Wir wussten das Ganze koennte etwas schraeg werden, eine japanische 60-koepfige Kommune in Japans Bergen, die sich selbst mit ihren Bioprodukten ernaehrt und alles miteinander teilt. Die Konohana-Familie.

Jedes Mitglied der Gemeinschaft ist gleich, niemand ist wichtiger oder unwichtiger.
Sie erziehen Kinder gemeinschaftlich, sie wachsen in dem Glauben auf, sie waeren alle Geschwister.
Sie haben eine gemeinsame Kasse, niemand hat sein eigenes Geld.
Sie essen kein Fleisch und keinen Fisch.
Sie trinken Reis-Kaffee.
Ihr festgelegter Tagesablauf beginnt um 07:30 Uhr und endet gegen Mitternacht.
Sie haben keine Sonntage.

Wir werden 2 Tage mit ihnen leben und arbeiten, 2 Tage, die manchmal an meine Grenzen stossen und mich im naechsten Moment wieder tief beruehren – unser Kommunenleben.

Im Eingangsbereich steht ein riesiges Schuhregal, Strassenschuhe werden hier gegen Hausschuhe eingetauscht, danach Haendewaschen und den Mund gurgeln. Ganz schoen viele Regeln bevor wir den riesigen braunen Saal, mit dem Charme einer praktisch-orientierten Jugendherberge, betreten koennen.

 So viele Menschen, freundliche lachende Gesichter, jeder begruesst uns herzlich und dann Stille. Glockenklare Kinderstimmen schreien im Chor und eroeffnen das Abendgebet. 60 Menschen, verteilt auf 12 Tischen sitzen mit geschlossenden Augen und gefalteten Haenden,  eine Minute spaeter beenden alle Kinderstimmen gemeinschaftlich das Schweigen. Ich frage mich, wie sie das mit dem Timing machen.

Wir werden sofort in die Gemeinschaft integriert, unsere Teller stehen schon bereit, unsere Sitznachbarn sind danach ausgewaehlt, wie gut sie englisch sprechen koennen, stellen uns neugierig Fragen, uebersetzen fuer Andere und erzaehlen von ihrem Leben hier. Wir sind hungrig  und versuchen neben aller Konversation besonders viel zwischen unsere Staebchen zu schieben.

Eine aeltere Japanerin, mit interessanten Falten auf ihrem kleinen Gesicht, kommt an meinen Tisch und sagt, sie wolle mir etwas ueber japanische Esskultur beibringen, denn neben meinem Teller liegen drei Reiskoerner auf dem Tisch und das sei sehr unhoeflich in Japan. Ich gelobe Besserung und schiele zu Chris, der vor einem blitzblanken Tisch sitzt.

Die – Kinder- ernstnehmen- Stunde

Nach dem Essen versammeln sich die Kinder der Gemeinschaft in einer Stuhlreihe vor den Erwachsenen und berichten von ihren Erlebnissen, guten Taten oder Problemen.  Das Mikrofon wird von 3jaehrigen bis zu den Teenagern weitergereicht, Schulnoten werden besprochen, selbstgemalte Bilder gezeigt oder Lieder vorgesungen. Alle Erwachsenden hoeren aufmerksam jedem einzelnen Kind zu, sie antworten mit Ratschlaegen, Lob oder Kritik. 

Ich habe selten so selbstbewusste Kinder gesehen, auf die Frage, ob es nicht schwer fuer die Muetter sei, keine individuelle Beziehung mit ihrem Kind eingehen zu koennen, antwortet unsere Uebersetzerin mit einer ganz anderen Logik: “Die Kinder gehoeren niemanden, auch nicht den Muettern, sie sind freie Wesen, das Loslassen von Besitz traegt zur spirituellen Reifung bei.”

Nach den Kindern sind wir an der Reihe, bekommen das Mikrofon gereicht uns sollen uns vorstellen, 120 Augen starren uns an, Chris ist sehr souveraen und haelt seine Rede halb in japanisch, ich bin ungewohnt nervoes, Hitze steigt in meinen Kopf und meine Stimme ist duenn.

Ich bin muede, brauche ein wenig Zeit fuer mich, wir betreten unser Zimmer, warm, gross und sauber, neben der Tuer haengen unsere Namen in japanischen Schriftzeichen. Unsere Hausschuhe bleiben vor der Tuer, ausserdem ist Essen und Trinken im Raum untersagt. Ich lege mich auf die Futonmatraze, (Matraze auf dem Boden) in frischgewaschende Bettwaesche, beobachte das Raeucherstaebchen, dass langsam brennend einen holzig-suessen Duft im Raum verteilt. Ich versuche mich an Namen, Gesichter und Regeln zu erinnern,  morgen muessen wir um 06:50 aufstehen, doch das Tageslicht schleicht sich bereits um 4:00 Uhr in meine Traeume.

