Autor: Chris Cooke, Uebersetzung: Jenny Jakobeit
 
Was suchen wir eigentlich? – Das Andere, das Besondere, das Guenstigste und  Flamingos in Musiche. Wir werden finden, wonach wir suchen, wenn auch etwas anders als erwartet. 
Der letzte Junitag  – mitten in der Guajira- Wueste von Kolumbien.

Von den Einheimischen in Manaure ernten wir nur kopfschuettelne Blicke, als wir ihnen erklaeren, wir wollen nach Musichi gehen. „Wenn wir die Flamingos sehen wollen (und glaubt mir, das ist was Jenny wirklich will), dann koennen sie uns dorthin fahren (nahe Musichi), sie warten, wir machen Fotos und zurueck geht die Fahrt – das Ganze fuer 30.000 Pesos (15$ pro Person) – so laeuft das normalerweise ab.“ 15$ ist ein wenig ueber unserem Budget und es klingt etwas zu sehr nach einem ausgelatschten Touristenweg, fuer Hardcore-Backpacker, wie wir es vorgeben zu sein.

Eine Motorrad-Fahrt nach Musichi kostet dagegen nur 5.000 Pesos (2,50$), und von dort aus ist es nur 1 bis 3 Stunden Fussmarsch, je nachdem, wen man fragt, um die pinken Vögelchen zu sehen.

Wir entscheiden uns fuer die abenteuerliche (also geizige) Option. Ein Zelt am Strand aufbauen, ein Feuer machen, Rum und Cola zusammenruehren und die zarte Anmut der Flamingos bewundern, wenn die Sonne langsam ueber dem Ozean schmilzt.

Unser erstes Problem erwartet uns, als unsere Moto-Taxifahrer genau wissen wollen, wo wir hin wollen. „Wir wollen zum Strand in Musichi“, (so sieht es auf der Landkarte aus), sie sagen uns gibt es keinen Strand in Musichi. Ok … „Bringt uns zum Dorf und von dort aus laufen wir weiter zu Fuss. Keine Sorge.“ (wir glauben zu wissen, was wir tun)

Das zweite Problem erwartet uns, als wir dann wirklich in Musichi ankommen. Ich rufe dem Fahrer zu, er soll mich an einer Tienda rauslassen, in der wir Wasser kaufen koennen. „Wasser kaufen“? antwortet er zoegerlich. Hier gibt keinen Laden. Ich schaue mich um, eigentlich gibt es nicht viel von allem hier, außer einem Sortiment von Hühnern, ein paar Kakteen und einige kämpfende Esel. Es sieht aus wie eine Geisterstadt.

In einer Staubwolke erreicht auch Jenny Musichi, sie befürchtet, unsere Fahrer haetten uns an die falsche Stelle gebracht. Ich befuerchte, dass sie das nicht haben. Yep –  das ist es, willkommen in Musichi – eine handvoll Hütten, zusammengebaut aus Stöcken und Schlamm, verstreut in der Guajira Wüste. Die Mittagssonne brennt auf uns hinunter, wir haben kein Wasser und keine Möglichkeit unsere ganzen Essenvorraete zu kochen. Keine Sorge …?

Einer der Moto-Fahrer laesst sich ueberreden, zurueck in die Stadt zu fahren, um uns Wasser zu kaufen (gegen eine Gebühr, versteht sich). So finden wir ein schattiges Plätzchen auf dem kargen Marktplatz zwischen Hühnern und einem Hund, im Superman-Kostuem.


Nach einer Weile leistet uns eine alte Wayuu-Dame Gesellschaft, um eine mochilla zu haekeln, eine typische Umhängetasche aus Wolle, die ueber nahezu jeder zweiten Schulter in Kolumbien haengt. Jenny tut es ihr gleich und so sitzen die Beiden in vereinter Handarbeit und geniessen schweigend ihr Band der Gemeinsamkeit.

 „Wie viele Menschen leben in Musichi? beginnt Jenny eine erste Konversation.
Die alte Dame denkt lange darueber nach, dann beginnt sie zu zaehlen und deutet auf die Lehmziegel-Hütten um uns herum: „Nun, es gibt zwei in diesem Haus … zwei gibt es dort … und fünf dort drüben …“ Es gibt mehr Hühner als Menschen in diesem Dorf.

