Wenn man in einem Land, wie Kolumbien, einmal nicht freundlich empfangen wird, dann ist das eine echte Ausnahme, dass uns das aber gerade dann passiert, als wie tiefer in die Kultur eintauchen und ein Indegenous-Dorf besuchen wollen, stoesst uns erst einmal vor den Kopf. Hier hat keiner auf uns gewartet, aber vielleicht ist es auch das 1. Mal das Ureinwohner wirkliches Interesse daran haben, ihre eigene Kultur zu schuetzen und nicht jeden weissen Rucksackreisenden durch ihr „ach so exotisches“ Dorf trampeln zu lassen.

Wir quetschen uns auf die letzten Plaetze eines Trucks, die Fahrt ist extrem holprig und es gibt nur einen Weg – immer steil die schmalen Strassen hinauf. Die letzte Station heisst Guatapuri, von dort aus geht es 3 Stunden zu Fuss nach Narumake, ein Dorf in dem idigene Ureinwohner noch, so gut wie es ihnen eben moeglich ist, nach alter Tradition leben.

Guatapuri liegt inmitten eines atemberaubenden Bergpanoramas, wir stuermen optimistisch die naechste Tienda und kaufen Bier, Kekse und frische Huehnchenkeulen.

Wir suchen auch hier nach einem idyllischen Plaetzchen, um unser Zelt aufzuschlagen, doch noch waehrend unserer Verabschiedung kommt ein fluesterner Dorfbewohner auf uns zu, um uns zu warnen: Das hier ist ein Indegenous- Dorf und wir brauchen eine Erlaubnis.|

Wir nicken verstaendnisvoll, das wird schon nicht so schwer sein, doch bereits nach wenigen Schritten winkt uns ein Indegenous herbei. Er hat pechschwarze, lange Haare, lange beige Baumwollkleidung und braune Zaehne. Er sieht so kolumbianisch aus, ich will ein Foto mit ihm machen.

Ein Foto gibt es hier nicht und freundliche Worte erst Recht nicht. Die einzige Person, die uns eine Erlaubnis erteilen koennte, ist nicht da, wir muessen zurueck in die Stadt, wir duerfen keinen Schritt weiter gehen. Bitte was?

Das kann doch nur ein Scherz sein, die Sonne geht gleich unter, wir setzen uns auf unsere Rucksaecke und warten – worauf wissen wir ehrlichgesagt auch nicht, aber warten und hilflos aussehen, hat sonst auch immer geholfen.

Diesmal hilft uns niemand, wir laufen zurueck zur Tienda und nach langer Wartezeit erbarmt sich die Tochter, mit uns in die Indegenous-Kommune zu laufen. Wir laufen durch eine Siedlung mit spitzen Strohdaechern auf runden Haeusern, es folgen lange Gespraeche mit einem weissgekleideten, alten Mann – auch die „normalen“ Dorfbewohner scheinen Ehrfurcht und Respekt vor den Ureinwohnern zu haben, vielleicht sogar ein wenig Angst. In wenigen Stunden ist es dunkel, doch auch hier die niederschmetterne Entscheidung, wir duerfen keinen Schritt weitergehen.

Ich kann meine Traenen nur schwer zurueckhalten, hier will uns keiner haben, ich wusste nicht, wie furchtbar sich das anfueht. Die Tienda-Besitzerin verweist uns in ein kleines Bananenwaeldchen, nahe dem Gemeindehaus, um 4.00 Uhr morgens fahert der erste Bus zurueck. Danke fuer die Gastfreundlichkeit.

Das Feuerholz ist nass, unsere Huehnchenkeulen sind auch nach einer Stunde nur halb gar und die Nacht ist eisig kalt.

Am naechsten Morgen verzichten wir auf den Bus und entscheiden uns fuer einen 2-stuendigen Fussmarsch, zurueck ins naechste Dorf, die Hauptstadt der Indegenous, ich befuerchte wir brauchen wieder eine Erlaubnis, die wir nicht vorweisen koennen.

Das Wandern macht meinen Kopf wieder frei, viele Bergspitzen blicken freundlich auf uns hinab, wir sammeln Mangos und machen ein Picknick zwischen riesigen schwarzen Steinen.

Der Himmel faerbt sich dunkel, die Wolken haengen tief und es braut sich ein Gewitter zusammen. Wir geniessen die Natur, die regenfrische Luft und haben immer Angst, dass gleich jemand kommt, der uns verbietet hier zu sein.

Ankunft in Atanquez, aufgrund eines Stromausfalls liegt das ganze Dorf im Dunkeln. Hier gibt es keine Unterkuenfte, aber wir sollen nach La Roca fragen, sie hat ein Restaurant und dort koennen wir schlafen.

