Vom Geschirrklappern, einer neidischen Lehrerin, Hagelkoernern, dem Allein-Sein, Kirchenglocken, einem Berliner Wohnzimmer, einer Taubendame, einem Taubenmaennchen, Seifenblasen, Schokoladen-Haenden und einem milchklarem Himmel.

Ich schlendere ueber grobes Kopfsteinpflaster, durch die schmalen Gassen der entzueckenden Altstadt – ein warmer, milder Nachmittag, andem die Sonne gelassen durch die Wolken blinzelt und Frauen in grossen Schalen mit weisser Eiscreme und frischen Erdbeeren ruehren.

Ich biege in die Garcia Moreno und besuche die Inglesia del Sagrario, eine wunderschoene alte Kirche mit tausenden brennenden Kerzen, die sich im goldenen Altar spiegeln.

Drei Strassen weiter schlendere ich durch Quitos Mercado Central, 30 Strassenkuechen mit den gleichen Coca-Cola Schildern, die lediglich unterschiedliche Namen tragen – Comedor Rosita (Esszimmer Rosita), El Sabor de Mayi (Der Geschmack von Mayi) oder Lo Exquisito de Dona Alicia. (Das Exquisite von Dona Alicia).

Exquisit ist hier gar nichts, identische Mittagsmenues, Reis mit Huhn oder Rind, ich esse an kalten, festgeschraubten Metalltischen, inmitten einer ecuadorianischen Grossfamilie. Geschirrklappern liegt in der Luft und kopulente Damen mit fliederfarbenden Kappen und farblich passenden Schuerzen wuseln durch die Menschenmassen.

Ich spaziere ueber den Plaza grande, dicke Busse schieben sich durch die engen Gassen, es geht immer nur bergauf und bergab, die Luft in Quito ist duenn – 2850 m ueber dem Meeresspiegel.

Eine sehr l-a-n-g-s-a-m sprechende Lehrerin, namens Alejandra

Dann Stille, ein immergruener Innenhof und ein Altstadthaueschen mit drei einladenen Balkonen – meine Spanischschule. Ich habe eine Lehrerin ganz fuer mich allein, die fuellige Alejandra, deren dunkelbraune Locken von rechts nach links wippen, wenn sie ihren Rotstift zueckt. Ja, ihren roten Stift benutzt sie sehr gern und dann streicht sie durch, ergaenzt und korrigiert. Eigentlich korriegiert sie mich in jedem Satz und wenn ich mal etwas richtig sage, dann lobt sie mich wie ein kleines Baby und spricht dabei ganz langsam: M-u-y b-i-e-n, J-e-n-n-y. M-u-y b-i-e-n.

Die restliche Zeit kann auch ihr breitestes Laecheln nicht verbergen, wie neidisch sie, auf alle Reisenden ist, die sie unterrichtet. Ich kann es ihr nicht veruebeln, eine Privatstunde kostet mich 5 Dollar, sie bekommt 2.
2 Dollar Stundenlohn nach einem abgeschlossenden Studium.

Ich fuehle mich wie der einsamste Reisende auf der Welt.

Ich laufe langsam zum Hostel zurueck, meine Flip-Flops sind nicht gemacht fuer diese verregneten Abende mit glitschigen Kopfsteinpflastern und einem tief haengenden, grauen Himmel. Mir ist so unglaublich kalt, in meinem Kopf tanzt ein bohrender Schmerz und auf meinen Ohren liegt ein schwerer Druck.

Krank-Sein und Alleine-Reisen ist eine ganz boese Kombination, besonders wenn man die letzten Monate zu zweit reiste und immer jemand hatte, der sich um einen sorgte.  Jetzt liege ich froestelnd in meinem kalten Zimmer, dicke Hagelkoerner prasseln an die Fensterscheibe, ich bade in Selbstmitleid und will, dass mir jemand einen Tee kocht und sagt: Alles wird gut. Ich fuehle mich wie der einsamste Reisende auf der Welt.

Von der wunderbaren Erfindung mit einem Computer zu sprechen.

Und so sitze ich vor meinem Computer und heule zuerst in das Berliner Wohnzimmer meines Freundes, der erst hilfos, aber dann sehr souveraen die Lage meistert und mich mit einem Laecheln zurueck entlaesst.

Danach versammelt sich meine gesamte Familie vor dem Computer. Sie laufen durchs Bild, meckert ueber die Videoqualitaet und quetschen sich aufs Sofa. Niemand versucht im Skype Fenster besonders gut rueber zu kommen, ich laufe eigentlich nebenbei im aktuellen Alltagsgeschehen. Wenn sie genug geplaudert haben, schieben sie einfach den naechsten zentral ins Bild. Sie heitern mich auf, indem sie mich ein Stueck in ihren Alltag mitnehmen, der mir immer vertraut sein wird.

Der naechste Morgen weckt mich mit Kirchenglocken, die warme Morgensonne scheint auf mein Kopfkissen und ich strecke meinen mueden Glieder.

Eine Japanerin kocht mir einen starken Kaffee und serviert mir ein supersuesses Croissant, der 4-jaehrige Mattheo kann sich herzzerreissend ueber meine Seifenblasen freuen, auf dem Kirchendach laeuft eine Taubendame sehr elegant und stolz ueber die Steine, gefolgt von einem Tauben-Maennchen, in stetiger Versuchung ihr zu imponieren – immer genau drei Schritte hinter ihr.

Der milchklare Himmel ruht zwischen den schneebeckten Bergspitzen, Mattheo gibt mir mit seinen schokobeschmierten Haenden eine feste Umarmung und auch ich koennte heute wieder die ganze Welt umarmen.

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