CABO DE LA VELA – Wie viel Wueste kann ich ertragen? Unsere Pisshuette am Strand.

Magisch und extrem – CABO DE LA VELA – ein Wuestendorf umgeben vom Golf von Darién und dem karibischen Meer, die Heimat der Wayuus.

Es haette sein koennen, dass wir Cabo de la Vela, mit gewoehnlichen Touristenaugen betrachten – und allein das waere eine einzigartige Erfahrung gewesen, aber das Schicksal hatte Groesseres mit uns vor und schickte uns Jadir Alberto Sandoval Amorocho, den einaeugigen Kolumbianer.

Wir stehen mitten im hektischen Treiben der Wuestenhauptstadt Uribia, um auf die Ladeflaeche eines Trucks aufzuspringen, der uns bis in die noerdlichste Wueste bringen soll. Uribia ist heiss, trocken und laut, Dreh-und Angelpunkt fuer jede Weiterreise. Die Frauen laufen mit gerader Haltung und dicken Lockwicklern durch die dreckigen Strassen, riesige Fleischstuecke haengen in der gluehenden Mittagssonne, das Bruellen der Ziegen vermischt sich mit den Marktschreiern und der Salsamusik, die aus den Lautsprechern blechert.


Unzaehlige Trucks werden beladen, wir sitzen in mitten von Wayuus, Gasflaschen und Fernsehern. Ein lokaler „Reporter“ plaudert mit Chris ueber Neuseeland und verabschiedet sich anschliessend mit den Worten: „Schoen, dass sie uns aus Europa besuchen“.

Diese oeffentlichen Transportmittel brettern wie Lebensader durch die rauhe, karge Wuestenlandschaft, die vereinzelnd von metergrossen Kakteen unterbrochen wird.

Wir halten immer wieder fuer kleine Stopps, um Fisch abzuladen, zehn Schulkinder aufspringen zu lassen oder einen Reifen zu wechseln.

Wir erreichen Cabo de la Vela nach einer 3-stuendigen Fahrt, die mich alle Knochen spueren laesst, haekelnde Wayuu- Damen sitzen in schattenspendenen Plaetzen und es fuehlt sich an, als haette jemand die Zeit angehalten. Das wilde, bunte Treiben ist vorbei, die Schwingungen haben sich veraendert – es ist still, die Wellen platschen gemaehlich ans Ufer und die 35 Grad brennende, trockende Hitze schlaegt mir ins Gesicht. Ich atme kuerzer, mein Haut glueht, ich trinke 5 l Wasser am Tag – alles schmeckt staubig.

Wir kaufen schwere Wasser- Plasikbeutel, den wir in unsere Plastikkanister schuetten. Ich habe es satt, immer noch nicht gelernt zu haben, wie man diese verdammte Tuete in den Kanister fuellt, ohne Wasser zu verschuetten

Staendig muessen wir ueberlegen, wann wir Wasser kaufen und wie viel wir tragen koennen. 10 kg mehr Gepaeck sind verdammt schwer.

Wir wollen keine Hostal – oder Restaurantbesitzer mehr kennenlernen und so versuchen wir eine guenstigere und authentischere Moeglichkeit zu finden, um Cabo de Vela zu erleben.

Und so treffen wir bei einem cafe tinto auf unseren neuen Freund.
Jadir Alberto Sandoval Amorocho sitzt neben uns in einem knallgruenen Plastikstuhl und blaettern in der kolumbianischen BILD Zeitung, auf der Titelseite prankt ein Farbfoto von drei erdrosselten Maennern am Strand. In Deutschland lese ich nur von Verbrechen, vielleicht sehe ich ein Foto, bei dem ich mir vorstellen kann, was passiert ist, aber niemals muss ich mir ungepixelte Farbfotos von Leichen ansehen.

Jadir will uns helfen etwas guenstiges zu finden: „Schwierig aber nicht unmoeglich“ erklaert er uns mit einem breiten Grinsen. Ich bemuehe mich immer in das „echte Auge“ zu schauen, aber das andere, oder das was von ihm uebrig geblieben ist, ist viel interessanter, leuchtet in tuerkis und hellblau, ohne Pupille, wie ein funkelnder Smaragd mitten im Gesicht.

Jadir spricht hier und da mit den Menschen und ueberbringt uns die freudige Nachricht, dass wir eine Huette am Strand beziehen koennen – umsonst. Umsonst?
Mmmmhh, du hast immer nur Bruchteile von Sekunden, um zu entscheiden, ob du jemandem trauen kannst oder nicht.

Wir trauen ihm und wenige Minuten spaeter liege ich auf unserem Schlafsack im kuehlen Sand, blicke auf das hellblaue Wasser und vereinzelte Felsen in der Ferne. Kuehl und schattig, eine Seltenheit in Cabo de la Vela.