„Koennen wir hier irgendwo unser Zelt aufbauen?“
„Sicher, es gibt einen dreistöckiges Hotel am Strand“ Ein Hotel? Aha.
Vielleicht können wir Küche und Bad benutzen. Sie verweist vage in die Ferne:  „Lauft einfach diesen Weg geradeaus, es ist nur eine halbe Stunde bis zum Strand.“ Hoert sich einfach an, nicht wahr? Ja, das dachten wir auch.

Wir bedanken uns bei der alten Dame, schultern unsere Rucksäcke, jetzt 10 kg schwerer mit den neuen Wasservorraeten und folgen dem staubigen Weg, vorbei an einer kleinen, leeren Kirche und ein überdimensionaler Sandkasten, der als Fußballfeld genutzt wird.(wie auch immer sie hier eine Fussballmannschaft zusammenstellen)

Keine 50 Meter weiter, kommen wir zu einer T-Kreuzung. Haltet mich fuer dumm, aber wie genau geht man an einer T-Kreuzung geradeaus? Wir schlaengeln uns durch einen Kakteen-Pfad und finden drei Damen, die schwatzend vor ihrer Behausung sitzen. „Einfach diese Straße immer geradeaus laufen, bis zum Strand sind es nur 45 Minuten.“ Ok. Keine grosse Sache.

Weitere 50 Meter finden wir eine weitere Kreuzung. Was genau bedeutet geradeaus in Kolumbien? Ein vorbeilaufender Trunkenbold weist uns den Weg, „nur eine Stunde zum Strand“. Es scheint, je weiter wir gehen, desto mehr entfernen wir uns vom Strand.

So laufen wir durch den trockenen Wüstenwind, die Landschaft ist karg und flach, keine Hügel, keine Wasser-Möglichkeiten oder Sehenswürdigkeiten jeglicher Art, nur kleine dornige Bäume und Kakteen verschwinden in einem schimmernden Nebel in alle Richtungen. Hier koennte man wirklich leicht verloren gehen. Aber nicht wir, wir müssen einfach diese Straße für weitere 50 Minuten folgen, um die … aber halt, was ist das? Ist das eine Art schlechter Witz? Ein weiterer Schnittpunkt? Versteckt sich das ganze Dorf hinter den Kakteen und lacht ueber die weissen Touristen, die alleine durch die Wueste laufen wollen?

Wir sind ratlos und schon naehern sich Stimmen, es ist eine der Damen aus dem Dorf mit drei Kindern im Schlepptau. Sie sind gekommen, um uns zum Hotel zu führen.
So spazieren wir mit der Familie durch diese fremde Wüstenlandschaft und die Kinder sehen Jenny mit weit aufgerissenen Augen an und flüstern: „Wer ist diese blonde Frau mit den gruenen Augen im schneeweißen Kleid? Ist sie ein Engel? Kommt sie aus den Seiten eines Maerchenbuchs? Was zum Teufel macht sie hier?“ Nun Kinder – das ist eine gute Frage.


Am Horizont taucht ein großes hölzernes Gebäude auf, unser Hotel. Es ist auf der gegenüberliegenden Seite der Lagune ca. 100m breit. Ich warte auf ein Zeichen, wie wir die Lagune ueberqueren oder vielleicht finden wir ein Boot, aber nein wir gehen direkt bis zum Wasser. Irgendwie will niemand stehen bleiben, ohne ein Wort der Erklaerung, ziehen sie ihre Sandalen aus und laufen ins Wasser. Gut…wir folgen schweigend bis wir, Hand in Hand, knietief in der Mitte der Lagune stehen. Schlamm quetscht sich zwischen unsere Zehen, als Jenny mich fragt, ob es denn sein könnte, dass es hier Krokodile gibt? Ich lache sie aus: „Natürlich nicht!“- und ich hoffte, sie sieht nicht das Flackern der Angst in meinen Augen, als ich die Wasseroberfläche suchend ueberfliege.

