Die Ruta del Sol- 760 km entlang der Pazifikkueste.


Auf der Ruta del Sol fuehlen sich die Kilometer quaelend lang an, ich verspuehre  selten eine besondere Energie, aber ich lerne, dass innere Zufriedenheit immer ins uns und unabhaengig von auesseren Faktoren ist.

Ein liebloses Alt, Salsa zwischen Mangroven, eine Schildkroete, die nach dem Tod ein zufriedenes Laecheln auf den Lippen traegt, live in einer Telenovela, ein japanischer Erotikfilm, Huehnerschenkel in der Mittagsonne, ein halbfertiges Hotel fuer mich ganz allein, Wale, Loftfeeling mit Bob Dylan und ganz viel grauer Nieselregen.

MUISNE- Eine Geisterstrasse am Strand


Ich ueberquere einen Fluss, um Muisne zu erreichen, der naechste Stop auf meiner Reise entlang der ecuadorianischen Kueste. Meine Bus-Sitznachbarn, eine 5kopefige Familie, stehen am Ufer und winken mir solange ueberschwinglich zu, bis ich sie nicht mehr sehen kann. Sie hatten viel zu erzaehlen.

Auch hier hat jeder viel zu erzaehlen oder stellt einfach die meistbeantworteten Fragen: „Du reist ganz allein, ist das nicht gefaehrlich?“ „Bist du verheiratet?“ „Hast du Kinder?“. Ich habe anscheinend gar nichts und brauche eine Pause.

Ich bin gluecklich mit meinem Leben, aber wenn dir eine ganze Nation jeden Tag aufs Neue erklaert, dass du laengst verheiratet sein und Kinder haben solltest, dann fragt man sich irgendwann, ob sie vielleicht Recht haben.

Am Ufer stehen bunte Eco – Taxis, Fahrraeder mit einem Motor inklusive ueberdachter Sitzbank. William, ein fuelliger, redseliger Fahrer will mir eine Fahrt zum Strand spendieren. Noch ehe ich Zeit habe darueber nachzudenken, sitzte ich auf der plastikueberzogenden Rueckbank, eingequetscht zwischen 3 Taschen. Umsonst gibt es eigentlich nie irgendwas.

Der Himmel haengt schwer und grau ueber uns, ein kuehler Vormittag und ich lande in Lonely Planets guenstigstem Hosteltipp. Heute prankt hier ein, nicht zu uebersehendes,  ZU VERKAUFEN Schild und der Preis hat sich verdoppelt. Selbst 8 Dollar sind fuer diese Bruchbude zu viel – aber immerhin ein Zimmer mit Strandblick.

Es bleibt der fade Beigeschmack das Ecuadors Kueste wenig offensichtlich Schoenes bereit haellt, irgendetwas fehlt hier, ein merkwuerdiger Mix aus Kuriositaeten.

Die einfachen Holzhaeuser sind alt, aber kein schoenes Alt, ein verkommenes, liebloses Alt. Wie Geisterhaeuser stehen sie aufgereiht nebeneinander. Eine Geisterstrasse am Strand.

Die im Nickerchen versunkene Besitzerin haengt gelangweilt in ihrem weissen Plastikstuhl, auch sie hat offensichtlich genug von diesem trostlosen Fleck. Sie empfaengt mich dennoch mit einem, fast freundlichen , Bienvenidos a la playa- Willkommen am Strand. Danke, ich gebe ihr meinen Reisepass und zahle fuer nur eine Nacht. Sie ist nicht verwundert.

Ich brauche mal wieder ein richtiges, schoenes Hostel mit Haengematten, Buechern, Internet, anderen Reisenden, wenigstens ein paar Stuehlen. Hier ist nichts, nur ein paar taetowierte Halbstarke lungern in kleinen Grueppchen am Strand.

Ich laufe den Wellen entgegen, bohre meine Fuesse in den feuchten Sand und beobachte ein paar Moewen, die sich  vorsichtig ueber das Meer gleiten lassen.

Aus der Ferne naehert sich bereits die ueberschwingliche, immerfroehliche Stimme von William, dem Taxifahrer, der mir unbedingt die Mangroven zeigen will. Er ist unglaublich nervig, aber so eine gute Seele, dass ich ihn nicht ignorieren kann.

Am naechsten Morgen peitscht mir der salzige Wind ins Gesicht, kilometerlange Straende und ich sitze in Williams Fahrrad-Taxi mit dem Ziel Muisnes Hauptattraktion, die Mangroven, zu sehen. Es ist 06:30 Uhr.

Pechschwarze Geier umzingeln in grausamer Symmetrie ein riesiges Schildkroeten-Skelett, dass mich freundlich anstarrt . Wir laufen barfuss durch den schlammigen Sand, William tanzt Salsa zwischen riesigen Mangroven, die sich stolz im Salzwasser winden. Ich muss wirklich nichts fuer die Magroven-Tour zahlen, es war wirklich schoen und ich bekomme meine Taxifahrt zum Boot auch noch geschenkt. Trostlos, aber grosszuegig.


MOMPICHE- Tuerkise Nostalgie

Eine Stunde entfernt liegt Mompiche, auch ein Fischerdorf, aber eine Handvoll mehr Touristen. Ich sitze in einem winzigen Strassenverkauf, Ceviches, Langostinos und Camaron unter 3$.

