Wir wollen campen, wir wollen in die Natur und wir wollen nichts zahlen.

Unsere Vorbereitungen fuer unseren Round-Trip in kleine Indegenous-Doerfer beginnen mit den ueblichen Fragen an die Hostel-Crew: Ist es gefaehrlich? (ich)Koennen wir das Wasser im Fluss trinken und ein Feuer machen? (Chris) Wir koennen alles, aber in welches Dorf wir auch fahren, wir brauchen eine „Erlaubnis“ und die kann uns nur eine bestimmte Person erteilen.

Eine Erlaubnis, um in der Natur zu campen? Ja, weil es sich um ein Indegenous- Dorf handelt. Ich versteh nur Bahnhof – her mit den Namen. Wir muessen also Mayee finden.

Ein Freund eines Freundes nimmt uns in seinem Auto mit. Die erste Reihe schnallt sich an, nur hinten gibt es keine Gurte. Ich sehe das 1. Mal in Kolumbien Alleen und wir rasen mit gefuehlten 150km/h ueber den Asphalt. Oh nein! Ich kenne Alleen von zuhause und ich kenne die Beerdigungen auf die ich ging. Unfall mit einem Baum, bedeutet du verlierst.

Auf meinen Wunsch fahren wir ab jetzt im Schneckentempo, ich entspanne mich und habe immer noch genuegend kuehlenden Fahrtwind im Haar. Berge, ueberall Berge.

Zwischenstop am Strassenrand, pubertierende Jungs fuellen uns fuer 10$ Benzin aus grossen Plastikkanistern ins Auto. „Ist billiger aus Venezuela“, erklaert uns der immerfroehliche Fahrer. „Ist das illegal?“ frage ich, „Nein, das macht jeder“.

Wir ueberqueren breite Fluesse mit riesigen, weissen Steinbrocken. Zwischenstopp an einer Tienda. Bier fuer Fahrer und Beifahrerin. Ok – aber wenigstens faehrt er langsam.


Nach einer Stunde gemeinsamer Fahrt, sind wir eine eingeschworende Truppe, planschen im Wasser und geniessen die Sonntagsstimmung.

Wir erreiche LA MINA – das Dorf und halten vor einem grossen Haus – im Garten sitzen acht Personen, aller Generationen- von denen haengt nun also ab, ob wir hier zelten duerfen.

Alle gucken, ich gucke auch und versuche mein waermstes Laecheln aufzulegen. Ich schuettel 8 Haende und schaue in 16 grosse, braune Augen. „Meine Name ist, ich komme aus Deutschland, wie heissen Sie?“- alle 8 Namen wieder vergessen.

Unsere Erlaubnis-Person, Mayee ist eindeutig zu erkennen, sie hat das Sagen hier, sie ist die Bestimmerin und sieht nicht besonders freundlich aus.

Plastikstuehle werden zusammengerueckt, wir sitzen im Kreis, wie bei einem Verhoer, unser Fahrer uebersetzt – sie will das wie hier schlafen. Hier? In einem Vorgarten, mit so vielen Menschen, wir wollen Natur! Wie sagen wir das jetzt, ohne unfreundlich zu sein?

Ich gehe erst mal mit dem Baby spielen, Mayee beobachtet mich aus dem Augenwinkel, ein guetiger Blick faellt auf mich zurueck, wenn das Baby auf meinem Arm lacht, kann ich wohl nicht so verkehrt sein. Danke Alejandra, dickes Baby mit den vielen, dunklen Haaren und der gekraeuselten Nase, bei jedem deiner Laecheln.

Zurueck in den Plastikstuhlkreis. Ok. Der Fluss ist nachts gefaehrlich und das Wasser kann ansteigen. Wir sind vorsichtig, wir wollen doch nur in die Natur, Feuer machen, den Fluss hoeren, die Sterne sehen – hier ist es schoen, aber hier sind wir eben nicht allein“ erklaere ich mit erwachsener und sanfter Stimme.

