vorbei an gruenen Feldern, Ochsen ,  die auf dem Mittelstreifen grasen und aelteren Geschwistern, die die Kleineren auf dem Fahrradsattel transportieren. Ein Regen, der die Frontscheibe komplett verhaengt, Regentropfen, die zu Tausenden auf die Strasse niederprasseln und zu meiner linken ein Fussballfeld, indem ein Kind mit Ball vor einem Tor und 5 Bueffel vor dem anderen Tor stehen.

Foto von Chris Cooke

Ausstieg in Bago und 7 Maenner, die schreiend vor der Bustuer stehen und uns irgendwas verkaufen wollen, eine Unterkunft, eine Motorradfahrt oder einen neues Busticket.

Wir entscheiden uns fuer einen weiteren Bus,  sagen Goodbye zu Ken mit dem Cowboyhut und Mr. Gi mit den indischen Vorfahren und springen nach drei Glaesern suessem Tee und frittierten Samosas in den naechsten Bus, der bereits bis auf den letzten Platz gefuellt ist.

Foto von Chris Cooke
Foto von Chris Cooke

Die Mittelsitze werden fuer uns ausgeklappt und so sitzen wir, fuer Jedermann gut anzuschauen, im Mittelgang hintereinander. Jeder Passagier wird mit einer Plastiktuete ausgestattet, die nicht fuer aufkommende Uebelkeit, sondern den roten Betelnuss-Speichel gedacht ist. Und so wird gespuckt und gesabbert, blutrot gefuellte Beutelchen wedeln vor den Sitzen nach links und rechts, neben Chris sitzt ein sehr betrunkener aelterer Herr, etwas anstrengend, aber mit breitem Laecheln, roten Zaehnen und einer genervten Ehefrau, die ihm liebevoll, aber hart auf den Hinterkopf schlaegt.

Foto von Chris Cooke

Draussen geht die Sonne unter, ein gold-gelbes Licht legt sich  ueber weite Felder und im Bus-Inneren laeuft  ein viel zu lauter Film, mit traditioneller, burmesischer Musik, die fuer das westliche Ohr anfaenglich nicht sehr rythmisch klingt. Der betrunkene Mann steigt aus, schlaegt Chris und meine Hand zusammen und haelt sie sich dann an die eigene Stirn, es fuehlt sich an wie ein Segen. Die Ehefrau dreht sich ein letztes Mal entschuldigend um und dann torkeln sie davon.

Eine Stunde spaeter und allmaehlich vertraut mit der burmesischen Volksmusik stopt der Bus vor einem gemuethlichen Restaurant, ein Familienbetrieb, indem die Kinder bereits mit Regenschirmen aufgereiht vor der Bustuer warten.

Frisches Gemuese, lockerer Reis, Salate, Chilisossen, der ganze Bus sitzt gemeinschaftlich an Plastiktischen, ueber uns prasselt der Regen aufs Blechdach, vor uns sitzt Vegetarier Steven und hinter uns liegen zwei Hunde friedlich in den Schlaf eingekringelt.

Sobald eine Schale leer ist, wird sie wieder aufgefuellt, einzelne Zigaretten werden zum Tee gereicht und Steven laedt uns zum Essen ein. Wir sind vielen grosszuegigen Menschen auf unserer Reise begegnet, aber waehrend einer lokalen Busfahrt von einem Einheimischen zum Essen eingeladen werden, auch wenn er in 5 Minuten aussteigen wird und uns nichts verkaufen will, nein das ist uns noch nicht passiert.

Mein Glueckstaumel haelt nicht lange an, denn die letzten 10km muessen wir auf Motorraedern zuruecklegen, Chris wird spaeter behaupten, ich reagiere ueber, deshalb an dieser Stelle nur die Fakten.

Viele Einheimische haben uns gewarnt, nachts Motorraeder  zu benutzen, denn die starken Regenfaelle ueberschwemmen die Strassen. Mein Fahrer liebt diese riesigen Pfuetzen, wir brettern genau durch den tiefsten Wasserstand, ich bin nass bis auf die Unterwaesche. Aus unerfindlichen Gruenden macht er staendig sein Frontlicht an uns aus und so brettern wir durch die Dunkelheit in Hoechstgeschwindigkeit, ich trage keinen Helm und es gaebe hier weit und breit keine aerztliche Versorgung. Um mich herum sind keine Doerfer, kein einziges Licht, selbst Chris ist auf seinem Motorrad ausserhalb meiner Sichtweite. Ich habe Angst und kralle mich an den burmesischen Jugendlichen, der mich am Ende sicher ans Ziel bringen wird. Ueber manche Dinge auf Reisen ist man im Nachhinein stolz, aber man will sie nie wieder machen.

Wir haben Kyaikto erreicht, genau einen Tag Anreise fuer einen Zentimeter auf der Landkarte, Burmas Strassennetz laesst uns langsam reisen.

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