Ein spindelduenner Deutscher erzaehlt mir wie schwierig es ist, als Veganer durch Ecuador zu reisen und auch sonst scheint alles schwierig fuer ihn uns seine Oeko-Freundin zu sein. Im letzen Busstop hat sie wahrscheinlich K.O Tropfen bekommen, ausserdem hat seine Liebste wahrscheinlich Gelbfieber oder Malaria. Er ist so aufgeregt, dass sich seine Stimme staendig ueberschlaegt, ich sage ihm, er soll sich nicht verrueckt machen, er ist beleidigt.

Ich geniesse ein Zimmer fuer mich allein, einen kleinen Balkon, frischbuegelte, duftende Bettwaesche, ein Sonntagnachmittag, der durch die droehnenden Baesse vom Nachbarhaus, lediglich die richtige Wuerze Suedamerika bekommt.

Ein alter Mann schiebt seinen silbernden Saft-Laden qietschend durch die Dorfstrassen, zerschlissene Fussballtore  werden zusammengerueckt und tuerkise Fischerboote verstroemen Nostalgie im Abendlicht.


Ich lese Zeilen aus Deutschland: „draussen hat eindeutig der Herbst Platz genommen, die Blaetter liegen roetlich gefaerbt auf der Strasse und es schuettet in Stroemen“. Hier regnet es wenigstens nicht in Stroemen.

Heisses Wasser, loeslicher Kaffee, ranzige Butter, suesses, pappiges Brot und ein Ruehrei sind als „Breakfast Americano“ getarnt, ich entscheide mich fuer den Fisch und bekomme ein in mehlgewaelztes Stueck, dass wie ein zaehes Stueck Fleisch mit viel Zitrone schmeckt.

Ich werde heute 11 Stunden unterwegs sein und in 6 verschiedenen Bussen sitzen. Das ist anstrengend, unbequem, aber immer wie live in einer Telenovela dabei zu sein. Ich warte an menschenleeren Kreuzungen, bekomme Mandarinen von der stark geschminkten Angelina geschenkt, halte ein 3 Tage altes, namenloses Baby in meinem Arm und sehe einen japanischen Erotikfilm um zwei Uhr am Nachmittag.


In Ecuadors Bussen laeuft entweder Gewalt oder Erotik und alle starren apatisch in den kleinen Monitor. Ich schaue aus den dreckigen Scheiben und an mir ziehen Stelzhaeuser, Muellberge und Huehnerschenkel in der Mittagssonne vorbei.

Ich wuerde gerne eine Dokumentation ueber  Das Leben in suedamerikanischen Bussen drehen. Will mich jemand dafuer bezahlen?
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PUERTO LOPEZ – Eine Walflosse im Sonnenfleck

Puerto Lopez ist ein touristischer Fleck, alle kommen hierher um die Wale zu sehen, auch ich gehe auf eine Waltour. Wale in der Natur zu sehen, heisst stundenlang ueber den Pazifik zu schippern und irgendwo in der Ferne etwas zu sehen, dann schreit das ganze Boot Ah und Oh und du weisst, du hast es verpasst.

Ein deprimierender grauer Nieselregen auf offener See, doch dann sehe ich eine riesige Walflosse ins Meer gleiten, der einzige Sonnenfleck am Horizont. Das schneeweisse Wasser spritzt in alle Richtungen, so viel Gewicht , wenn nur die schwimmwestentragenden, deutschen Touristen hinter mir nicht waeren.


Als ich das Boot verlassen, laufe ich dem immerbesorgten Veganer in die Arme, da reichen auch 6 Busse manchmal nicht aus. Er verzieht sein Gesicht, wie ein Hundebabie, er komme auch gerade von einer Waltour und er hatte- natuerlich-eine Walmama mit ihrem Baby, die unter dem Boot durch getaucht sind. Angeber- wahrscheinlich hat der frueher Flipper geschaut .

Ich laufe mit meinem Rucksack, einem Sack und einer Riesenplastiktasche zum Markt. Das Fischfilet, besteht aus einer riesigen Portion Reis, 2 duennen Stueck Fisch und einem traurigen Salatblatt –  ich spuele den supersuessen Orangensaft runter und laufe zum Busbahnhof – auf dem Weg Montanita, dem Surfer-Paradies und dem Ende der Ruta del Sol.

MONTANITA – Loftfeeling mit Bob Dylan

Ich frage im Hotel nach dem Preis: 40$. Ich habe nur 8$. Ob ich auch einen Raum nehme, der noch nicht fertig ist, aber Wasser, Strom und eine Matraze hat? Deal.

Loftfeeling in der 5. Etage, eine riesige Fensterfront praesentiert mir zu einer Seite die Berge, zu anderen das Meer. Ich bin die erste Person, die hier schlaeft, ein halbfertiges Hotel, ohne Treppengelaender.

Ich schalte das Licht aus, bunte Sonnenstrahlen fallen durch das Mosaik und ich tanze wie eine Ballerina durch den Raum und hoere Bob Dylans: Like a rolling stone. Da lande ich in Ecuadors lautestem Partyort und  habe endlich wieder Platz zum Atmen.

How does it feel, to be on your own, with no direction home ? Es fuehlt sich verdammt gut und richtig an- besonders wenn die Nieseltage vorbei sind.

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