Nein, geht nicht und hiermit verboten! – ausserdem gibt es da Banditen. Banditen? Was fuer Banditen, mit Pistolen? – Nein, nur Raubueberfaelle von zwei alkoholproblembehafteten Indegenous.

Aha! Jetzt werden aber wirklich alle Register gezogen. Ich blicke zu Chris, der vollkommen entnervt, heute absolut small-talk-untauglich ist und mir zu verstehen gibt, dass wir jetzt einfach verschwinden und zum Fluss gehen.

Ich blicke zur blondgefaerbten Tochter, sie gibt mir mit einem Laecheln zu verstehen, dass sie auf meiner Seite ist und redet auf ihre Mutter ein. Immer noch: Nein!

Die Sandfliegen beissen mir in die Waden und ich erklaere noch einmal unser Anliegen…Natuerlich bin ich mir auch nicht sicher, ob wir ihre Erlaubnis brauchen oder ob sie nur ihre Haengematten-Plaetze verkaufen will. Wenn wir gehen, gehen die Pesos.

Nach stundenlangem Zureden bekommen wir die Erlaubnis und duerfen gehen, aber uns begleitet jemand, der uns die Stelle zeigt. Ok, gottseidank ist es Blondie, ich vertraue ihr und sie ist froh ein bisschen Zeit mit uns zu haben, wir sind eine Generation.

Sie stoppt gleich hinter dem letzten Haus, hier sollen wir abbiegen. Oh nein, ein flehender Blick, „wir wollen doch zum Fluss“. Ihre Augen sagen: „Vertrau mir, der Platz ist gut.“

Ich schaue in Chris Augen und die sagen: „Ich gehe jetzt zum Fluss, ich mache was ich will und ich hab die Schnauze voll!“ Oh man, das ist nicht einfach heute. Ich bestehe darauf, dem Platz eine Chance zu geben und so laufen wir einen kleinen Huegel hinauf und dann (….)! Was ist das?

Der Huegel sieht von oben aus, wie ein penibel gepflegter Golfplatz, ueber uns soviel Himmel und ein 360 Grad Bergpanorama, wie ein ebener, gruener UFO Landeplatz, ein wunderbarer, perfekter Platz. Ich springe in die Luft.

Feuermachen ist auch kein Problem, Blondie wirft uns ein letztes Stueck Brennholz zu und verschwindet in der Abendsonne. Das einzige was wir sehen ist das Licht eines Fensters, das letzte Haus, unser sicheres Tor zum Dorf und dennoch mitten in der Natur, ohne Menschen mit Blick auf den Fluss und das Rauschen im Hintergrund.

Es ist nicht mehr so heiss, langer Pulli und Leggins-Wetter – endlich nicht mehr Schwitzen. Der Sichel des Mondes steht ueber uns, Chris baut das Zelt auf und macht sein geliebtes Feuer.

Er ist entspannt, ich auch, das ist, wonach wir suchten und wir sind gluecklich.

Es werden noch einige Dorfbewohner vorscheischauen und nach dem Rechten fragen, uns vor Schlangen warnen oder einfach nur Gesellschaft suchen. Das lange Warten hat sich gelohnt, wir waeren in Dunkelheit am Fluss voellig verloren gewesen und ausserdem Freiwild fuer jeden Raeuber. So stehen wir unter dem Schutz vom Mayee, das ganze Dorf weiss Bescheid und niemand wird uns etwas antun.

Wir sind gewohnt, alles alleine zu entscheiden und unabhaengig zu sein. Eine aeltere Dame nach einer Erlaubnis zu fragen, erschien uns etwas albern, aber natuerlich ist es schwer nachzuvollziehen, warum zwei weisse Touristen, die sich jedes Hotel leisten koennten, einfach nur in die Natur wollen.

Mayee nimmt ihre Verantwortung fuer die wenigen Touristen sehr ernst, wie eine Mutter legt sie ihre schuetzenden Haende ueber die Fremden. Wir nehmen die Hilfe gerne an, denn im naechsten Dorf, will uns niemand mehr beschuetzen.

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