Kambodscha/ Wir sind mitten im Nirgendwo, am Himmel formen sich dicke Zuckerwatte-Wolken, um uns herum liegen nur Reisfelder und Matschwege. 2 Stunden entfernt von der naechstgroesseren Stadt, keine Busse, keine Taxis, aber eine intakte Dorfgemeinschaft, in der es mehr Kinder, als Erwachsene gibt.

Tag 583 meiner Weltreise macht mich zur Englischlehrerin. Wir leisten Freiwilligenarbeit in einer Nachmittags-Dorfschule in Kambodscha. Es gibt keine Plaene, Arbeitszeiten oder sonstige Verpflichtungen.  Wir beziehen einen grossen Holzraum ueber der Schule.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine Doppelmatratze mit Moskitonetz. 5 Dollar zahlen wir pro Tag, dafuer bekommen wir 3 Mahlzeiten, doch das Leben in einer echten kambodianischen Familie stellt mich vor Herausforderungen.

Alle sind unglaublich zuvorkommend und freundlich, so faellt es mir schwer Dinge zu kritisieren, Dinge, die hier normal sind. Fuer mich ist es ein Leben im Muell. Es gibt keine Muellentsorgung in diesem Dorf, verbrennen oder vergraben sind die einzigen Moeglichkeiten, also schmeisst jeder seinen Muell einfach in den Garten, unter den Tisch oder in den kleinen Teich. Hunde lecken die Toepfe und das Geschirr ab, fette Fliegen schwirren ueber dem rohen Fleisch,  Entenscheisse,  und Plastikflaschen so weit das Auge reicht. Selbst die Schulbaenke stehen im Muell, ich versuche ein gutes Beispiel zu geben, sammel Muell bevor wir den Unterricht beginnen, einige Kinder versuchen zumindest zu helfen, doch wie sollen sie es lernen, wenn die Erwachsenen es ihnen jeden Tag falsch vorleben?

Nari, Teri, Davin, Arn, Naeke, Sreiniet, Punlaep und Sopdjiea sind die ersten acht Vornamen, die ich mir merken kann. Bleiben noch 46. Wir sollen Bilder zeichnen und das englische Wort darunterschreiben, dann buchstabieren 54 Kinderkehlen, mehr und weniger im Einklang, das neue Wort. Immer und immer wieder.

Chris malt eine Sonne mit Sonnenbrille, Pferde, Baeume, Berge und Wolken.
Angry Bird!!!!“ schreien die Kleinen und Chris malt ein Angry Bird. Sie lieben Angry Bird, das ist wie Hello Kitty in Japan.

Das Schwerste ist ueber 50 Kinder zu koordinieren, die werden einfach nie muede, selbst einfachste Aufgaben werden zur Herausforderung. Ich entscheide mich fuers Malen, Malen kann ja nicht so schwierig sein, 54 x jedem Kind ein Blatt in die Hand druecken, Stifte verteilen, Streit um Farben schlichten, nach 5 Minuten ist Jeder fertig, kommt nach vorne gelaufen und drueckt mir sein Kunstwerk in die Hand. 54 x Loben, 54 Blaetter wieder zurueckbekommen und erst 10 Minuten Zeit gefuellt.

Ich weiss weder, was ich mit diesen ganzen Zeichnungen machen soll, noch wie ich die naechsten Stunden fuelle. Lehrer sein klingt einfacher als es ist.

Ich will dem Auswendig-Lern-Unterricht etwas mehr Lebendigkeit geben, Lernen soll schliesslich Spass machen und sie sollen ja englisch sprechen lernen und nicht nur sinnloses Buchstabieren, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Ich wechsel zu Geografie, male akribisch Karten von allen Nachbarlaendern, zeichne Hauptstaedte ein und versuche etwas ueber die Laender zu erzaehlen.

Kommt nicht besonders gut an, nachdem Thailand, Vietnam und Laos zu Ende buchstabiert sind, kommt ein Kind nach vorn und wischt meine schoenen Kreide- Laender weg, es folgt eine knappe Erklaerung, „No Vietnam, no Thailand, no Lao“. So schnell ist die Sache zwischen uns entschieden, es laeuft also jetzt wieder nach ihrem Plan, einen Buchstaben im Alphabet waehlen, alle Worter mit dem Buchstaben aufschreiben und dazu ein Bild malen.

