Peru: Ein drogenabhaengiger Lehrersohn, kleinkarierte Moskitonetz-Schatten , das Gackern der pinken Delphine und die Freie Liebe in Deutschland. Von einem Dorf, indem es nie genug zu essen gibt und einem Dschungel, indem alles zirpt, alles trieft und alles lebt.


Ich lege einen Zwischenstop in Lagunas ein, ein peruanisches Dorf im Regenwald, 3 Tage entfernt von der touristischen Dschungel-Metropole Iquitos. Mehrtaegige Bootstouren in den SERNANP- Nationalpark* sind hier guenstiger und um diese Jahreszeit von kaum einem Rucksackreisenden gebucht.

Doch eine Tour hat hier wenig mit einer Tour zu tun, wie ich sie mir mit europaeischen Augen vorstelle. Ich werde allein mit einem maennlichen Guide sein, allein mit ihm in einem kleinen Holzboot sitzen und nachts mitten im Dschungel uebernachten. Ich nehme mir tagelang Zeit, einen passenden Guide zu finden und alle Argumente gegeneinander abzuwaegen. Die Spanne zwischen echtem Abenteuer und echter Gefahr ist manchmal nicht sehr gross, doch jetzt lasse ich erst einmal dieses seltsame Dorf auf mich wirken.

Ein Dorf umgeben von nichts als Dschungel, direkt am hellbraunen, dreckigen Fluss, der spaeter in den Amazonas muendet und von dem jedes Leben hier abhaengig ist. Jeglicher Warentransport braucht mindestens 2 Tage von der naechstgroesseren Stadt. Lagunas ist nur auf dem Wasser zu erreichen, von allem gibt es nie genug, ein Dorf mit Mangelerscheinungen.

Es ist verdammt schwer Geld auszugeben, es gibt nie genug zu Essen, ein sehr beschraenktes Angebot von Waren ist fein saeuberlich vor den Haustueren der Einwohner aufgereiht.

Alkoholshop: In den Regalen nur leere Plastikflaschen, in die selbstgebrannter Schnaps gefuellt wird.


Kochbananen – Platanos – neben weissem Reis, das wichtigste Nahrungsmittel, meistens in Scheiben geschnitten und in billigem Oel frittiert.


Gesalzender Fisch.


Frische Ananas – 1 SOL pro Stueck – 0,20 Euro.

Schulkinder in blau-weissen Schuluniformen ziehen ueber staubigen Boden durch die Dorfstrassen und starren mich an. Es ist ein anderes Starren, sie blicken mit sanften, neugierigen Augen, als haette Gott mich persoenlich geschickt. Sie winken, ich winke zurueck, ueberall sind Kinder.



Am Abend springen die lauten Generatoren an, die Lagunas taeglich mit 3 Stunden Strom versorgen, trotzdem bleibt alles dunkel. Die Strassenlaternen stehen in weiten Abstaenden auseinander, vereinzeln scheinen ein paar Lichter aus den einfachen Huetten und manchmal ist ein Tisch mit drei Stuehlen aufgebaut, ein kleiner Grill mit gefuellten Bananenblaettern und zwei Toepfen, einer mit Reis und einer mit frittierten Bananen. Das Essen ist weder ausreichend, noch gehaltvoll, aber es ist dieses skurile Ambiente und dem Wissen in einem dunklen Dorf im Nirgendwo zu sein, im Schein einer Kerze mit einheimischen Frauen um den Grill zusammenzusitzen und einfach wahrzunehmen, was gerade da ist.

Ueberraschenderweise gibt es ein Internetcafe im Dorf, im Wohnzimmer stehen 8 supermoderne Computer, an dem meistens Jugendliche, ihre Zeit und ihr Geld verschwenden. Dieser Ort wirkt wie ein futuristischer Platz, der einzige Kontakt zur Aussenwelt und gluecklichen Besitzern, die offensichtlich zu ein wenig Reichtum gekommen sind, der ihnen ermoeglicht einen Fernseher im Wohnzimmer flimmern zu lassen, in den das halbe Dorf vom Fenster aus, mitschaut.

