Neonroehren, statt Kaffee

Ich wache um 7:00 Uhr, das fensterlose Zimmer ohne Bad ist stickig und dreckig, eine grelle  Neonroehre scheint auf mich herab, ich fuehle mich noch nicht angekommen in Burma.

Die Strassen sind ruhig, ein paar Kinder in Schuluniformen warten auf den Bus und ich nehme Platz im  LionWorld, eine Mischung aus Eckkneipe und Marktrestaurant. Unter roten, blauen und gelben Plastikdeckeln befinden sich Zigaretten, die einzeln zum Tee verkauft werden. Braune massive Holztische, Frittiertes in einer Glasvitrine und Hochprozentiges auf dem Regal. Die Ausstattung erinnert ein wenig an das  ostdeutsche Bahnhofsrestaurants, Mitropa.

Ansonsten gibt es durchaus Unterschiede zur ostdeutschen Vergangenheit. Hier giesst der Kellner die Blumen am Buddha- Schrein, im Fernseher laufen Gebetsgesaenge auf Maximallautstaerke, die mit eingeblendeter Karaokeschrift von Jedem mitgesungen werden koennen. Meine Haare kleben vor Hitze im Gesicht,  der Kellner beendet sein Morgengebet,  bringt mir ein Glas schwarzen Tee und verschuettet das Meiste davon auf der Untertasse. Er lacht freundlich, ich haette gern Kaffee.

Foto von Chris Cooke. Buchhaendler in Burma

Tanaka- das burmesische Make-Up

Yangons Gassen werden zu einem bunten Markt, ueberall lachen freundliche Augen aus unbeweglichen Gesichern, die durch die Tanaka Paste wie versteinert sind. Ein Pulver, dass aus Tanaka-Holz gewonnen wird und mit etwas Wasser vermischt zur wahren Wunderwaffe wird. Sonnenschutz, Lotion, kuehlend , dekorativ und ein Weissmacher, denn weisse Haut gehoert zum angestrebten Schoenheitsideal in den meisten asiatischen Laendern. Fast jedes burmesische Gesicht ist eingehuellt in Tanaka.


Wir streifen Apfelsinen, Zitronen, Fisch, Suesskartoffeln, Maiskolben, Kuerbisse, Karotten, Tomaten, Chilischoten, Eier und erreichen ueber eine Bruecke den Bogyoke Aung San Market. Juwelierstaende, Jade, Gold und Edelsteinstaende reihen sich sauber nebeneinander auf. Gelegentlich kommt ein , in die Arbeitslosigkeit gedraengter, Burmese auf uns zu und fluestert: “Moneyexchange, Moneyexchange”. In der letzten Jahren war der einzige Ort, um Dollar in Kyat zu tauschen, der Markt, doch heute sind Banken der sicherste Ort einen guten Umtauschkurs zu bekommen.

Die Betel-Sucht

An jeder Ecke stehen Betelnussverkaeufer. Es riecht nach Chemikalien, drei gefuellte Blaetter kostet 100 Kyat. Das Suchtmittel Nr. 1 in Burma besteht aus Kalk, Betelnuss-Kruemeln, Anis oder Pfefferminz und Kautabak, die in ein gruenes Blatt gewickelt werden, das sich dann in die Wange gesteckt wird.

Ganz Burma ist der Sucht nach Betelnuessen verfallen, deswegen haben die meisten blau-rote Zaehne, rotzen staendig ihren Rachen frei  und spucken die rote Suppe dann auf die Strasse. Ueberall am Boden sind blutrote Flecken. Es braucht drei Tage um sich an die Betel-Kultur zu gewoehnen und sich nicht mehr zu sehr zu ekeln.

Es ist drueckend heiss, wir fluechten in die kuehle Markthalle, sitzen vor  Teeglaesern und kleinen Schuesseln gefuellt mit Kuerbis, Reis und Blumenkohl, wir zahlen 2 Euro pro Person.

Nur zwei Stunden schwindet die Hitze, jetzt regnet es in Stroemen, innerhalb von Sekunden steht das Wasser in den Strassen, die Menschen laufen knoecheltief im Wasser, jedes Licht, jede Haeuserfassade und jedes Rot der Moenche spiegelt sich in der Wasseroeberflaeche. Wunderschoen.

Foto von Chris Cooke

Wir springen in den lokalen Bus, dessen Nummern nur in birmesisches Schriftzeichen erscheinen, der Busfahrgehelfe schreit das naechste Ziel von innen nach aussen, hilft Menschen in den Bus und wieder raus und kassiert den Fahrpreis. 0,20 Euro.

Typisch burmesisch essen

Wir essen in einem typisch burmesischem Strassenimbiss, der fast immer aus Plastikhockern in Miniaturausgabe besteht, einem passenden Mini-Plastiktisch und einer Kanne mit chinesischem Gruentee, der immer kostenlos ist.

Eine ganze Grossfamilie serviert hier. Es ist dunkel, ueber uns leuchten nur ein paar wacklig, verschraubte Neonroehren. Die Mutter hat 16 Toepfe vor sich stehen, in denen sich verschiedene Beilagen befinden, die spaeter mit weissem Reis gemischt werden. Burmesische Hausmannskost. Salate, Haehnchenschenkel, Maiskoerner, Spinat oder Schweinegulasch. Der Sohn schneidet die Tomaten mit der Schere, ein Gast stochert mit einem Zahnstocher in seiner Mundhoehle rum und Muecken stechen in mein Fussgelenk.

Um uns herrum sind alle Tische gefuellt, es wird an Teetassen genibbt, auf Mobiltelefonen rumgedrueckt, geschwatzt, gelacht und gegessen. Fast alle rauchen. Wir zahlen 0.90 Euro pro Person und laufen barfuss die Treppe zur Swedagon-Pedagoge hinauf.

Ein Ort aus Gold – Shwedagon

Er gilt als Wahrzeichen Burmas und ist einer der berühmtesten Stupas der Welt.  Ich habe selten so einen beeindruckenden Ort gesehen. So viel Gold, Edelsteine und Buddhafiguren mit kitschig, blinkenden Hintergundlicht. Es regnet sich ein, blaue Gummimatten liegen auf dem rutschigen Boden, Moenche in roten Gewaendern meditieren und Menschen tasten sich von Perle zu Perle an ihren Gebetsketten. Ein magischer Ort.

Foto von Chris Cooke

Foto von Chris Cooke
Foto von Chris Cooke
Foto von Chris Cooke

Die Busfahrt zurueck gibt mir dann echte Burma-Gefuehle. Soviele Menschen pressen sich in das alte Gefaehrt, kalter Fahrtwind blaest durch die offene Tuer, Chris stoesst sich staendig den Kopf an der niedrigen Decke, zwei Verkaeufer schieben sich mit einem Warenkorb durch die Masse und ich haenge an einem grauen Gummigriff. Wir sind jetzt wirklich hier, in diesem Land, von dem die Aussenwelt so wenig weiss.

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