Wir machen uns auf den Weg nach Mindo, weil es zum einen klingt wie Minca und ebenfalls ein Paradies fuer Vogelbeobachter ist und das bedeutet immer- Natur nichts als Natur. Mit einem Charakter-Kopf wie Colombus haben wir nicht gerechnet und auch nicht, dass wir auf der Ladeflaeche des oertlichen Milchlasters das ecuadorianische Hochland durchqueren und ueber eine deutsche Liebe, namens Ingrid, sprechen.

„Amigos, Amigos…!“ruft es um 07:30 Uhr, begleitet von einem fordernden Klopfen, durch die Tuer. Colom (offiziell Colombus) ist seit den fruehen Morgenstunden auf den Beinen, seine Frau hat er bereits zum Bus begleitet. Fuer die naechsten 5 Tage hat er sturmfrei, nicht zum ersten Mal und er ist keineswegs ungluecklich darueber. „Morgen hat mich die Freiheit zurueck!“, erklaerte er uns bereits gestern mit fluesternden Stimme und einem zwinkernden Auge. Seine Frau muss ziemlich dominant sein, doch Colom traegt sein Schicksal mit einem Schalk im Nacken und weiss, wann es besser ist zu schweigen.

Doch sobald er sich unbeobachtet fuehlt, faengt er an zu erzaehlen, von einer anderen Frau, seiner grossen Liebe, namens Ingrid.

Wir schreiben das Jahr 1967, ein Hochsommer in der Naehe von Heidelberg.
Der junge Colom, einen Ozean von der Heimat entfernt, ist voller Abenteuerlust, studiert, lebt und verliebt sich in Deutschland. Colom geht zurueck nach Ecuador, Ingrid bleibt in Deutschland – Die Liebe scheitert. Zwei Kinder hat er seiner deutschen Liebe als Andenken ueberlassen– die heute wahrscheinlich wenig von ihrem ecuadorianischen Vater ahnen. Es schwingt ein wenig Wehmut in seinen Worten, irgendwann begab er sich auf die Suche nach seinen Kindern, beschloss aber dann, jeden in seinem Leben zu belassen.

Sein heutiges Leben traegt die Fruechte einer 40jaehrigen Ehe, drei erwachsenen Toechter, vier Enkelkindern und einem kleinen Haeuschen mit einem praechtigen Garten. Micho, ein schwarzer, aber scheuer Kater streift schnurrend um den Zitronenbaum. Colom fragt mich, ob ich weiss, was das Schnurren bedeutet? Mmmhh..vielleicht hat er Hunger? Falsch. – Der Kater sagt zweimal – klar und deutlich – „Hey Colom, was ist los? Aha (…)
Colom, der Katzenfluesterer.

Wir fuettern das Entenpaerchen, zwei fette Tierchen die gemuehtlich durch die haengenden Orchideen watscheln, nehmen die winzigen Wachteleier aus dem Kaefig und sammeln gelbe Guanábana, die mit einem leisen Plopp zu Boden fallen, wenn sie reif sind. Colom trinkt den ganzen Tag Guanábana– Saft, abends kalt und morgens warm mit einem Schuss frischer Milch.

Frische Milch werden wir fuer die naechsten Stunden aus naechster Naehe betrachten – es ist 07:15 Uhr, doch wir sind bereits in groesster Eile und muessen den oertlichen Milchlaster erwischen, der jeden Morgen seine Runden durch die Doerfer dreht.


Die silbrig-schimmernden, 40kiloschweren Milchkannen waermen meine Ruecken, ich bin eingehuellt im frischen Milchduft, es riecht nach Unschuld und Babys.

Es ruckelt und wackelt, meine Finger umfassen das grobe Holz der Ladeflaeche und Colom zwitschert einige beeindruckende Vogelmelodien. Er kann wohl mit allen Tieren kommunizieren, gerade „sage er aber nur hallo“, Tueteleltuettiiii….!

5 l gibt eine Kuh pro Tag, jeder Bauer hat zwischen 20l bis 40l gemolken und alle warten bereits auf die Abholung des Milchlasters.

Am Wegensrand beobachten uns zwei schwarz-weiss-gefleckte Kuehe, Colom begruesst auch die Beiden mit einem tiefen, hochkonzentrierten Brummen und sieht dabei aus, als wuerde er mit schweren Verstopfungen auf der Toilette sitzen. Ich kann mich nicht mehr Halten vor Lachen, nur Chris wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, es ist ihm immer etwas unangenehm, wenn Leute denken koennten, dass ich ueber sie lache.

Beim naechsten Stopp warten bereits die schuechternen Zwillinge, auf einem Pferd sitzend und mit zwei Milchkannen beladen. Sie verziehen keine Miene, tragen viel zu grosse Pullover und traben allein zurueck zu ihrem Hof, das Pferd kennt hoffentlich den Weg.


Colom
befindet sich schon wieder in seiner gedanklichen Zeitreise , 1960 ueberquerte er den Atlantik, von Europa nach Suedamerika. Einen Monat lebte er in der Holzklasse, um jeden Abend in die 1.Klasse hinaufzusteigen, um Wein mit den Damen der 1. Klasse zu schluerfen und sich die Fuesse blutig zu tanzen. „Musica, Vino, Musica…!“
Wieder hat er dieses Leuchten in den Augen und ich denke an Leonardo di Caprio, als er Kate Winslet auf der Titanic eroberte – auch aus der Holzklasse.
Colom, der ecuadorianische Jack Dawson.


Zurueck im kuehlen Garten liege ich in der Haengematte und entspanne meine durchgeschuettelten Knochen, Chris braet mir Ruehreier mit Spinat, von der Decke flimmert ein Fussballspiel, dass Colom eifrig kommentiert. Beide sehen gluecklich aus – Maenner unter sich (…). Bayern- Muenchen fuehrt 2:0 gegen die Schweiz.

Ich fuehle mich das 1.Mal in Ecuador Zuhause– die Welt ist wieder in Ordnung.

Reisen wir nur, um uns Zuhause zu fuehlen oder um zu wissen, dass man sich ueberall zuhause fuehlen kann?

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