Auch meiner peruanischen Familie geht es gut, sie vermieten 5 Zimmer fuer 2,50 Euro die Nacht und verkaufen Mittagessen an die Lehrerinnen im Dorf. Die gut erzogende Teenager-Tochter Janine erledigt abends ihre Englisch-Hausaufgaben im flackernden Neonlicht und traeumt von einer Zukunft mit abgeschlossenem Studium.

Ein deutscher Lehrersohn auf Medikamenten, Alkohol, Kokain und Ayahuasca*

Die Naechte enden frueh in Lagunas, denn zu schnell heizt sich der Raum durch die drueckende Hitze auf, mein neuer Zimmernachbar Martin trinkt zum Fruehstueck bereits eine Flasche selbstgebrannten Schnaps. Ein deutscher Lehrersohn, der seine langen, roetlichen Haare zu einem Zopf zurueckgebunden hat, und auf den ersten Blick sehr bodenstaendig und hilfbereit wirkt.

Doch dann erzaehlt er mir von seiner Drogensucht, die ihn so beherscht, dass es kaum ein anderes Thema gibt. Er schwaermt von billigem Heroin, dass es am Frankfurter Hauptbahnhof gibt und das er sich kurz vor dem Abflug nach Suedamerika gegoennt hat. Er erzaehlt mir von seinen Asien- Reisen, die sich nur um die unterschiedlichen Medikamente und Opiate drehen. In Lagunas ist er seit einer Woche, um taegliche Ayahuascakuren* zu nehmen, die mischt er, entgegen aller Warnungen, mit morgentlichen Alkoholexzessen und Antidepressiva. Auf meine Frage, was ihm die ganzen Drogen geben antwortet er schnell: Er fuehlt Liebe, Waerme und Geborgenheit – und da tut er mir schon fast wieder leid.

Doch dann veraendert sich sein Wesen, nachdem Alkohol und Kokain seine Wirkung zeigen, laeuft er paranoid mit einem Messer durch das Hostel und fuehlt sich verfolgt von allem und jedem. Ich bin die einzige Person, die deutsch spricht und die peruanischen Besitzer schauen mich mit hilfesuchenden Augen an. Meine Wangen gluehen, ich rede mit ruhiger Stimme auf ihn ein und bringe ihn dazu, mir sein Messer zu geben, am naechsten Morgen kann er sich an nichts erinnern und lacht mich aus.

Ich gebe ihm sein Messer zurueck, habe genug von ihm und hoffe er ist verschwunden, wenn ich von meiner Dschungeltour zurueckkomme, doch das Schicksal wird uns nicht das letzte Mal zusammen gefuehrt haben.

Ich frage ob er meinen Reis haben will, er fragt mich, ob ich seine Freundin werden will.

Ich habe einen einheimischen Guide gefunden und mich fuer ein eine 3taegige Tour durch den SERNANP- Nationalpark* entschieden. Gluecklicherweise startet parallel ein Schweizer in einem anderen Boot, den ich zumindest in jedem unserer Nachtlager wiedersehen werde. Mein Guide, Jorge, ist die ersten Stunden unheimlich freundlich und erklaert mir jede Pflanze und jedes noch so kleine Tierchen, doch dann mache ich einen entscheidenen Fehler und frage ihn, ob er den Rest von meinem Mittagessen haben moechte, worauf er mich fragt ob ich seine Freundin werden moechte.


Ich versuche zu erklaeren, dass ich nicht auf der Suche nach einem Freund bin, er fragt mich, warum ich ich dann so freundlich zu ihm waere, ihm Fragen zum Dschungel stelle und ihm mein Essen anbiete. Ich beende die absurde Diskussion und er beendet jegliche Kommunikation mit mir. So schnell kannst du einen Guide, auch wenn du dafuer zahlst, verlieren.

Gluecklicherweise erreichen wir das erste Nachtlager und die Schweigestunden sind vorrueber. Ich setzte mich auf die holzernde Bruecke, umgeben von einer maechtigen Naturlandschaft und einer unglaublichen Geraeuschkulisse – alles zirpt, alles trieft, alles lebt.