Heute habe ich kein Glueck und erwische den Buchstaben „u“, es gibt nicht viele „u“ Worte, die ich malen kann, ich bin frustiert.

Doch es gibt keinen Grund fuer Frustration, denn die Kinder erwarten weder einen lebhaften Unterricht, noch westliche Lernziele, sie wollen einfach nur beschaeftigt werden. Zeit mit ihnen verbringen, spielerisch englisch lernen und in ihre Welt eintauchen, das ist der Austausch von Freiwilligenarbeit. Also werfen wir alle Lernplaene ueber Bord und nehmen uns Zeit.

Chris wird vom Lehrer zum Maler, eine Leiter gibt es nicht und so dauert es einen Tag bis ein Baum gefaellt und ein Geruest gebaut ist.

Sie zeigen uns ihr Dorf, wie eine grosse Attraktion fuehren sie uns an jedem Haus vorbei, laufen mit uns zum Buddha-Altar, erklaeren wie ich zu beten habe und meine Fuesse richtig halte. So sitze ich auf staubigem Boden, nicht im Schneidersitz, sondern die Beine nach rechts weggeklappt und bete mit ihnen.


Wir machen zusammen Yoga und es wird mehr gekichert, als geatmet. Sie wollen so nah an mir liegen oder stehen, dass wenig Platz fuer professionelle Yogahaltungen bleibt, aber ich hatte noch nie so viel Spass beim Yoga wie in diesen Stunden.

Ich werde mich immer an den kleinen Jungen erinnern, bei dem alle Kinder schrien, dass er nicht bei der Yogastunde dabei sein darf. Der scheinbare Stressmacher, den es in jeder Gruppe gibt, der so selig und anmutig allein durch den Raum tanzte, als Chris Musik spielte.

Fat Freddys Drop  machten aus ihm den gelassenesten Jungen der Welt.

Wir gehen spazieren, sie stecken uns Blumen ins Haar und singen uns ihre Lieblingslieder vor. Die untergehende Sonne spiegelt sich verfuehrerisch in den feuchten Reisfeldern. Es gibt keine Probleme, Freundschaft mit Kindern zu schliessen, Kinder gehen furchtlos und offen auf alles zu, sie leben im Hier und Jetzt.

Ich lerne, was Kinder wirklich brauchen. Vertrauen. Alle Kinder lieben Kameras, sie lieben es zu fotografieren uns sich danach selbst zu sehen. Meine Kamera ist nicht das guenstigste Modell, doch ich gebe sie ihnen, ich werde nicht nervoes, als klebrige Haende auf der Linse rumtatschen und sie laufen und klettern, um das Foto ihrer Wahl zu machen. Ich gebe ihnen mein Vertrauen und ich wurde nie enttaeuscht, meine Kamera kommt immer wohlbehalten und mit wunderbaren Motiven, die ich selbst nicht gesehen haette, zurueck.

Nach einer Woche verabschieden wir uns mit schwerem Herzen, wir drucken Fotos und geben sie den Kindern, eines der besten Geschenke, die man auf Reisen verteilen kann. Fuer unseren Abschiedsabend haengen gehaeutete Froesche, an den Beinen zusammengebunden, ueber dem Feuer und es wird eine Suppe mit dicken Ameisen serviert, zwei Delikatessen in Kambodscha.

Wie immer sprechen alle um uns herum mit vollem Mund und schmeissen die Knorpel, die an jedem Stueck Fleisch, haengen direkt unter den Tisch, wo bereits die Hunde warten. Es stoert mich nicht mehr, genauso wenig wie die dicken Spinnen, mit einem Totenkopf auf dem Ruecken, im Wasserbecken. Ich nehme das Gefuehl mit, das Menschen voller Optimismus und Grosszuegigkeit der naechsten Generation einen besseren Start ermoeglichen wollen, ein Start, der mit Bildung beginnt.

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