Von den Anden an die Kueste, ich starte die “Routa del Sol” und reise das 1. Mal ganz tief zu mir selbst.

Mein Ursprungsplan der Weltreise, sieht eigentlich vor Suedamerika Richtung Afrika und Asien zu verlassen, aber jetzt habe ich einen Freund, der einen 6-monatigen Vertrag in Chile unterschrieben hat und erst an Weihnachten eine Woche frei hat, um mich in Bolivien zu besuchen – 4 Monate warten fuer eine gemeinsame Woche – und wie das so ist mit Frischverliebten, beschliesse ich zu warten und in einem Land zu reisen, dass mir eigentlich nicht wirklich gefaellt. Ecuador – und dann ist da noch mein Bauchgefuehl, dass sich ganz sicher ist, die  “Routa del Sol”  – Die Route zur Sonne – entlang reisen zu wollen, von der Nordspitze bis zur Suedspitze der ecuadorianischen Kueste– doch zuerst lande ich in einem furchtbar depressiven Ort, der im Reisefuehrer blumig mit einsamer Strand beschrieben wird. Ja- einen Strand gibt es hier, einsam ist es auch und ich schliesse das 1.Mal Frieden mit der Tatsache, nicht allen Erwartungen gerecht werden zu koennen und bin einfach gluecklich ueber das, was ich habe.

Ein Versuch ehrlich, aber nicht kitschig zu sein.

Alleine – Reisen kann sehr anstrengend sein, heute werde ich in 3 Bussen zurueck bis ganz in den Norden reisen, in 8 Stunden wieder den Aequator ueberqueren, um in den naechsten Wochen die gesamte Kueste von Ecuador zu sehen.

Ecuador ist nicht beruehmt fuer seine Kueste, genau das ist das Argument, warum ich diese Reise antrete. Ich erwarte einsame Straende, echtes Leben, fernab von Hostels und Touristenmassen. Ueber diese Etappe werde ich spaeter sagen, dass sie zu den emotional haertesten meiner Reise gehoerte, doch davon ahne ich jetzt noch nichts.

Ich blicke aus dem Fenster und fahre zuerst durch die nebligen Berglanschaften, dann durch den saftigen-gruenen Regenwald um am Ende die entlosen Weiten des Pazifik zu erreichen. Dicke Kuehe liegen traege im Gras, schneeweise Tauben sitzen zwischen roten Blueten und Strassenverkaeufer grillen ganze Schweine ueber offenem Feuer. Suedamerika ist die Reise, waehrend der Reise.

Die weissen Fransen der blauen Gardinen flattern im Fahrtwind, neben mir sitzt der schmaechtige 8-jaehrige Juan und wir teilen meine Kaese-Sandwich bruederlich miteinander. Immer wieder betreten Menschen den Bus und verkaufen allen moeglichen Unsinn, nach einem ausfuehrlichen Monolog ueber die kinderreiche Familie und das wenige Geld, was dafuer zur Verfuegung steht, sollen Zahnbuersten, Schokoriegel oder Kochbuecher gekauft werden. Typischer Alltag in suedamerikanischen Bussen, jeder kann den Mittelgang als Buehne nutzen und versuchen ein paar Dollar zu machen.

Heute gibt es nur schrecklich aufdringliche Stimmen: “Mandarinas, Chocolate, Mandarinas” und keinen Knopf, mit dem man das ganze abschalten kann.

Ich denke ueber meine Zukunft nach, das Zurueckkommen in ein normales Leben und ich weiss nicht genau, was ich machen will, das macht mir Angst, die Sicherheit eines gefuellten Bankkontos ist nicht zu unterschaetzen, aber haben nicht gerade wir die Freiheit uns unser Leben zu malen, wie es uns gefaellt? Ich weiss ganz sicher, das Reisen hat mich veraendert und ich werde etwas anders machen, ein Stueck Freiheit in den routinierten Alltag mitnehmen,  ich moechte nicht mehr neidisch auf die Anderen schauen, die vermeintlich mehr haben als ich. Ich moechte mehr Leben, anstatt in einem Hamsterrad aus Arbeit und Materialismus, dem vermeintlichen Glueck, hinterher zu laufen.

Ich moechte von nichts abhaengig sein, ich moechte Nein sagen koennen, mich umentscheiden und neu beginnen koennen. Ich moechte mehr Zeit fuer Menschen haben, die mir wichtig sind und weniger Zeit mit denen verbringen, die nicht gut fuer mich sind. Ich moechte mehr Zeit in der Natur verbringen, eine Grossfamilie gruenden, sesshaft werden und mich trotzdem frei fuehlen – das Zurueckkommen erscheint mir heute schwerer als das Weggehen, doch alles zu seiner Zeit.

