Kirchen besuche ich oft, Gottesdienste nur an Weihnachten, ich bin nicht getauft, zahle keine Kirchensteuer und in meiner Schule war es immer wichtig, dass es zu dem Fach “Religion” die Wahl- Alternative “Philosophie” gibt. Manchmal beneide ich Menschen fuer ihre Glaubens-Wurzeln, doch ich habe ewas, was die Anderen nicht haben. Ich bin unvoreingenommen.

Ich bin grundsaetzlich offen mir jede Religion, spirituelle Kommune oder Glaubensgemeinschaft anzusehen. In den naechsten 10 Tagen werde ich mit zwei ganz normalen amerikanischen Missionaren in der groessten peruanischen Dschungelstadt leben. Allein das Wort “Missionar” spaltet Menschen in zwei  Gruppen, ich bin genau in der Mitte  – meine Zeit mit Terry und Steve.

Iquitos/Peru: Ich folge der Einladung von Missionar Steve, den ich auf meiner 3taegigen Bootsreise kennenlernte und werde zum 1.Mal auf seine Frau Terry treffen, die mich bereits mit offenen Armen vor der Haustuer empfaengt.

Steve ist ausgeglichen und entspannt, wie immer. Terry ist hager, schrill und ihre buschigen grauen Haare stehen zu allen Seiten ab.

Auf meine Frage, warum sie sich so sicher sind, dass der Gott zu dem sie beten, Jesus Christus, heisst? Terry erinnert sich sofort an eine fruehere Gefahrensituation, in der sie keinen Ausweg wusste und auf offener Strasse laut und verzweifelt “Jesus, Jesus” schrie – und Jesus half ihr. Ich solle es unbedingt versuchen, ich muesse nur Jesus ganz konkret nach einem Zeichen fragen und er wird mir antworten (…)

Ich fuehle mich, als waere ich dabei gewesen in diesem entscheidenen Jesus-Moment, denn wenn Terry etwas erzaehlt, dann erzaehlt sie es mit der gesamten Mimik ihres Koerpers, alle Gesichtsmuskeln ziehen sich von rechts nach links und oben nach unten, sie waere eine gute Schauspielerin geworden – aber sie waere auch eine verdammt gute Koechin geworden, vor mir stehen die koestlichsten Speisen, ich geniesse es mal wieder bei jedem zu Hause zu sein und Terry vermisst es mit jemanden englisch zu sprechen.

Der einzige Unterschied besteht bisher darin, dass vor dem Essen ein Gebet gesprochen wurde.

Die Antwort auf meine Frage ist eine Bibel.

Ich will nichts unversucht lassen und folge Terrys Ratschlag, Jesus konkret nach einem Zeichen zu fragen. An dem Tag als ich ihn bitte, mir ein Zeichen, mehr fuer seinen Namen als fuer seine Exiztens zu geben, schenkte er mir die Bibel (…)In einem perfekten  moosgruenen Ledereinband mit wundervoller Blumengravur, die Aussenraender der Seiten sind mit einem schimmernden Silber ueberzogen, das so wunderbar funkelt, wenn es mit einem Lichtstrahl zusammentrifft.

Ein glueckliches Leben im Muell?

Terry laedt mich zu einer Bootsfahrt durch die “schwimmenden Haeuser” ein und zeigt mir Ecken in Iquitos, die ich gewoehnlich kaum sehen wuerde. Wir erreichen ein schmutziges Ufer, schmale Holzboote liegen im Schlamm und binnen Sekunden sind wir umlagert von Kindern, Maenner und Frauen – neugierige Blicke, grosse Augen und Lippen voller Herpes.

Terry verhandelt geschickt und souverän, auch wenn Suedamerikaner zuerst einmal versuchen, jede Frau um den Finger zu wickeln, anstatt mit ihr zu verhandeln.

Hier leben keine Touristen, Stelzenhaeuser, die bei Ebbe auf schlammigen Muellbergen stehen und bei Hochwasser zu schwimmenden Behausungen werden. Keine Fussboeden, keine Toilettenspuelungen, dennoch toent froehliche Popmusik  laut ueber das Ufer – suedamerikanische Heiterkeit. Das folgende Video wurde nicht mit Musik unterlegt, es ist die Originalgeraeuschkulisse.

Terry serviert uns frische Ananas und perfekt gegarte Maiskolben, wir kaufen eine riesige, safte Wassermelone, deren rote Stuecke in der Abendsonne glaenzen.

Als wie das Ufer erreichen und uns von der gesamten Nachbarschaft verabschieden, verteilt Terry kleine “Gotteszettelchen” –  ich fuehle mich peinlich beruehrt.

