Ein lieber Freund sendete mir heute diese Zeilen, die er vor vier Jahren schrieb. – vor 4 Jahren arbeiteten wir gemeinsam in einem deutschen Fernsehsender, hier eine ganz normale Raucherpause.

von Sebastian Luehn

Deulich machte ich mal mittendrin Pause und setzte mich mit meiner Kollegin Jenny auf die Betonstufen draußen vor der Firma; der Lavendel im Beet daneben duftete verführerisch, die Sonne brannte auf uns runter, wir seufzten synchron. Es war früher Nachmittag.

„Wir mü…ssten das einfach mal machen“, sagte Jenny, atmete Rauch aus, stampfte mit ihrem Fuß auf die Stufe, ein wenig wütend, ein wenig genervt von der eigenen Untätigkeit, „einfach mal ein Jahr ausbrechen, die Welt bereisen, sich alles anschauen. Wir sind jung, weißt du, wir könnten das! So viele Menschen auf dieser Welt können das nicht und wir haben dieses Scheißprivileg und machen nichts draus!“

Ich nickte nur. Der frühe Sommer stand heiß in meinem Gesicht, brannte etwas darin, was hätte ich schon sagen sollen? Das Gefühl kannte ich zu gut.

Irgendwann in den nächsten Tagen werden es zwei Jahre, dann lebe ich zwei Jahre mein neues Leben. Ein Traumleben mit Traumjob in der Traumstadt, Traummenschen um mich rum und kaum mehr einem Traum, der noch verwirklicht werden muss. Oder? Ich bin mir des Glückes bewusst, das mich in den letzten Jahren regelmäßig geküsst hat, weiß, dass das alles andere als „normal“ vonstatten ging und bin unendlich dankbar dafür. Und doch liege ich vorm Einschlafen immer wieder so rum und versuche auf meiner Zimmerdecke die Antwort auf die Frage zu erkennen, die sich da immer wieder stellt: War es das jetzt schon? Bin ich angekommen und kann jetzt in dieser Haltung ruhen, bis zum Ende?

Beschweren liegt mir fern. Jammern auf hohem Niveau will ich nicht. Aber diese Frage ist schon schockierend, nach all den Jahren jugendlicher Freiheit und Spannung, was das Leben wohl noch alles bereit hält für mich. Das weiß ich nun ja schon, das lässt sich nun theoretisch vorhersehen, ohne allzu große Orakel zu bemühen. Klar, da kann noch alles passieren, Gutes wie Schlechtes, kein Job ist sicher heute, keine Gesundheit, kein Zustand. Natürlich. Aber das meine ich nicht. Ich meine es generell: Ist das das Erwachsenwerden?

Kürzlich war meine beste Freundin da. Wir feierten wie immer, wir genossen Sommer vorm Balkon, wir schlaumeierten herum, ich hatte Urlaub. Doch beim Frühstück redeten wir über wichtige Versicherungen, beim Kaffee über Steuererklärungen, beim Spaziergang über Aktienfonds, und schämten uns dann dafür. Weil wir nicht mehr das easy going von neulich zelebrieren, sondern uns Verantwortungen gegenüber sehen, Pflichten, die da plötzlich anrufen oder im Postfach liegen. Die immer weiter in den Mittelpunkt rücken. Das Leben ist neu. Ich gehe morgens aus dem Haus, steige abends wieder aus der U-Bahn, bin müde. Fünf Tage die Woche. Zeit wird ein kostbareres Gut. Wenn ich im Büro schwitze und SMS von Freunden aus dem Englischen Garten bekomme, dann tut das weh.

Und was noch? Man sucht nach neuen Reizen. Da sind die großen Sorgen der letzten Jahre verschwunden, man hat einen Job, verdient sein eigenes Geld, ist unabhängig, da kommen die neuen schon um die Ecke. Das Vakuum der fehlenden Beziehung fällt plötzlich auf, wenn, wann müsste man sich um Kinder Gedanken machen und inwiefern um die Altersvorsorge? Ist das nun mein neuer Ansporn? Ist das mein neuer Begleiter für die Zukunft? Für den Rest der Zeit? Was kann man denn tun, um da vielleicht noch einmal auszubrechen, um abends nicht an der Gewissheit zu ermüden, morgen in einen identischen Tag zu starten? Und warum eigentlich beschwert man sich ununterbrochen, wenn es einem doch so unverschämt gut geht?

„Weil wir einfach eine Scheißangst haben“, beantwortete Jenny ihre ungestellte Frage selbst, trat ihre Kippe auf dem heißen Beton aus, zerrieb die schwarze Asche mit ihrer Schuhsohle darauf, „weil uns eingetrichtert wurde nach Sicherheit zu streben, alles immer unter Kontrolle zu haben. Und dabei vergisst man das Wesentliche – sein eigenes Leben. Pah!“

Dann stand sie auf, zog sie an meinem Ärmel, die kurze Pause war vorbei, die Arbeit auf unseren Schreibtischen rief nach uns. Es war ja erst früher Nachmittag.

 

Sebastian Luehn ist Autor der Buecher:
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