Fotos von Chris Cooke und Jenny Jakobeit

Die antike Tempelstadt Angkor wurde zwischen dem 9 und 13 Jahrhundert errichtet, sie war das Zentrum des Khmer – Reichs. Im 15 Jahrhundert wurde Angkor groesstenteils aufgegeben, dichter Urwald zerstoerte viele Tempelanlagen. Unter der Schreckensherrschaft von Pol Pots zog eine neue Leidenswelle ueber das gesamte Land, der Buddhismus sollte komplett zerstoert werden, unzaehligen Buddhafiguren wurden gekoepft, weitere Tempel wurden vernichtet, ein kulturelles Erbe wurde niedergeschmettert.

Heute befinden sich die Tempelanlagen im Wiederaufbau, tausende Steine werden nummeriert, restauriert und wieder zusammengebracht. Das groesste Puzzle der Welt – Restaurantionsarbeiten fuer Generationen.

Die Vegetation bildet heute eine fazinierende Verschmelzung von Natur und Stein. Eine schmale Gradwanderung fuer Wissenschaftler, welche Wurzeln und Baeume erhalten und welche zerstoert werden muessen, um die Tempelanlagen zu schuetzen.

Ueber 1000 Tempel und Heiligtuemer wurden bis heute entdeckt, die Tages – Karte kostet 20$, wir entscheiden uns fuer das 3-Tagesticket, 60 $. Aufgrund der enormen Groesse ist es unmoeglich Angkor per Fuss zu erkunden, die meisten Touristen buchen sich einen Tuk Tuk Fahrer fuer 15 Dollar am Tag, der einen von Tempel zu Tempel faehrt.

Eine reizvollere, wenn auch schweisstreibende Alternative ist das Fahrrad, denn nicht nur die Tempel sind fazinierend, sondern das gesamte Leben dazwischen. So sitzen wir auf unseren Raedern, die bei jeder Bewegung ein lautes Quietschen von sich geben.

Es ist Regenzeit in Kambotscha, die Waelder zwischen den Tempelanlagen sind saftig gruen und bluehen in ueppiger Vegetation, eine Affenmama traegt ihr Neugeborenes durch die Baumkrone und entlaust ihm liebevoll den Hinterkopf. Wind weht sanft durch das gruene Reisfeld und jeder einzelne Halm tanzt wie nach einer Choreografie von links nacht rechts.

Beruhigende Moenchsgesaenge stroemen durch die alten Gemaeuer, kahlrasierte Frauen verteilen Raeucherstaebchen an Touristen und erwuenschen im Gegenzug eine Spende fuer die Tempel.


Die Einwohner haben gelernt, ihr Geld mit den Touristen zu verdienen. Je groesser und beruehmter der Tempel, desto mehr Verkaeufer, vor allem Kinder, warten vor dem Eingang.

“1,2,3,4,5,6,7,8,9,10”, zaehlen sie immer wieder in englisch, weichen nicht von meiner Seite und zeigen dabei ihre 10 Postkartenmotive. 10 Karten fuer einen Dollar. Nach unzaehligen Postkarten-Kinder-Verkaeufern bin ich kurz davor einen Stapel zu kaufen, klingt doch nach keinem schlechtem Deal.

Doch! – Es ist ein schlechter Deal, kaufe niemals von Kindern oder gebe ihnen Suessigkeiten! Das ist nicht immer leicht, aber das Einzige was mich die Kinder mit ausgestreckter Hand und hinreissendem Laecheln fragen ist “Dollar, Sweets, Dollar”.

Touristen haben sie dazu gemacht, Touristen wie der freundlich Koreaner neben mir, der in guten Absichten kommt und grosszuegig einen 5 Dollarschein in kleine Haende drueckt. Mit Haenden und Fuessem versucht er  zu erklaeren, dass dieser Schein doch bitte durch alle 10 Kinder geteilt werden soll.

Wenige Minuten spaeter wird ein schlecht gelauntes Familienmitglied kommen und den Schein in seine eigene Tasche stecken. Er wird unzufrieden mit dem heutigen Postkartenverkauf sein, die Gesichter der Kinder werden sich verdunkeln,  Angst und Gehorsam werden das unbeschwerte Laecheln ersetzen und sie werden weiterziehen, um noch mehr Postkarten, Armbaender und Blockfloeten zu verkaufen.

Doch das weiss der Koreaner jetzt noch nicht, er hat es ja nur gut gemeint.

Auch wir ziehen weiter, der Regen hat die Wege mittlerweile so aufgewuehlt, das sich braunrote Schlammwege unter uns bilden, ich dippe meine Fuesse tief in den kuehlenden Matsch und beobachte das Abendlicht, welches verfuehrerisch durch die Baumspitzen blinzelt.

Wir setzten uns an ein Becken, hoch gefuellt mit Regenwasser und beobachten 5 splitternackte Kinder, die vergnuegt von einer Ecke zur naechsten schwimmen. Je weiter wir radeln, desto weniger Touristen begegnen uns. Links und rechts von stehen atemberaubende Tempel, dessen Schoenheit in Fotos kaum einzufangen ist. Riesige in Stein gemeisselte Gesichter mit breiten Nasen und guetigen Augen blicken auf uns herab.


Die Fahrrad- Tage in Angkor sind heiss, so heiss, dass wir ununterbrochen literweise Wasser in uns hinein schuetten und fast nie eine Toilette benutzen, meine Kleidung ist schweissdurchdtraengt und mein Po wird vom harten Sattel schmerzen, doch wir beenden diese Tage todmuede und uebergluecklich. Die unglaubliche Weite, die Reflektion der Tempel in Seens und Riesenpfuetzen, die kuehlen Steinmauern, die beeindruckende Architektur und die unberuehrte Natur sind die Fazination von Angkor und bieten alles was Angkor Wat nicht hat.


Angkor Wat
ist der bekannteste und weltberuehmte Tempel, der ultimative Tempel, den alle Touristen sehen und der besonders schoen zum Sonnenaufgang sein soll. – und so haben wir uns das viel umpriesende Highlight fuer den letzten Tag aufgehoben und stehen ab 05:30 in einer Masse von Touristengruppen mit grossen Objektiven. Es wird gedraengelt, geschupst und geknipst. Immer und immer wieder, fuer das Foto, das jeder haben moechte.

Auch wir haben das Foto, Angkor Wat bei Sonnenaufgang, plus Spiegelung in der Wasseroberflaeche. Der Sonnenaufgang ist aufgrund des bewoelkten Himmels wenig beeindruckt und was das Foto nicht zeigt, sind die Menschenmassen hinter uns, die sich auch ganz wunderbar im Wasser spiegeln.

Angkor Wat ist ein beeindruckender Tempelkomplex, doch die Touristen nehmen ein wenig die besondere Aura, die dieser einst gehabt haben muss und andere Tempel immer noch haben.

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