In Ecuadors Hauptstadt, Quito, gehen die meisten Touristen direkt in den Stadtteil, Mariscal, ein Ort an dem es nur Touristen gibt, aber kein Quito. Der wahre Juwel ist die historische Altstadt, kleine Gassen schlengeln sich um gruene Marktplaetze und alte Kirchen – und wenn man ganz viel Glueck hat, findet man ein Hostel, dass mehr Charakter, als Sauberkeit besitzt. – ein ganz anderes Hostel, welches gluecklicherweise nicht im Lonely Planet zu finden ist und somit auch nicht von den ueblichen Touristenmassen ueberschwemmt wird.

Ich wuenschte die alten Waende koennten sprechen, sie haetten nach 25 Jahren Hostelalltag wohl einiges zu erzaehlen. Seit 25 Jahren sind auch die Preise unveraendert, 4 Dollar pro Person. Einem historischen Haus auf 3 Etagen, einer Dachterasse die zum linken auf den Plaza San Francisco und zum rechten auf den Engel von Quito blickt.


Im Sucre zu leben, bedeutet, dass es dir irgendjemand erzaehlt hat, deine Freunde nur aus Strassenkuenstlern bestehen oder du einen japanischen Reisefuehrer hast. – Ja, Japaner gibt es hier viele, das Hostal hat ein grossen Herz fuer Japaner, sie sprechen alle ein bisschen japanisch und die weisse Flagge mit dem leuchtend- roten Punkt haengt im Wohnzimmer ueber dem alten Sofa.

Doch es handelt sich nicht, um den klassischen, japanischen Touristen, mit Spiegelreflexkamera und einem Zeitfenster von 2 Tagen pro Land. Nein, das hier sind alternative Japaner, sie tragen Brillen mit dicken Raendern, haben Dreadlocks und manchmal kochen sie komisch riechende Gemuesesuppen um 06:00 Uhr, kurz nachdem die Kirchenglocken erklingen und die Kueche offiziell benutzt werden darf.

Diesen Ort eine Kueche zu nennen, ist eine sehr freundliche Beschoenigung. Es ist alt, siffig und lieblos. Es gibt zwei Gasherde, eine Spuele mit Wasser und 3 Toepfe, den Rest muss man selber mitbringen. – genau wie das Toilettenpapier und das Schloss fuer dein Zimmer.

An der Kuechenwand steht: „Uebles Hippie-Gesocks hier“, ja ich kann Leute verstehen, die das behaupten und auch die Leitung ist eine kuriose Mischung aus echten Charakteren.

Die Seele des Hauses ist Jose, ein lustiges, altes, rassistisches Kerlchen, der eigentlich nur Amerikaner, Europaer und Japaner mag. Er spricht immer nur von den guten alten Zeiten, indenen er wahrscheinlich von den urspruenglichen Eigentuemern mehr Anerkennung bekommen hat. Heute kaempfen drei Geschwistern um das Erbe des Hauses und scheinen aus dem Hippiehaus wohl lieber eine effizientere Einnahmquelle machen zu wollen, was nicht verwunderlich ist bei der Spitzenlage und den grosszuegigen Raeumlichkeiten.

Es ist ein bisschen wie ein Kabinett der Kuriositaeten, du liebst es oder hasst es. Ich wechsel zwischen beiden Zustaenden. Ich liebe es, wenn ein Mann, im Clownskostuem neben mir fruehstueckt, Mattheo, das venezualische Strassenkuenstler – Kind stundenlang huckepack getragen werden will, ein Argentinier Schauspielunterricht gibt, ein Batman-Kostuem ueber der Waescheleine haengt, die kolumbianische Trommeltruppe auf der Dachterasse ihr Abendprogramm probt, Karolina ihre breite Huefte zu Hip-Hop klaengen schwingt und nachts der Engel ueber uns wacht.


Ich hasse es, wenn der Regen die gelblichen Zimmerwaende entlanglaeuft, die Wolldecken nur Abneigung hervorrufen, ich in den wenigen Baedern immer vor verschlossenen Tueren stehe und der Vordermann genuesslich seine Nase in der Dusche entleert hat.

Doch die Menschen und ihre kreative Energie fuellen dieses Haus mit Leben – es ist das Gefuehl der Sucre – Familie, die dieses Haus besonders macht.

Ich wohne zwischen einem ecuadorianischen Kuenstler, der sich selbst als Mr. Gaga bezeichnet, offen zu seiner Homosexualitaet steht und ein Affaere mit einem kolumbianischen Strassenmusiker, meinem anderen Nachbarn, hat. Sie alle wohnen hier, leben seit Monaten auf einer der schoensten Dachterassen Quitos und gehen morgens aus dem Haus, um Schmuck zu verkaufen, zu jonglieren oder zu musizieren.

Einen Tag begleite ich Amal und versuche meine Hacky-Sacks zu verkaufen. So sitzen wir am Universitaetsausgang, an einer der befahrensten Strassen und versuchen den Menschen, die alle in Eile oder bargeldlos sind, etwas zu verkaufen. Amal macht beeindruckende Dollar mit seinen billigen Plastikohrringen, die er nur guenstig einkauft und teuer verkauft. Meine muehevoll, selbstgemachten Hackysacks finden nicht einen Kaeufer. Nach 5 Stunden gebe ich auf – eine bittere Niederlage. In diesem Moment beschliesse ich, dass ich keine Strassenverkaeuferin bin und mich lieber Dinge widme, dir mir Spass machen.

So melde ich mich in einer Spanischschule an, um Einzelunterricht zu nehmen und erstmals wieder zu einer bestimmten Zeit aufstehen zu muessen, doch heute ist erst Sonntag. Ich blicke aus dem Fenster meines Zimmers, ein kleines Maedchen im hellblauen Prinzessinnenkleid tanzt ueber den Plaza Sanfransico, waehrend ein Schwarm grau-weisser Tauben ueber sie hinwegfliegt.

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