Irgendwie gehoere ich jetzt zur Familie

Mittlerweile gibt es ein unausgesprochendes Abkommen, dass ich waehrend meines Aufenthalts zur Familie gehoere und so nehme ich ganz selbstverstaendlich an gemeinsamen Essen oder Unternehmungen teil. Ich draenge mich nicht auf, aber Terry und Steve haben immer wieder neue Ideen fuer Unternehmungen oder Zusammenkuenfte.

Heute teilen wir  ein koesliches Abendessen mit einem Freund der Familie, der uspruenglich aus einem Dschungelstamm kommt, indem sich alle Mitglieder ihre Gesichter mit roter Farbe bemalen, ein gewaltiges Hochwasser schwemmte den gesamten Stamm buchstlich weg und so wurde er mi t 9 Jahren von seiner Mutter in die Stadt geschickt, um seinen Platz im Leben zu finden. Unsere Leben koennten nicht unterschiedlicher sein, heute sitzen wir zusammen an einem Tisch und teilen ein Chili mit zartem Rindfleisch, Gemuese und einem koestlichen Eiscafe.

Eine Eigenschaft, die ich an Terry besonders schaetze ist,  wenn sie  etwas ankuendigt, dann passierte es genauso und ich kann mich immer darauf einstellen. Die Anweisungen fuer den heutigen Abend lauten: “Du kommst um 17:00 Uhr, dann gehen wir in die Kirche, aber vorher haben wir ganz entspannt einen kleinen Snack, Kartoffelsalat und ein Thunfischsandwich.”  Ich komme wie immer 10 Minuten zu frueh, spielte ein paar Runden mit dem Hund und deckte den Tisch. Ich liebte den geregelten Ablauf, eine der Dinge, die mir waehrend des Reisen abhanden gekommen sind.

Der finale Kirchenbesuch.

Steve hat heute einen Kirchenbesuch fuer mich organisiert, indem er auch predigen wird, “ich solle es mir aber nicht wie eine europaeische Kirche vorstellen.”  Die Kirche versteckt sich bescheiden zwischen Motorradshops und Strassenimbissen, 17 Personen lassen den hellblauen Raum mit braunen Holzbaenken erstaunlich voll erscheienen, nur die massiven Lautsprecher stehen imposant auf weissen Haekeldecken.  

Es folgen viele Haende, die geschuettelt werden und ich uebergebe der Pastorfamilie einen Korb mit einer guten Mischung an Grundnahrungsmitteln, als Geschenk und folgte dem Rat von Terry: “Pack nichts teures oder exotisches ein, sie halten dich sonst fuer reich.” Ich frage mich, ob unsere Definition von reich nicht manchmal sehr arm ist.

Es wird sehr viel gesungen, mit einer Inbrunst und Hingabe, die ich selten in europaeischen Kirchen erlebt habe,  klatschenden Haende und wippende Hueften werden von lauten Halleluja- Rufen unterbrochen, es ist heiss wie im Dampfbad und dicke Schweisstropfen fallen auf die Bibel.

Das Alleine-Reisen in fremden Laendern nimmt mir den Druck, immer alles richtig machen zu wollen und so  folge ich Steves’ Bitte, ein paar Worte an die peruanische Kirchengemeinde zu sprechen.

An meinem Abreisetag bereite ich mich eigentlich darauf vor, alleine zum Flughafen zu fahren, doch Terry hat wie immer und trotz gestriger Verabschiedung bereits alles organisert. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich im Hostel die Nachricht empfange, „Ein Fahrer wuerde mich gleich abholen und wenn ich wolle, koennte ich einen Stop bei Terry einlegen und sie begleitet mich zum Flughafen“

– und so quetschen wir uns inklusive Hund auf die Rueckbank, die quer ueber ein Moped geschraubt ist. Die triefende Hitze des Dschungels, die dreckigen Abgase der Stadt und Gespraechsfetzen verschmischen sich im Fahrtwind – wir geniessen einen perfekten Eiscafe aus Terrys’ Handtasche, die heute mit ihrem Sonnenhut und schneeweissen T-Shirt aussieht, als wuerde sie auf eine Safari gehen. Sie sieht entspannt und gluecklich aus, unsere gemeinsame Zeit hat uns beiden gut getan.   

Manche nennen es Gott, andere sprechen von Spiritualitaet oder etwas Groesserem ueber uns, noch immer wiederstrebt es mir, dass nur Jesus der wahre Name ist und die Idee des Christentums einschliesst, andere Menschen, auch ohne Ihr Verlangen, bekehren zu wollen.

 Ich nehme dennoch die uneingeschraenkte Gastfreundschaft, Waerme und Herzlichkeit mit, die mir Terry und Steve entgegenbrachten und mir so viel wie moeglich von Peru, ihrer Arbeit und ihrem Glauben vermitteln wollten. Ich habe immer eine ehrliche Antwort erhalten und habe Toleranz empfangen, selbst wenn unsere Meinungen grundverschieden waren. Danke Terry und Steve.

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