Ich schlafe mitten im Tropischen Regenwald, unter mir ein harter Holzboden und eine duenne Matraze, ueber mit das breitgespannte Moskitonetz und der aufgehende Mond, der sich behebig zwischen die riesigen Baumwipfel schiebt. Die Dunkelheit ist heiss, feucht, alles krabbelt, nur ein paar Delphine gackern in der Ferne.

Die ersten Sonnenstrahlen bilden kleinkarierte Moskitonetz-Schatten auf meiner Haut, wir braten Eier ueber offenem Feuer und packen unser Lager in das kleine Holzboot. Monoton schiebt uns das Ruder,  in die Weiten des Dschungels, langsam voran, um uns herrum springen pinke Delphine, ueber mir haengen die langen Nester der Botscha- Lotschas, die leuchtend gelb-schwarze Voegel und in meinem Kopf rattern die Bilder meiner Wunschzukunft.



Wir fangen das Mittagessen mit einem gespitzen Stock und einem gezielten Stoss in den Kopf – der Duft von gebratenem Fisch liegt ueber dem zitronengelben Schmetterlingen, die am Ufer auf –und ab flattern.

Nach 3 Tagen laufen wir wieder am Ufer von Lagunas ein und das abgeschiedene Dorf erscheint mir jetzt tatsaechlich wie eine Zivilisation. Kinder spielen im saftigen, hohen Gras Fussball und in der Ferne spielt ein altes Radio: Celine Dions‘ My heart will go on.

Die Luftfeuchtigkeit ist erdrueckend, die Muecken summen um mein Ohr und ich besteige ein Motorrad mit plattem Reifen, dass mich in Schrittgeschwindigkeit zurueck ins Dorfinnere bringt.

In gehe in meine Unterkunft zurueck , der Besitzer wird nicht muede mir immer wieder Fragen ueber Deutschland zu stellen. Ob es den stimmt, dass es “freie Liebe” gibt, dass sich die Paare immer nur in der Nacht sehen, weil sie so viel arbeiten und dass wir alle keine Kinder haben. Ein Deutschland im Kopf der Anderen.

Drei Lehrerinnen in beigen, knielangen Einheitsroecken erzaehlen mir von ihrem Job, der gerade genug Geld zum Leben einbringt und dem groessten Problem, keinen passenden Mann zu finden.

Ein letztes Abendessen in der Strasse bei einer reizenden Senorita, die fuer zwei Teller Reis mit Leber 0,25 Cent bekommt. Das wenige Geschirr wird in kaltem, dreckigen Wasser gewaschen, um sie herrum stehen poebelnde Jugendliche, die nur Gesellschaft, aber kein Essen suchen. Der peruanische Alltag im Leben einer 14-jaehrigen.

Ich tucker mit einem Mototaxi zum Ufer, an dem mein 3taegiges Boot nach Iquitos ablegen soll, doch darauf werde ich zuerst im Stromausfall und dann in einem stinkingen Bett warten, aber den Missionar Steve Ford kennenlernen, der mich die naechsten Wochen in eine andere Welt mitnehmen wird.

Randbemerkungen/Begriffserklaerung:

*Ayahuasca ist ein Halluzinogen, sehr verbreitet in Suedamerika, speziell in den Amazonas- Regionen und wird in religioesen Zeremonien verwendet, meist in Form eines Getraenk.

Hinweis fuer alleinreisende Frauen, die eine Dschungeltour in Lagunas starten wollen. Die Tour ist einmalig schoen, ich wuerde 9 anstatt 3 Tage empfehlen, allerdings ist es sicherer sich zumindest eine Begleitperson oder Begleitboot mit einem anderen Touristen zu suchen. Nach meiner Tour erzaehlte mir ein Guide, dass es in der Vergangengheit einen Uebergriff auf eine alleinreisende Frau durch einen Guide gegeben haben soll, dass wird jedes Touristenbuero natuerlich nicht preisgeben.

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