Auf dem Weg nach Esfero Platano, ein Fischerdorf weit entfernt von der Touristenroute

Ich checke aus, Max laedt mich zum Mittagessen ein und erzaehlt mir von einer Strecke am Strand, die keine offiziellen Strassen mehr hat und somit auch von keinen Touristen besucht wird.

Klingt gut, ich aendere meine Reiseplaene, um einige Abenteuer mit Einheimischen zu erleben. Da stehe ich also an der befahrenden Hauptstrasse, mit einer handgezeichneten Karte und uebe die richtige Aussprache des Namens Don Jorge, den Freund von Max, den ich finden muss, um einen Schlafplatz in seinem Haus zu bekommen.

Ein kleines Haus am Strand, er ist ein sehr alter, freundlicher Mann und verklauft Artesania – Schmuck. Max ruft mir den letzten Ratschlag zu, dass ich Jorge auf jeden Fall bitten soll, mir frischen, guenstigen Fisch zu besorgen, dann schlaegt die Bustuer zu.

Meine Phantasie schlaegt Purzelbaeume, ich sehe mich bereits in einem wunderschoenen Haus wohnen, mit einem grossen Garten, direkt am Strand. Ich schneide frische Kraeuter und brate Fisch, mein Raum ist auf der 2 Etage, alles ist aus Naturmaterialien und die Bettwaesche ist mit weissen Stickerein versehen. Dtss…Warum glaube ich eigentlich tatsaechlich, dass es so passieren wird? Natuerlich kommt alles ganz anders.

Zuerst lege ich 2 Kilometer in einem Bus auf der offiziellen Strecke zurueck, um dann in einem Jeep auf die inoffizielle Strasse zu wechseln. Ich bin auf dem Weg nach Esfero Platano, um mein kleines Haus zu finden und mein weissen Kleid am Strand spazieren zu tragen.

Schulkinder sitzen mit gebuegelten weiss-blauen Schuluniformen und wehenden Haaren auf der Ladeflaeche und blicken mich mit neugierigen, tiefbraunen Augen an, als wir Esfero Platano erreichen – ein sehr kleines Fischerdorf, es ist nicht schwer den Strand zu finden und ich frage einige Dorfbewohner nach D-O-N J-O-R-G-E.

Ich ernte nur Kopfschuetteln, niemand kennt ihn, egal wie gut ich versuche, die spanische Aussprache zu imitieren. Ich frage einige Maenner, die unter einem morschen Dach am Strand liegen, doch die sind erstmal nur sehr verwundert, dass ueberhaupt jemand mit ihnen spricht und dann noch eine blonde Frau.

Zu spaet merke ich, dass es sich um die Trunkenbolde des Dorfes handelt, einer hat eine blutige Wunde am Kopf, die anderen erwachen langsam von ihrem Tagesgedoese. Doch auch hier, welch eine Ueberraschung, niemand kennt Don Jorge.

Mit letztem Atem kommt der Mandarinen- Verkaeufer auf mich zugerannt und behauptet Jorge zu sein. Mmmhh…ich suche nach Don Jorge. Si, si, si, das sei er. Ok, und lebt er am Strand? Si, si, si.

Ich habe etwas anderes erwartet, aber gut, ich frage, ob er Artesania herstellt. Artesania? Er denkt sehr lange darueber nach, wer in diesem Dorf Artesania herstellt. Ich bin mir sicher, dass ist nicht der Don Jorge, den ich finden soll, aber er kann mir sicher helfen eine Unterkunft mit Meerblick zu finden.
Unterkunft mit M-e-e-r-b-l-i-c-k?- wiederholt er langsam – gibt es hier nicht.

So drehen wir unsere Runde im Dorf und fragen in sehr einfachen, ecuadorianischen Huetten nach einer Unterkunft fuer mich, mittlerweile folgt uns das halbe Dorf, um den ueberraschenden Gast zu sehen, der Don Jorge sucht.

Ich geniesse die Situation, keine Ahnung zu haben, wo ich heute Nacht landen werde und nicht mal die Haelfte des Spanisch, um mich herrum zu verstehen. Bisher gibt es kein Bett fuer mich, aber eine zierliche Senora, namens Tomassa, hat einen Raum, der notduerftig von Brettern und halbverputzten Waenden zusammengehalten wird. In diesem Raum befindet sich nichts, ausser einem modernen Brotbackofen, der an einer Gasflasche angeschlossen ist – und natuerlich ist alles kein Problem, sie koennen mir hier ein Bett aufstellen.

Drei Maenner aus der unmittelbaren Nachbarschaft, sichtlich erfreut ueber die neue Aufgabe, schustern einige Bretter zusammen und druecken eine viel zu grosse Matraze in das Gestell. Ein pinkes Moskitonetz und ein Tisch geben meinem neuem Zuhause einen Hauch von Gemuetlichkeit. Alle strahlen mich zufrieden an, ich strahle zurueck, obwohl niemand versteht, was ich hier eigentlich mache.

Ja was mache ich eigentlich hier? – ich will Menschen kennenlernen, die dieses Land ausmachen, mit ihrem gewoehnlichen Alltag und ihren gewoehnlichen Sorgen, doch das ist schwer zu erklaeren, zu schnell wirkt das Ganze wie eine Dritte-Welt-Sightseeing-Tour.

So bin ich zumindest, hier im ganz alltaeglichen Ecuador angekommen und versuche den Weg ins, fuer mich nicht ganz alltaegliche, Badezimmer zu finden, ein trauriger Verschlag zwischen dem Huehnerstall, ohne Elektrizitaet und nur mit einem Loch und einem Wassereimer ausgestattet. Ich braeuchte dringend eine Dusche, aber die gibt es hier nicht – das Leben kann sehr einfach sein.