Wenn die Lagune erst einmal unbeschadet durchquert ist, ist es ein kurzer Spaziergang zum Hotel. Ok, ich sehe ein, wir sind mitten in der Wüste, aber dieses Ding ein Hotel zu nennen ist ein bisschen weit hergeholt. Eine dreistöckige Plattform, zu allen Seiten offen, kein WC, keine Küche, kein Trinkwasser , kein Strom und definitiv keine Flamingos.

Aber es gibt Brennholz, so können wir wenigstens kochen. Wir fragen, wie viel es kosten wird, um unser Zelt hier aufzubauen. „100 mil“ ($ 50 US)“,  antwortet die Dame nach kurzem Zoegern. Ich schaue unglaeubig zwischen Jenny und der Senora hin-und her. Hat sie einen Scherz gemacht, nein, sie sieht nicht danach aus. Fünfzig Dollar? Wofuer?! Einem klapprigen alten Unterschlupf, der bei dem nächsten starken Wind zusammenbricht? Nun, ich kann ihr den Versuch nicht veruebeln, wer weiß, vielleicht gibt es jemanden da draußen, der so dumm wäre (oder so großzügig) um diesen Betrag zu zahlen – aber dieser Jemand sind sicherlich nicht wir.

Nach einer Weile haben wir sie auf 10.000 ($ 5) runtergehandelt, immer noch zu viel, verglichen mit den üblichen, kolumbianischen Preisen. Ich weiss auch gar nicht, wofuer wir ueberhaupt zahlen, – wir könnten unser Zelt genauso gut neben der Plattform aufstellen und haetten ein kostenlosen Schlafplatz – aber wir sind in der absoluten Einoede, allein finden wir den Weg niemals zurueck, so uebergeben wir die 10.000 Pesos und die Familie verschwindet in der Wüste.
(Ich hoffe sie kehren morgen zurueck und Jenny hofft, wir werden nicht ueberfallen, sobald die Sonne untergeht)

Endlich sind wir allein (so allein waren wir selten), dennoch kann ich meine Enttaeuschung nicht verbergen. Ich weiss, wie gern Jenny die Flamingos gesehen haette und ich wollte am Strand zelten, nicht auf der zweiten Etage einer hässlichen, hölzernen Festung. Ich sehe ein, dass ich bei einer Rucksackreise mehr Kompromisse eingehen muss, besonders wenn wir die klassische Reiseroute verlassen und vom Gringo-Trail in weniger besuchte Orte fahren. Vielleicht habe ich zu viel erwartet, aber dieses Mal fuehle ich mich, als haetten wir irgendetwas verpasst.

Manchmal ist es leicht das grosse Ganze aus den Augen zu verlieren. Wir denken nur an Dinge die wir vermissen oder scheinbar versaeumen, anstatt den Moment zu geniessen. Ja –  es gibt hier keine Flamingos und es gibt auch keinen Strand, aber es gibt hunderte, vielleicht sogar tausende von anderen Vögeln, die durch einen atemberaubenden Sonnenuntergang  fliegen. Wir sitzen im Nirgendwo, mitten in der Natur und beobachten, wie sich der Himmel von rosa bis blutrot verfaerbt, als es passiert (…)


„Ein Flamingo!“, schreit Jenny aufgeregt, ich folge ihrem Blick und sehe einen grazilen, rosafarbenden Vogel, der langsam über den Himmel nah an unserem Hotel vorbeifliegt. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Obwohl wir nicht das Foto haben, indem wir hunderte Flamingos füttern und mit ihnen herumtollen (oder was immer diese Flamingos tun), so haben wir eine Erfahrung, die keiner von uns jemals vergessen wird. Wir wollten unseren eigenen Weg gehen und es war nicht einfach, aber nur um zu sehen, wie dieser einsame Flamingos seine Runde dreht, hat sich dieser Weg gelohnt.  Ich fühle mich priviligiert, nur Jenny und ich, nur wir beide, koennen diesen Moment teilen. Wir blicken schweigend in den Himmel, bis nur noch ein kleines Puenktchen zu sehen ist. Gute Reise, Herr Flamingo, ich hoffe wirklich, dass du findest, was du suchst.

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