Ich tapse aus dem Zimmer, wechsel von barfuss auf Hausschuh, um zum Bad zu gelangen und wechsel dann wieder von Hausschuh auf Toilettenschuh.

Zurueck Im Hausschuh setzte ich mich an den Fruehstueckstisch, der nur fuer Gaeste gedeckt wird, denn die Konohanas glauben an die Lehre eines japanischen Alternativmediziners, der kein Fruehstueck vorsieht, um das Verdauungssystem davor zu bewahren, immer arbeiten zu muessen.

Fuer uns gibt es Misosuppe oder braunen Reis mit rohem Ei, dazu koffeinfreier Reiskaffee,  fuer den Reiskoerner zwei Stunden geroestet und dann gemahlen werden.  Ich trinke 3 Tassen und hoffe auf ein Koffeinwunder.

`
Wir ziehen unsere bunten Schuerzen an und schluepfen vom Hausschuh in den Draussenschuh zum kollektiven Kartoffelschaelen. Riesige Toepfe, riesige Waschbecken, riesige Schoepfkellen.

 Neben uns sitzt Shin Ichiro, er ist auch ein Gast, erzaehlt uns in fliessendem Englisch, dass die Tage in der Konohana-Familie fuer ihn eher Forschung sind, denn er wird von der japanischen Regierung gezahlt, um eine Studie zur “Nachhaltiglebenden Gesellschaft” abzugeben.

In der Praxis bedeutet das, er lebt in unterschiedlichsten Lebensgemeinschaften und Selbstversorger- Kommunen in verschiedenen Laendern. Menschen, die nachhaltig mit Ressourcen umgehen, im Einklang mit der Natur leben und die Lebensqualitaet untereinander (wieder)herstellen wollen. Ich erzaehle ihm von meiner Freundin Anna, die in Muenchen nach dem Glueck forscht, die beiden haetten sich viel zu erzaehlen.

Mein Glueck ist der 10:00 Uhr Tee, bei dem es eine kurze Moeglichkeit fuer eine heimliche Zigarette gibt, lauwarmen Reistee und einige knackige Gurken mit Merrettichdip.

Wir arbeiten bis 12:00 Uhr, dann Mittagessen, eine Pause bis um 14:00 Uhr und dann wieder arbeiten bis 18:00 Uhr, diese festgelegten Strukturen erinnern mich ein wenig an das deutsche Verstaendnis von Arbeit

An feste Zeiten und  Regeln kann ich mich gewoehnen, nur faellt es mir ueberraschend schwer, immer alles gemeinsam zu machen. Keine Zeit zum Tagtraeumen, Nachdenken, Lesen, keine Zeit fuer mich, nicht mal in der Dusche.

Gemeinschafstschwitzen

Von 17:00 bis 18:00 Uhr ist Frauenstunde in der Gemeinschaftsdusche, die eher wie ein ueberfuelltes Dampfbad aussieht. Ich ziehe meine Kleidung im Vorraum aus,  werfe alles in den “Gemeinschaftswaeschekorb”,  schiebe eine beschlagende Tuer zur Seite und befinde mich im eigentlichen Waschraum.

Vier weisse Plastikhocker stehen vor vier grossen Spiegeln, neben denen ein Wasserschlauch haengt. Eine Kernseife, mit der der gesamte Koerper inklusive der Haare gewaschen wird, denn Konohanas verwenden keine Chemikalien.  Zum Abschluss wird Wasser in eine Plastikschuessel gefuellt und mit genau einem Tropfen Oel vermengt, um mit dieser natuerlichen Spuelung deinen Haaren den letzen Glanz zu verleihen.

Ich fuehle mich sauber, aber mein ganzer Koerper riecht nach geruchloser Kernseife, um mich herrum sind alte Frauen, junge Frauen und viele Kinder – es wird geschwatzt, geseift und geweint, denn Kernseife brennt wie Feuer in den Augen. Zum Abschluss nehme ich in ein heisses Bad im Gemeinschaftsbecken, die Hitze macht mich schlaefrig.
 
Ich ziehe ein Handtuch aus dem riesigen Waeschestapel, benutze den „Gemeinschaftskamm“ und das „Gemeinschaftsgesichtsoel“. Meine Haut fuehlt sich trocken an.