Unsere Schaetze haengen fein saeuberlich aufgereiht in kleinen Plastiktueten, mit allem was der lokale Markt hergibt: Bananen, Orangen, Paprika, Tomaten, Mangos, Karotten, Kartoffeln, Lauch und Rote Beete.

Eine sehr einfache Behausung mit Waenden aus duennem, trockenem Holz. Keine Tuer, keine Moebel – der perfekte, luftige Ort, direkt am Meer.
(Erst spaeter bemerken wir den penetranten Pissgeruch.)

Ein paar vereinzelte Schaefchenwolken haengen bewegungslos am hellblauen Himmel – ihnen ist die Hitze wahrscheinlich auch zu viel.
 
Ab der ersten Minuten haben wir einen kleinen, abgemagerten Hund, namens Oscar und wir ueberlegen ernsthaft, ob wir dieses wunderbare Geschoepf mit auf unsere Reise nehmen. Die meisten Zeit schlaeft er und graebt sich dabei tief in den Sand, um seinen Bauch zu kuehlen. Seine eigene Grossfamilie ist ihm ein wenig zu anstrengend und so atmet er am ruhigsten, wenn Chris oder ich ihn im Arm halten und zwischen den Ohren kraulen.

Und auch Jadir wohnt eine Haengematte hinter uns und hat sehr gute Verbindungen zu den lokalen Fischern. So ist die Verteilung fuer die naechsten Tage klar geregelt, wir haben Reis und Gemuese und Jadir serviert uns zu jeder Mahlzeit frischen Fisch.

Ich habe selten so viele unterschiedliche Fischgerichte gegessen, direkt vom Boot auf unser Feuer – morgens, mittags, abends.

Und hier eine klassische Alltagszene, 11:30 Uhr vor unserer Huette. (das 1.Video!)


Doch wie es das riesige, kolumbianische Herz so mit sich bringt, so bist du nie allein. Morgens um 07:00 haelt ein Bus direkt neben unser Huette, Grossfamilien mit noch groesseren Kuehltaschen bestaunen neugierig unser Camp und muessen hin-und wieder zurechtgewiesen werden, dass sie doch bitte nicht von aussen gegen die Holzstoecke pinkeln.

Auch die Wayuus sind ein sehr kommunikatives Voelkchen und wo immer sie ein Troepfchen Schnaps vermuten, sind sie sofort zu Stelle. Sie leben von der Hand in Mund, das was gerade da ist, wird vernichtet und wenn es eine Flasche Rum um 09:00 Uhr in der Frueh ist. So haben wir  definitiv keine Privatsphaere hier, aber immer jemanden, der uns Gesellschaft leistet und in schnellem Spanisch mit uns redet oder uns ein paar Worte Wayuunaiki, die Wayúu-Sprache beibringt.

Wir schlendern in der Abendsonne durch die atemberaubende Landschaft, nackte Kinder spielen mit Kochtopfdeckeln und reichen uns ihre sandigen Haende. Tauben fliegen aus dem schoensten Taubenhaeuschen, das ich jeh gesehen habe. Wir laufen auf den kleinen Huegel mit dem riesigen Kreuz, das ueber Cabo de la Vela wacht, lehnen uns gegen den kraeftigen Wind und wieder blicken dicke Schaefchenwolken regungslos auf uns hinab.

Schweigend betrachten wir unseren letzten Sonnenuntergang, Oscar liegt genuesslich in Chris‘ Schoss und beendet mit einem zufriedenen Seufzen sein Baeuerchen.

Am naechsten Morgen verlassen wir Cabo de Vela in den fruehen Morgenstunden und brettern durch die staubige Dunkelheit. Cabo, das war eine intensive Wuestenerfahrung, gemeinsam mit den Wayuus. Die extremen Bedingungen, die das alltaegliche Leben hier mit sich bringt, kosten verdammt viel Energie.

Das erdrueckende Gefuehl, wenn du den Wasserhahn aufdrehst und es kommt kein einziger Tropfen heraus. Immer nur grosse Plastikeimer, gefuellt mit Wasser (wir sprechen hier nicht von trinkbarem Wasser) fuer 2000 Pesos. Ich habe es so satt mit einem Plastikeimer zu duschen.

Auch ein Feuer am Strand ist romantisch, aber immer ein Feuer machen zu muessen, wenn man hungrig ist, ist eine andere Geschichte.

Cabo de la Vela
bedeutet aber auch unser Vorhaben, an der gegenueberliegenden Seite zurueckzufahren, abzubrechen. Einheimische und Polizisten haben uns, aufgrund von Militaerkonflikten und schwierigen Reisewegen, dringend abgeraten weiter zu fahren. Ich fuehle mich ein bisschen, als waeren wir gescheitert, aber Chris sagt, Zurueckkehren ist kein Scheitern. Wie Recht er doch hat, denn das wirklich Besondere erleben wir gerade, weil wir miteinander reisen.

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