Rosmarie Roco ist eine kleine, zierliche Frau mit warmen braunen Augen und lebt hier mit ihren 3 Toechtern und dem einzigen, sehr verwoehnten Enkel, der stundenlang auf sein neues Keyboard haut. Wir bekommen ein wunderschoenes Zimmer, mit Kaffeesaecken an der Decke und dicken Matrazen.

Um 05: 00 Uhr uebertrumpfen sich die Haehne mit ihrem Geschrei und es ertoent eine Lautsprecherdurchsage, die mich senkrecht im Bett stehen laesst. Ein Lastwagen preist die aktuellsten Angebote an, frischer Fisch, Huehnchen, Kartoffeln und Karotten. Man muss es nehmen wie es kommt, so stehe ich mit der Sonne auf und laufe ueber klobige Pflastersteine durch die kleinen Gassen, ueber den grossen Friedhof, der um diese Uhrzeit friedlich am Rande des Flusses schlummert.

Kinder in blau-weissen Schuluniformen besteigen kleine Busse, die Sonne blinzelt mit ihren ersten, sanften Strahlen zwischen den Bergspitzen hindurch und im Dorf kehrt wieder Ruhe ein.

Ich kehre zum Haus zurueck, Rosamarie, die von allen nur Roco genannt wird, steht in der kleinen, gemuehtlichen Kueche, kocht Kaffee in einem riesigen Aluminiumtopf und fuellt ihn in Thermoskannen ab.

Ab 07:00 Uhr fuellt sich der Tisch mit Dorfbewohnern, die jeden Tag um die gleiche Zeit ihr Fruehstueck in Rocas Wohnzimmer einnehmen.

Ein grosser Teller gefuellt mit allem, was der kolumbianische Magen erwartet.
Lange Teigrollen, aus Mehl und Wasser, Ruehrei mit Zwiebeln und Tomaten und Platanos verde (gruene Bananen). Chris und ich sitzen zwischen Huehner im Garten, schauen auf die Berge und trinken supersuessen Kaffee.

Wir verlassen Rosmaries Rocos Heim und erwischen glueckerweisen einen Avocadolaster, bei dem wir nur auf die Ladeflaeche aufspringen muessen.

Wir halten an jedem Haus, das ein Avocadobaum besitzt und die Dorfbewohner fuellen ihren Avocadokisten auf die Ladeflaeche.

Nach einer Stunde haben wir eine Panne, es folgt eine Weiterfahrt in Schrittgeschwindigkeit und immer wieder ein Stopp und die noetigste Reparatur zu erledigen. Dabei koennte alles so romantisch sein, wir liegen auf Hunderten Avocados, der Fahrtwind weht uns ins Gesicht und hier und da ein Plaeuschchen mit den Dorfbewohnern. Romantisch ist hier gar nichts mehr, es prasseln dicke Regentropfen auf das Dach – in wenigen Minuten bin ich nass bis auf die Knochen.

Diese Fahrt dauert jetzt schon 5 Stunden, unsere Reparaturpausen werden immer laenger, die Sonne geht unter, der Regen peitscht von allen Seiten in mein Gesicht, mir ist furchtbar kalt und ich habe Hunger.

Die Avocados sind leider hart wie Stein, sonst koennten sie nicht in einigen Tagen verkauft werden, uns knurrt der Magen auf einem Avocadolaster.

Wir springen beim naechsten Stop herraus und trampen zurueck in die Stadt. In unserem Lieblingshostel gibt es keine freien Betten mehr, denn die nationale Jugendmeisterschaft hat begonnen, so sind alle Hostel mit kolumbianischen Schuelern, anstatt mit Rucksackreisenden belegt.

Meine Blase am Fuss reisst auf, ich kann kaum mehr laufen, wenns mal schief geht, dann richtig. Wir checken in einem Hotel ein, dass etwas ueber unserem Budget liegt, aber ein richtiges Bett, eine Klimaanlage, ein eigenes Bad und einen Fernseher besitzt. Wir teilen uns eine Pizza und der fade Beigeschmack von unserem gescheiterten Ureinwohner-Besuch liegt in der Luft und wir vergessen ein wenig, wie viele abenteuerliche Momente uns dieser Ausflug dennoch schenkte.

Reisen ist nicht immer mit offenen Armen empfangen zu werden, aber wir bekamen die Chance unsere Toleranz zu zeigen, Toleranz fuer Voelker, die sich vor den Einfluessen, der westlichen Welt schuetzen wollen.

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