Ein kleines, kolumbianisches Dorf, namens Silvia, indem Maenner-wie Frauen traditionell blaue Roecke tragen, um ihre soziale Gleichheit zu symbolisieren. Noch nie wurde ich so oft auf Adolf Hitler angesprochen, doch dieses Doerfchen will es ganz genau wissen. Ausserdem: Schrumpelige Kuheuter, Medizinmaenner und Hausgeburten.

Wir sitzen zwischen goldbraunen, dicken Haehnchen (5Euro) und kleingewachsenden Menschen mit blauen Roecken und einem pinken Saum. „Silvia, Silvia, Silviaaaa“, werben die Busfahrer lautstark fuer die Abfahrt ins naechste Dorf.

Wir tuckern 20 min durch Berglandschaften, mit tiefen Taelern und einem blutroten Himmel.

Es ist stockdunkel und bitterkalt als wir den Marktplatz von Silvia erreichen, in den Geschaeften werden Kapuzenpullis und Ponchos verkauft, doch dafuer haben wir leider kein Platz mehr im Rucksack.

Fuer 10 Euro finden wir eine Hospitaje, das eigentlich ein einfaches Restaurant von Carlos und Nancy (langes A) ist, ausgestattet mit vielen Uebernachtungsmoeglichkeiten, die alle leer stehen. Wir beziehen ein Zimmer mit einem Bett, einem Bad und einer Parkbank, alle sind sehr aufgeregt, dass neue Gaeste im Dorf sind, denn eigenlich kommen Touristen nur fuer den beruehmten Dienstagsmarkt. Doch heute ist erst Samstag, alles ist ruhig, wir sitzen auf der Bordsteigkante essen koestliche Mini-Kartoffeln und beobachten ein paar vorbeischlenderne Militaersoldaten.

Um 05:00 Uhr morgens ist das Licht magisch, die Laternenmasten sind gruen-pink gestreift und schimmern wie grosse Zuckerstangen in den ersten Sonnenstrahlen.

Mit einem lauten Klopfen weckt mich Carlos aus meiner zweiten Schlafphase: „Jinny, Jinny“, ob ich eine Kuh melken moechte, oben in den Bergen, mit seiner Familie?

Noch ehe ich Zeit habe darueber nachzudenken sitze ich mit einer leeren Milchkanne auf Carlos Moped und wir fahren die grasbedeckten Schleichwege entlang. Die Wolken haengen tief und schimmern silber-blau, Familienmitglieder und Freunde faulenzen auf der Kuhwiese und freuen sich ueber die Abwechslung endlich einmal jemandem das Landleben zu zeigen.

Ob sie denken, dass ich noch nie eine schwarz-weiss gefleckte Kuh gesehen habe? Naja, gemolken habe ich eine Kuh jedenfalls noch nie, dafuer musste ich wohl erst ein kolumbianisches Doerfchen fahren. Wir binden die Beine der Kuh zusammen und schon presse, druecke und pumpe ich alles aus der Kuh heraus, was mir das schrumplige Euter geben moechte.


Alle bestaunen und loben meine klaeglichen Milchtroepfchen und schon wird mit ein frisches Glas Kuhmilch gereicht. Ich atme tief durch, der erste Schluck ist etwas ungewohnt, eine warme, schaumige Milch laeuft meine Kehle hinunter.

Ich traeume gedanklich von einem Haus mit einer Kuh und verstehe erst nicht, welche geschichtliche Frage Carlos brennend interessiert. Im Spanischen wird das „H“ nicht gesprochen und wer ist auf einer Kuhwiese mitten in den Bergen schon auf ein Hitler Gespraech vorbereitet. „Iietler, Iietler?!“ wiederholt Carlos seine Frage eindringlich, ist der nun boese oder nicht? Nach allen beantworteten Fragen zur deutschen Geschichte tuckern wir mit der warmen Milchkanne zurueck ins Dorf.

Zwei Stunden spaeter wieder ein eindrickliches Klopfen an unserer Tuer – wir sind eingeladen zu einem Familientreffen und heisser Schokolade: Wir moegen doch Kakao? Ja, natuerlich, aehmmm, eigentlich wollten wir den Abend alleine verbringen, koennen aber nie eine Einladung ausschlagen. So sitzen wir auf den besten Plastikstuhl-Plaetzten, vor uns zwei Reihen einer kolumbianischen Grossfamilie und hinter uns ein riesiges Feuer mit einem noch groesseren Topf, gefuellt mit 10 Litern heissem Kakao.


Erneut viele, viele Fragen: Wie war das noch mal mit Hitler? Gibt es in Deutschland auch so viel Kokain und ist die Milch in Flaschen oder Tueten?

Wir nippen an unserem supersuessen Kakao, der mehr Zucker, als Schokolade enthaelt und muessen uns nun eindeutigeren Fragen stellen. Wie lange wir uns schon kennen? – 3 Monate. Ah! – und sei denn schon ein Baby unterwegs und wann will Chris mich fragen, ob ihn heiraten will? Wir werfen uns verlegende Blicke zu, manchmal ist es schwer alle Erwartungen zu erfuellen und das westliche Leben zu erklaeren.

Doch auch wir wollen mehr ueber das Leben hier erfahren und so organsiert uns ein neuer Gast, Erikson, einen Museumsbesuch. Erikson erzaehlt gerne und viel, wir haben nach einigen Stunden wirkliche Konzentrationsprobleme. Das „Museum“ liegt tief in dern Bergen, wir bekommen tatsaechlich eine Fuehrung von einem Ureinwohner, names Taito, der uns ausfuehrlich jedes handgezeichnete Bild an den Waenden des 3stoeckigen, runden Hauses erklaert.

Es wird noch immer nach alter Tradition gelebt, eine Verlobung wird von einem Haus zum naechsten organisiert und wenn der Medizinmann das Maedchen fuer heiratsfaehig erklaert, ist die Sache beschlossen. Es folgt eine Schwangerschaft und eine Hausgeburt, die mit Freunden und heissen Baumwolltuechern durchgestanden wird.

Taito gibt zu, dass es mittlerweile schwer geworden ist, denn die jungen Menschen lernen sich eher auf der Strasse als im Dorf kennen und das bringt Probleme und Herausforderungen mit sich. Wir sind dankbar etwas Zeit mit Taito zu verbringen, denn ansonsten verkaufen die Einwohner traditionelle Taschen und Handarbeit, betteln aber auch staendig um Geld und wollen immer Pesos fuer ein Foto. Wir geben Taito kein Geld fuer ein Foto, aber ein paar Pesos fuer den Erhalt des Museums und ein Mittagessen in einer benachbarten Fischerei.

Kolumbianer lieben das einfache Angelvergnuegen, ein kleiner Teich wird mit viel Fisch beladen und am Wochenende imponieren starke Maenner mit langen Angeln ihren, in der Sonne bruzelnden, Frauen. Ein bisschen wie ein Zeltplatz in Deutschland, hat nicht viel mit Natur zu tun und ist dennoch ein Highlight bei Dauercampern und Jugendgruppen.


Wir verlassen Silvia vor dem grossen Marktansturm und waren eingehuellt in kolumbianischer Gastfreundschaft, die einem aber auch nur begrenzte Zeit alleine laesst. Wir haben nur noch 2 gemeinsame Woche, dann geht Chris fuer 6 Monate nach Chile und das Schwert „bald ist unsere gemeinsame Reise vorbei“ haengt ueber uns.

So ziehen wir im Bus Richtung Grenze, verlassen nach 5 Monaten unser geliebtes Kolumbien, um die Anden von Ecuador zu durchqueren.

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