Die beste Kopfrechnerin der Welt, dicke Regentropfen, Porcelain, leuchtend gelbes Chili, laechelnde Schweinekoepfe, ein milchkaffee-farbender Fluss, schluepfende Kueken, Ronaldo, ein blechernder Gong und ein GB 2000 Generator.

Auf dem Weg nach Yurimaguas, in den Dschungel von Peru.

Koui, das pausbaeckige 10-jaehrige Maedchen neben mir sitzt zwischen vielen kleinen Plastiktueten. Hellgelbe und grauweise, alle noch leer. “Sie muss gleich kotzen, weil die Strassen so kurvig sind.” erklaert sie mir vorlaut. Beide Vorraussagungen treffen ein,  Koui haelt sich tapfer und ich halte ihre Haare.

Muedigkeit sitzt tief in meinen Knochen, die gesamte Nacht im Bus, Umstieg am Morgen an einem Fluss mit 3 Strassenkuechen – alles ist gruen, heiss und feucht. Alles ist neu.

Wir erreichen Yurimaguas nach 12 Stunden,  chaotisch, noch heisser und vollgestopft mit Motorradtaxis. Eine Dschungel-Stadt, in light.

In den wenigen Geschaeften werden Kuehlschraenke und Honda– Motorraeder verkauft , auf den Gehwegen schaelen alte Frauen  Aguaje, eine mangogelbe Palmenfrucht und vor den Frisoergeschaeften stehen Maenner in Frauenkleidern und sehr viel Make-up. 

In den Strassenkuechen hat alles einen neuen Namen. Tacano, ein mit Oel und Gewuerzen abgeschmeckter Knoedel  – die einzige Variante der Kochbanane, die Geschmack hat, dazu Gamitana, ein gebratener Fisch mit langen, spitzen Greten  und ein Glas dunkelbraunes Cebada, schrecklich im Geschmack.

In meinem Hostel schwirren drei Kinder um mich herrum, ich versuche zu schreiben, aber wir spielen lieber Frisoer, Fotograf, Fingelnaegellackieren und Wer -ist- der beste Kopfrechner? Ivany ist 10 Jahre alt, angehende Mathematiklehrerin und die beste Kopfrechnerin unter uns.

 


Ein Portrait von mir von Ivany (…)

Ich streife in der ersten Morgenstunden ueber den Markt, noch ist die Hitze ertraeglich. Frauen schneiden Tabakfaeden, magere Haehnchen liegen aufgeschnitten auf den Tischen, haarige Rehbeine, leuchtend gelbes Chili, krabbelne Insekten in dreckigen Plastiktueten und Schweinekoepfe, die mich mit fast gluecklichen Augen milde anlaecheln.


Yurimagas
ist der Start in den Norden, ab jetzt geht die Weiterreise nur noch per Boot weiter. Keine Ausflugsboote, sondern oeffentliche Transportmittel, vollgestopft mit Motorraedern, Lebensmitteln, Menschen und Tieren.  Wir verlassen das Strassennetz.

Das Boot verlaesst den Hafen allerdings erst, wenn es komplett beladen ist, ich finde ein Boot, kann einen guten Preis verhandeln und muss nur einen Tag auf die Abfahrt warten.

Noch liege ich in meinem Hostelbett,  kann nicht einschlafen, bin zu aufgeregt vor meiner Zeit im Dschungel. Draussen prasseln dicke Regentropfen, die von grossen Blaettern gebremst werden, vom Himmel, alles zirpt und quackt.

05:00 Uhr, ich renne in der Morgendaemmerung ueber den Markt, sehen, verhandeln, kaufen: Taschenlampe, suesse, rote Bananen und eine Haengematte. Ich winke das naechste Motorrad heran, ich verhandle wieder und presse mich schnell in den schmalen Sitz. Wir tuckern in Schrittgeschwindigkeit zum Hafen.

Die abgeblaetterte blaue Farbe  der Lagunas 2 glaenzt in den ersten Sonnenstrahlen, ich klettere unter Deck, allen Augen folgen mir. Maenner, Frauen und Kinder liegen in den Haengematten und haben sich die besten Plaetze bereits gesichert. Ich bekomme das Bootsende, ein abgetrennter Bereich, offene Fenster, hellblaues Holz – ich lasse meine Haengematte aufhaengen und  hoere Porcelain von Moby, denke an meinen besten Freund und muss weinen vor Glueck.

Da ist es wieder, dieses ganz besondere Gefuehl, der besondere Zauber einer Rucksackreise, der dich wunschlos gluecklich, sprachlos und frei fuehlen laesst.  


Die Hitze steht zwischen den Holzbrettern, meine Haare kleben im Gesicht und meine Haengemattennachbarn tragen viele, kleine Schweissperlen auf der Stirn. 

Wir bewundern schluepfende Kueken, kneten Fleischbaellchen und fangen Huehner. Ich beobachte Marina, 5fache Mutter, wie sie sorgfaeltig eine  Folie auf dem Boden ausbreitet, damit der juengste Spross, in der Luft baumelnd, seine Geschaefte machen kann.

Ein suesslicher Babykackgeruch stroemt zu mir herrueber, aber Ronaldo laechelt mich zufrieden und mit pressendem Gesicht an.


Ich klettere aufs Dach, fuenf Huehner zu meiner rechten und Baha zu meiner linken, deren braune Haaare seidig in der brennenden Sonne schimmern.  Der Fluss ist breit und milchkaffee-farbend, flache gruene Baeume spenden den wenigen Schilfhuetten am Ufer etwas Schatten.


Ein blechernder Gong zerstoert die Ruhe, das Signal fuer das Mittagessen, es riecht nach gebratenden Kartoffeln und gegrilltem Fleisch. Es riecht besser als es schmeckt.

Ich lasse meine Fuesse aus der Haengematte baumeln und geniesse das Gefuehl der Abgeschiedenheit, soviel Himmel, soviel Natur, soviel Zeit. Manchmal muss man sich nur trauen ganz weit in die andere Richtung zu schwimmen. Hier fuehlt sich endlich wieder alles so echt an – und waehrend ich vor mich hin philosophiere, springt hinter mir der GB 2000 Generator an – doch was ist schon echt und perfekt?

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