Jetzt erreiche ich in den letzten Strahlen der Abendsonne Esmeralda und bin die einzige weisse Person im ueberfuellten Busterminal. Ich fuehle mich wie eine Fremde, wie ein Auslaender, der hier nicht hingehoert. Hier ist es nicht so sauber und organisiert wie in Quito, es ist dreckig, laut und schnell. Ich versuche, mit drei extrem unhandlichen Taschen, ein Busticket zu kaufen, um dann herauszufinden, welcher der vielen Busse meiner sein koennte.

Es ist schwer einen Platz fuer mich und mein Gepaeck zu finden, eine dicke Senora schlaegt die Haende, ueber ihrer maechtigen Oberweite zu einem beruhigenden Kreuz zusammen, bevor die holprige Busfahrt beginnt und laechelt mich mit ihren breiten, vollen Lippen an. Suedamerika schenkt dir immer zum richtigen Zeitpunkt eine Frau, die meistens eine kinderreiche Mamita ist und weiss, wann jemand Muttergefuehle braucht.

Ein Moechtegern- Rapper betritt den Bus und versucht sein nicht vorhandenes Talent zu verkaufen, danach schallt laute, ecuadorianische Popmusik aus dem einzigen Lautsprecher und mein Platz befindet sich natuerlich genau darunter. Suedamerika kann auch so furchtbar laut und unfair sein.

Ich erreiche mein Ziel, Same, ein kleines Doerfchen am Strand, dennoch ist alles ganz anders als erwartet. Es muss einmal eine Zeit gegeben haben, in der mehr Touristen diesen Ort besuchten. Einige haessliche Betonklotzer ragen einsam und unvollendet in den grauen Himmel. An jedem zweiten Haus prankt ein “zu verkaufen Schild”. Das soll ein bezaubernder, einsamer Strand sein?

Es ist schoen zurueck am Meer zu sein, aber dieser Strand ist wirklich sehr normal und das Merkwuerdige ist, ich kann das Meer nicht riechen, obwohl ich genau davor stehe – dabei liebe ich den salzigen Duft des Ozeans, er traegt mich zurueck in die gluecklichsten Wochen meiner Kindheit, die einzige Zeit des Jahres, die ich mit meinem Papa verbringen konnte, unbeschwerte Sommerferientage an der Ostsee, gemischt mit dem schweren Gummiduft der Luftmatraze, die er mit schwerer Lungenarbeit fuer mich aufpumpte.

Hier gibt es keinen Meergeruch, keine Luftmatrazen und keinen Papa. Da fahre ich quer durchs ganze Land, um dann an einem Ort wie diesem zu landen, ich bin enttaeuscht. Das ist kein authentischer Geheimtipp, sondern eine traurige Ecke Ecuadors und mich ein wenig an die verlassenden Doerfer nahe der polnischen Grenze erinnert, in denen ich die meisten meiner, weniger sorglosen, Kindheitstage verbrachte,

Ich bin die einzige Person im Hostel und Max, der freundliche, kettenrauchende Spanier gibt mir, gluecklich dass sich ueberhaupt jemand hierher verirr hatt, sein bestes Zimmer. 3 Betten, einen Fernseher und einen Balkon mit Meerblick. Nach der suedamerikanischen Version der “Los Simpsons” schlafe ich, in einer schaebigen, tief durchgelegenden Matraze, mit dem Rauschen der Wellen und mit verwirrten Gedanken ein.

Ist es der Ort oder liegt es an mir? Wo will ich eigentlich hin und was ist die beste Entscheidung? So viel Zeit fuer eine Reise zu haben klingt fuer alle Anderen immer toll, aber ich stecke gerade in einer Sackgasse und die gut gemeinten Ratschlaege meiner Freunde bringen mich ehrlicherweise auch nicht weiter. Alle Moeglichkeiten liegen ausgebreitet vor mir und ich bin unfaehig mich zu entscheiden.

Ich gebe dem fruehen Morgen eine neue Chance, streife durch die Dorfstrassen und frage eine gutgelaunte, ungewoehnlich hochgewachsene Frau, wo ich einen guten Kaffee kaufen kann. Sie schaut mich unglaeubig an, hat keine Ahnung, laedt mich aber in ihr Haus ein.
Suedamerika kann so herzlich und spontan sein.
So sitzte ich um 07:30 Uhr in der offenen Kueche von Jaqueline, die aus drei wassergefuellten Schuesseln und viel Geschirr besteht und streue klumpiges Nescafe-Pulver in lauwarmes Wasser. Im Wohnzimmer flimmert eine Telenovela, wir reden ueber ihre drei Kinder und die Privatschule, die sie nur muehsam bezahlen kann, waehrend sie mit einer riesigen Machete eine Kokosnuss, fuer das Mittagessen, zerteilt.

Ich schlage die Einladung zum Essen aus und geniesse meinen ersten Tag am Strand, der mir nach einem Kilometer tatsaechlich sein wunderschoenes Gesicht zeigt, umrandet von gelben Felsbrocken und gruenen Palmen schwimme ich im eiskalten, leicht salzigen Pazifik und mache Yogauebungen am Strand – ganz fuer mich allein, nur fuer mich allein.