Neben mir wohnt eine ganze Familie in einem Raum, die Bretter-Waende sind so grob zusammengenagelt, dass ich alles sehen kann, waehrend ich im Bett liege. Ueber mir wohnt ein Mann, der Ketten mit Muscheln herstellt, ich glaube das ist der Grund, warum sie mich hierher gebracht haben, denn schliesse suchte ich nach Artesania.

Ich laufe zum Strand, ein schmaler, unberuehrter Streifen Natur. Einige abgemagerte Hunde liegen im Schatten und unzaehlige Kinder spielen zwischen Huehnern und Katzen.

Einige Teenager trinken selbstgebrannten Schnaps, hoeren billige Musik aus noch billigeren Lautsprechern und ein verliebtes Paerchen kuesst sich innig im Licht der untergehenden Sonne.

Ich sitze mit meinem Computer auf der kleinen Holzbank vor meinem Haus und alle Dorfbewohner, um mich herrum sind furchtbar aufgeregt einen Computer zu sehen. Sie kommen, stehen ganz dicht neben mir und starren sprachlos in den Monitor. Ich fuehle mich wie ein Alien.

Die Nacht ist kompfortabler als erwartet, dennoch machen es die duennen Waende unmoeglich einen Hauch von Privatsphaere und Ruhe zu haben. Tomassa steht, um 05:30 Uhr, im weissen Nachthemd im Garten und fuettert die Huehner, ich schliesse die fruehmorgendliche Bekannschaft mit einem panisch, flatternen, weissen Hahn,  der versucht die Flucht zu ergreifen, nachdem ich die Bretter verriegelt habe und wir uns beide auf einem stockdunklen Quadratmeter-Plumsklo gegenueber stehen – Situationen und Badezimmer, die es in Deutschland nicht gibt.

Ich entlasse das Huhn in die Freiheit und fruehstucke in einem Familienrestaurant, dass nicht mehr als eine Kueche mit einigen Plastikstuehlen ist – immerhin mit 1a Lage, direkt am Strand. Die zerknuellten  Dollarscheine in meiner Tasche werden hier immer wertloser, wenn nichts da ist, kann man auch nichts kaufen. Ich denke an den Duft eines starken Espressos und einer frischgedruckten Zeitung, knuspriges dunkles Brot und wuerzigen Kaese.

Hier gibt es wie immer nur ungesalzende, gebratene Eier, fritierte Bananen und den Geschmack von billigem alten Fritten-Fett, der mit einer duennen Tasse Kaffee, bestehend aus loeslichem, harten Juan Valdez Kaffeepulver, runtergespuelt wird.

Doch der Blick zum Strand gibt mir zurueck, was kein hipper Coffee-Shop vermag, dicke Pelikane gleiten ueber die Wellen, die Fischer kehren mit ihrem spaerlichen Fang zurueck und halten ein Schwaetzchen am Strand. Mit breitem Laecheln posiert der zahnlose Miquel fuer ein Foto und mein Artesania-Nachbar Juan leistet mir, mit auffaelligen Muschelketten um den Hals, Gesellschaft und fragt mich, nach welchem Schmuck ich genau suche. Ich gebe auf zu erklaeren, dass ich nie Schmuck kaufen wollte und sage ihm, dass ich mir alle seine Muschelketten spaeter anschauen werde, denn wenn ich eines habe, dann ist es Zeit. Tick-Tack.

In Doerfern wie diesen hat ein Tag mehr Stunden als gewoehnlich, die Zeit schleicht langsam vorran, niemand ist in Eile. Die Einwohner sitzen vor der Imbissbude und starren apatisch in den einzigen Fernseher im Dorf, Kinder spielen mit Fussbaellen, die keine Luft mehr haben und Huehner versuchen etwas Futter auf dem ausgetrockneten Boden zu finden.

Es wird immer behauptet, die armen Menschen sind arm, aber gluecklich. Gluecklich sind die Kinder hier und Kinder gibt es viele, auch die Einwohner scheinen ein recht entspanntes Leben zu fuehren und haben zumindest immer genuegend frittierte Bananen zu essen – aber sollte ein Leben nicht aus mehr bestehen, als aus einer Bretterbude ohne fliessend Wasser und Strom?

Ich bin dankbar fuer ein Leben mit  Buechern, Kunst und Bildung – selbst wenn mich der Blick ueber den Tellerand, manchmal rastlos fuehlen laesst und mir das schmerzliche Gefuehl gibt, nie alles sehen und verstehen zu koennen.

Dennoch musste ich erst nach Suedamerika reisen, um zu verstehen, was nicht mit gleichen Chancen geboren zu werden, wirklich bedeutet.

Ich werde weiterziehen, denn ich kann gluecklicherweise gehen, wann und wohin ich will.

Nach zwei Tagen in Esfero Platano, habe ich entspannt ein ganzes Buch gelesen, kenne jeden Winkel des kleinen Strandes, habe sechs Mal das identische Gericht gegessen, habe stundenlang Gummihuepfer mit den Kindern des Dorfes gespielt und kenne fast alle Einwohner und ihre Lebensgeschichten – nur Don Jorge habe ich nie kennengelernt.

Eine letzte herzliche Umarmung von Tomassa, der ich mit 7$ ein seliges Laecheln aufs Gesicht zaubern kann, die Fahrt auf der “Routa del Sol” geht weiter und schon morgen wird ein kleiner, untersetzter Mototaxifahrer mit mir unter den Mangroven von Muisne stehen und mit einer Innbrunst Salsa im lehmigen Sand tanzen und dazu mit hoehster Kopfstimme singen, als haette er seinen letzten grossen Auftritt.

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