Ein starker Pissgeruch,  eine dicke Schokosuppe, der Justin Bieber Hitmix , winkende Taschenlampen, aufgeklebte Sterne,  Naturgeister, eine reingewaschende Seele und das letzte Telefonat mit meiner Oma.

Lagunas/Peru: Ich kann das Boot sehen, aber es bewegt sich nicht, es ist kurz vor Lagunas stecken geblieben, weil das Wasser zu flach ist – auch der Strom ist gerade ausgefallen , neben mir warten noch genau zwei weitere Passagiere auf die Abfahrt, Steve Ford und Lennin.

Steve ist ein weiser Mann, mit guetigem Blick und bescheidener Aura. Seit 20 Jahren lebt er im Dschungel von Peru, er ist ein Zuhoerer und draengt anderen nicht seine Meinung auf. Steve ist ein Missionar. Wir reden ueber die Familie, Gott, das Leben und ich frage mich, wie er diese beschwerliche Reisen auf sich nehmen kann.

Lennin arbeitet fuer Steve und ist gebuertiger Peruaner, er ist ungewoehnlich schweigsam und sein rechter Mundwinkel ist bewegungslos, denn als Kind hat er sich ein kleines Plastikteil ins Ohr geschoben, das nie seinen Weg zurueck gefunden hat und seine halbe Gesichtshaelfte lahm legte.

Wir beschliessen in die billigste Unterkunft, direkt am Ufer, zu gehen, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen. Die Nacht kostet 5 Sol,  1, 20 Euro, es ist schwer den starken Pissgeruch zu ignorieren, mal wieder rettet mich der gruene Seidenschlafsack vor durchgelegenden und  dreckigen Matrazen.

Um 02:00 Uhr hat sich unsere Lancia tatsaechlich aus dem flachen Wasser befreit. Ich versuche mich im Halbschlaf zu organisieren, es ist stockdunkel, ein Stockdunkel wie wir es aus dem immerbeleuchteten Staedten nicht kennen. 

Ich bin froh Steve und Lennin getroffen zu haben, es ist hart immer fuer mich allein verantwortlich zu sein, in einem Land, indem Langfinger nur darauf warten, dass du fuer eine Sekunde unaufmerksam bist.

Ich steige aufs Boot, Kuehe, ueberall Kuehe, sie stossen mit ihren maechtigen Hoernern ans Gitter und nehmen die gesamte untere Etage in Beschlag.  Menschen wuseln rein und raus und verladen Waren, was fuer Chaos. Haengematten, ueberall Haengematten, wir finden einen Schlafplatz auf der 3 Etage, Lennin quetscht meine Haengematte zwischen hundert andere.


Ich wache am naechsten Morgen von einem schrillen Klingeln auf, Fruehstueckszeit: Eine dicke Schokosuppe, ein weisses pappiges Brot mit salziger Butter und eins mit Wurst. Ich blicke nach rechts und sehe ueber einem Haufen von leeren Bierflaschen, Martin,  den drogenabhaengigen Messerkandidaten, in einer Haengematte baumeln.

Er freut sich anscheinend mich zu sehen, ich gruesse kurz, er ist verunsichert, gibt aber Steve mit deutscher Knigge-Geste die Hand und stellt sich foermlich vor. Ich habe ein schlechtes Gewissen, warum empfange ich ihn nicht mit einer Umarmung, das ist  wahrscheinlich das Einzige, was er wirklich braucht.

Stillstand auf dem Boot, wieder ist das Wasser zu flach, wir bleiben auf der Mitte des  Flusses stehen und alles riecht nach Landluft, alles riecht nach Kuehen. Wir werden hier noch 10 Stunden stehen und darauf warten, dass irgendwann eine andere Lancia vorbei kommt, die uns hier herraus ziehen kann.


In Deutschland wuerde jetzt jemand vorbeikommen und sagen, warum wir stecken geblieben sind und wie lange es noch ungefaehr dauern wird – hier kommt niemand und es fragt auch niemand, die Menschen warten einfach.  In irgendeinem Lautsprecher laeuft der Justin Bieber Hitmix, der 19-jaehrige Peruaner neben mir, singt mit schrecklich schiefer Stimme und merkwuerdigem Englisch eifrig mit.