Erschoepft sitze ich beim Abendessen, in den richtigen Schuhen und bereits stillsitzend fuer das kommende Gebet, bei dem ich aber heute den Fehler begehe und meine Beine uebereinander schlage.

Alle Japaner um mich herrum haben immer sehr wenig auf ihren Tellern, von allem ein bisschen und sehr schoen angerichtet, wir sind so hungrig und versuchen immer soviel wie moeglich auf den aeusserst kleinen Teller zu bekommen. Heute verschuette ich kein Reiskorn auf dem Tisch und nutze die sehr praktische Idee einen blitzsauberen Teller abzugeben, die Konohanas beenden jedes Essen mit einem kleinen Brotrechteck, das nur dazu dient den Teller sauber zu wischen.

Nach der Kinderstunde, dem Abwasch und dem Bodenwischen folgt die Zeit fuer die Konohanas, die sie als “schoenste und wichtigste Stunden” beschreiben. Man moege sich jetzt vielleicht kuschelige Abendrunden am Lagerfeuer vorstellen, aber auch die gemeinsame “Abendfreizeit” wirkt eher wie eine Gruppenarbeit im Seminarraum. 7 Gruppen verteilen sich um unterschiedliche Tische, alle haben Laptops und ein Mikrofon, blicken auf eine riesige Leinwand und schreiben in Exceltabellen.

Wir sitzen in der Reisgruppe, fassen uns an den Haenden und meditieren. Die Konohana-Anhaenger glauben, dass angestauter Aerger sehr schlecht fuer das Wohlbefinden ist und so sagen sie sich jeden Abend, wenn es ein Problem gibt. Absolute Ehrlichkeit und Kritik, die nie persoenlich genommen wird und immer dem Besseren dienen soll. Sie sind immer direkt und dennoch unglaublich warm und freundlich miteinander, einige von ihnen schauen dennoch sehr muede aus.

Die Konohanas wissen, dass Aussenstehende meistens denken, sie waeren nicht frei, sondern muessen sehr hart und lange arbeiten. Jeder von ihnen behauptet, dass sie individuelle Zeit nicht vermissen oder benoetigen. Ihre Antworten klingen manchmal wie auswendig gelernt, doch sie alle haben sich freiwillig fuer dieses Leben entschieden.

Ich weiss nicht, wie lange ich hier leben koennte, so wenig Schlaf, so wenig ich, so viel Gemeinschaft. Fuer mich fuehlen sich die Regeln, wie Ketten an, ihnen helfen sie dabei, sich frei und gesund zu fuehlen. Die Konohana – Familie gehoert zu Japan Vorzeige – Gemeinschaft, die seit Jahren erfolgreich Permakultur betreibt und damit selbst Gewinne erwirtschaftet.

Als wir nach zwei Naechten abreisen, stehen 60 Menschen vor uns, winken, lachen und druecken uns an sich. Es ist einer der waermsten Abschiede, die wir je erlebt haben.

Die Bilder der letzten Tage rattern durch meinen Kopf, wir  haben Kartoffelbaellchen geformt, riesige Salate dekoriert, in Fruehlingszwiebelfeldern Unkraut gezupft, den Berg Fuji zwischen Nebelwolken gesehen, bewusst und ausgewogen gegessen und gearbeitet bis wir erschoepft in einen tiefen Schlaf gefallen sind.

Menschen haben uns alles erklaert, ohne uns ihren Glauben aufzwingen zu wollen, sie predigen genau das, wonach sie leben, ohne Kompromisse, immer fuer die Gemeinschaft.

 Ich glaube dennoch an eine Gemeinschaft, in der das Individuum ein Individuum sein darf, mit Zeit und Gedanken fuer sich, fuer Auszeiten und an ein Leben mit weniger Regeln und mehr Selbstbestimmung.

Informationen:
Internetseite: http://www.konohana-family.org/

pdf in englisch: http://www.konohana-family.org/files/welcome3rd_e.pdf
 
Die Moeglichkeiten und Preise, um mit der Konohana Familie zu leben
50 Euro pro  Person und Nacht, inklusive Mahlzeiten als Gast
30 Euro pro Person und Nacht, inklusive Mahlzeiten fuer 8 Stunden arbeiten

Buchtipps von Shin Ichiero:
Jonathan Dawson: Ecovillages – New Frontiers for Sustainability
Diana Leafe Christian: Creating a Life Together: Practical tools to Grow- Ecovillages and International Communities
Ecovillages a practical guide to sustainable communities


Advertisements