Es ist nicht so uebel hier, aber einsame Orte und leere Straende eignen sich, auf den ersten Blick, nicht fuer alleinreisende Menschen, die sich gerade in einer tiefen Sinnkrise befinden. In meinem Kopf rattert  die meistgestellteste Frage, die ich von euch gestellt bekomme und mir zu oft selbst stelle: “Warum bist du denn immer noch in Suedamerika, ich denke du machst eine Weltreise?” – meistens habe ich gereizt geantwortet, mich unverstanden gefuehlt und versucht mich zu erklaeren, aber die  Antwort habe ich erst hier gefunden.

Vielleicht ist Ecuador nicht mein Land, vielleicht erwarten meine Familie und Freunde anderes von einer Weltreise und von mir, vielleicht waere es besser den Kontinent zu verlassen, um andere Kulturen zu sehen und am Ende stolz sagen zu koennen, alle Ecken bereist zu haben – aber vielleicht wuerde sich auch gar nichts aendern, denn am Ende nimmt man immer nur sich selbst mit.

Ich habe nur diesen Moment, das Vielleicht liegt in der Vergangenheit, die vorbei ist oder in der Zukunft, die noch nicht da ist. Ueber ein Vielleicht sollten wir Menschen, nicht zu viel nachdenken.

Das Jetzt ist entscheidend und meine Prioritaeten haben sich verschoben, ich denke nicht mehr nur fuer mich allein, ich bin in den ersten Monaten meiner Reise einem wundervollen Mann begegnet, einen Mann vom anderen Ende der Welt, den ich ganz langsam kennenlernte und mich erst viel spaeter in ihn verliebte – jeden Tag ein Stuecken mehr – verliebt, nicht in das was er vorgibt zu sein, nicht in das was er besitzt, sondern nur in das was er ist.

Einen Mann der mich nicht veraendern will, einen Mann, der mit Worten Bilder malen kann, einen Mann, der in jedem Menschen etwas Gutes sieht, einen Mann, fuer dessen Treue ich meine Hand ins Feuer legen wuerde, einen Mann, der von einer rosigen Zukunft mit mir traeumt, einen Mann, der sensibler ist als ich und mich damit immer wieder erdet, einen Mann, der mich jeden Tag  durch seinen einzigartigen Blick auf die Welt schauen laesst.

Ein Feingeist, ein Reisender, ein Schriftsteller, ein Traeumer, ein Weltverbesserer, eine reine Seele – mein Mann,  der die Freiheit, genauso liebt wie ich und dennoch den Traum von einem Haus im Nirgendwo mit mir traeumt.

Seitdem ich Chris kenne fuehlt sich das Alleine-Reisen nicht mehr so unbeschwert an, denn ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe – das Besondere. Jetzt muss ich nur mich wieder finden und das sichere Gefuehl einer Beziehung zu schaetzen, aber dennoch alleine genauso gluecklich und vollkommen zu sein.

“Geniesse alles und brauche nichts”, dieser weise Ratschlag ist wahrscheinlich eine der groessten Herausforderung der Liebe. Liebe, die wir nicht festhalten koennen, so sehr wir es auch versuchen.
Vielleicht bleibt sie ein Leben lang, vielleicht auch nicht.

Chris ist eines der groessten Geschenke dieser Reise und wenn das bedeutet einige Sachen jetzt nicht machen zu koennen, dann soll es so sein, nichts geschieht umsonst.

Ich lasse den Tag zufrieden in meiner Haengematte an mir vorbeiziehen, nehme mir Zeit zum Schreiben und bin gluecklich ueber meine Erkenntnisse, die ich an einem anderen Ort wahrscheinlich nicht gemacht haette. Dieses Jahr ist keine Weltreise, aber eine Reise zu mir selbst, was viel wichtiger fuer mich ist.

Ich bin angekommen, ich vertraue, ich lerne, ich teile, ich akzeptiere, ich traeume, ich liebe.

Niemand kann mir sagen, was das Beste fuer mich ist, denn das ist meine Reise, mit allen Hoehen und Tiefen, mit allen Gluecksgriffen und Fehlentscheidungen – ich kann nicht allen Erwartungen gerecht werden und ich mache mich das 1.Mal frei davon, Menschen gefallen zu wollen..

Die Wellen kommen und gehen in monotoner Langsamkeit, begleitet von einem tiefen, sanften Rauschen, ein Kommen und Gehen,–  auch ich werde morgen gehen und einen Ort aufsuchen, der mir  als absoluter Geheimtipp beschrieben wurde, so geheim, dass es weder eine offzielle Strasse, noch Unterkuenfte gibt und ich mich auf die Suche nach einem gewissen Don Jorge begeben muss – ganz allein, aber gluecklich.

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