Martin liegt neben mir und erzaehlt mir so ganz nebenbei, dass es hier kein Bier zu kaufen gibt und er nur zwei Tueten Marihuana dabei hat. Ich muss laut lachen, meine Tage sind gerettet oder hast du schon mal einen aggressiven Kiffer gesehen? – zumindest werde ich von seinen ploetzlichen Sinneswandel verschont bleiben und wenn er nuechtern ist, kann er sogar sehr umgaenglich sein, dennoch frage ich mich, warum mir das Schicksal zum selben Zeitpunkt einen Missionar und einen Droegensuechtigen schickt, es scheint, es gibt von Beiden etwas zu lernen.

So abenteuerlich diese Fahrt fuer einen Rucksackreisenden ist, fuer die Bewohner hier ist es der einzige Transport in die abgelegenden Doerfer im perunanischen Regenwald. 3 Tage und 3 Naechte auf dem Boot in einer Haengematte vergehen sehr langsam.

Draussen werden Waren verladen, lange Schlangen bilden sich um die Mittagszeit vor dem Kuechenpersonal, die sehr viel freundlicher zu Touristen sind, die sagen naemlich danke, auch wenn eine geschmackliche Katastrophe in meiner Plastikschuessel wartet.


Steves‘ goldene Bibelbeschriftung leuchtet auf seinem schwarzem Buchdeckel in der grellen Sonne, er erzaehlt mir, dass das ganze Kuechenpersonal homosexuell ist und er glaube nicht, dass das ein guter Einfluss fuer Heranwachsende ist. Wir koennen nicht immer einer Meinung sein.

Die Nacht bricht an, vereinzeln stehen Einwohner am Ufer im Gebuesch und winken mit ihren Taschenlampen rauf und runter, um Zeichen zu geben, dass sie das Boot beladen oder eine Ladung in Empfang nehmen wollen.


Martin
hustet sich neben mir die Seele aus dem Leib und aus irgendeinem Handy blechert Popmusik,  ich scheine die Einzige zu sein, die das stoert. Ich setzte mich auf das Zwischendeck, soviele Sterne am Himmel, wie gemalt und aufgeklebt. Der Mond ist halbvoll und haengt wie eine Schale am schwarzen Himmel.

Der Knoten an meiner Haengematte sieht nicht mehr besonders fest aus, mit all meinem Wertgegenstaenden in meinem Schlafsack, ist es schwer einen Platz fuer meine Beine zu finden. Es ist kalt, der Stoff reist in der Mitte, mein unterer Ruecken tut weh, ich sehne mich nach einer Matraze.

Ich beschliesse am Morgen einen Zwischenstop in Nauta einzulegen, als ich im Hostel einchecke treffe ich auch gleich meinen Zimmernachbar – Martin, mittlerweile wieder mit aufgefuellte Bierreserven. Wie kann es sein, dass ich ihn schon wieder treffe? Er erzaehlt mir von letzten Ayahuascakuren und den Naturgeistern, die seine Seele reingewaschen haben und das “ganze dreckige Zeug” rausgeholt haben. Ich wuenschte mir, die Naturgeister haetten ihm gesagt, er soll aufhoeren  zu trinken.

Draussen dudelt grausame, billige Technomusik, ich streife ueber den lokalen Markt und esse miese Nudeln in einer schaebigen Strassenkueche zwischen Hunden und einer Senora, die vor mir die Fliegen wegwedelt.

Meine Fuesse sind in Peru, doch mein Kopf ist bei meiner Oma, ich rufe sie an und sage ihr, dass ich sie lieb habe, sie sagt sie hat mich auch lieb. Sie klingt schwach.  Das wird das letzte Mal sein, dass ich ihre Stimme hoere.

Ich steige auf das Motorrad einer jungen Peruanerin,  ich geniesse den kraeftigen Fahrtwind in meinem Gesicht und den blumigen Duft ihres Shampoos, dass mich fuer einige Sekunden alles vergessen laesst.

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