Wir sitzen im Bus nach Riohacha und halten unsere Kopefe in einer komplizierten Schraeglage, um den Tropfen der Klimaanlage zu entkommen, die unermuedlich auf die blau-roten Polster platschen.

Chris schlaeft an meiner Schulter, obwohl aus den Lautsprechern laute Salsa-Musik droehnt. Wir tuckern durch kleine Doerfer, mein Blick verliert sich im Treiben an den Strassenraender, pures Leben, kolumbianischer Alltag.

Eine Wellblechbude reiht sich an die naechste, der Rauch von gegrilltem Fleisch liegt in der Luft und wunderschoene Frauen in bodenlangen Kleidern verkaufen Almuerzos, das 2,50$ Tagesgericht.


Wir geben dem Fahrer ein Zeichen, dass er halten soll und springen an einem belebten Strassenimbiss, mitten an der Hauptstrasse Riohachas, raus.
Die Menschen sind wie immer sehr kontaktfreudig und dankbar ueber jede Abwechslung, Chris ist sofort umringt von Einheimischen, die uns helfen wollen, eine guenstige Unterkunft zu finden.


Eine Frau mit buschiger Schambehaarung und wohlgeformten Bruesten laueft verwirrt zwischen hupenden Autos.

Die Eiswuerfel in meiner Coca-Cola klirren, ich blinzele in das grelle Sonnenlicht und ploetzlich erscheint eine splitternackte Frau zwischen den vielen Autos, die hupend vor den roten Ampeln warten.

Ein wilde, dunkle Lockenmaehne wippt bei jedem ihrer Schritte, sie ist gross und mit einer grazilen Figur gesegnet, ihre buschige, schwarze Schambehaarung sticht aus der kaffeebraunen Haut hervor. Sie wirkt verwirrt, wie aus einer anderen Welt entsprungen.
Manchmal ist es schwer zu verstehen, was um Dich herrum geschieht.

Wir beziehen ein billiges Hotel, dessen glanzvolle Zeiten wohl etwas laenger zurueckliegen, alles riecht nach Fabuloso, dem starken kolumbianischen Bohnerwachs. Die Tapeten sind vergilbt, eine dicke Staubschicht liegt ueber dem Fernseher, der von Decke baumelt und wenn man die Tuer schliesst, hat man noch genau 4 Schritte, die man ueber den knarrenden Boden gehen kann.

Riohacha, das sind schneeweisse Kirchen, ein kilometerlanger breiter Sandstrand unter Palmen, eine in der Ferne leuchtende Seebruecke, Cuba Libre in Salsa-Clubs, ein Picknick unter einem Mangobaum, Supermaerkte, die am Nachmittag schliessen, Wer wird Millionaer in der Panaderia und frischer Fisch, der aus Plastikeimern am Strand verkauft wird.


Stundenlang versuchen wir Informationen fuer unsere Reise in den Norden zu sammeln, es gibt nur extrem teure Touren, eine individuelle Reise ist anscheinend schwer durchfuehrbar.

Unser erstes Ziel soll Manaure sein, das Wuestendorf mit einem riesigen Salzberg mitten am Karibischen Meer.Im Reisefuehrer ist Manaure nicht mehr zu finden, leider gibt es auch keine wirklich aussagekraeftigen Landkarten in Kolumbien.

Wir versuchen es allein, Stueck fuer Stueck und mit unser eigenen Karte. (Ja! – waehrend ich in Deutschland keinem Stadtplan folgen konnte, werde ich hier zum detailverliebten Landkartenzeichner)

Der Taxistop befindet sich an einem kleinen Strassenimbiss und die Fahrt beginnt erst, wenn sich vier Passagiere in das zitronengelbe Taxi pressen. Wir sind zu zweit. Es bleibt also Zeit fuer einen Mora-Milch-Shake to go, landestypisch in einer Plastiktuete mit Strohhalm.

Am Strassenrand sehe ich zum ersten Mal metergrosse Kakteen , keine Erhebung mehr, eine ebene Landschaft. Hinter den flachen Bueschen steht aller 200 m ein junger, schwerbewaffneter Militaersoldat. „Das ist nur wegen der Grenznaehe zu Venezuela“ beruhigt mich der Taxifahrer. Chris streicht mir uebers Haar und will mir die Angst vor dem Neuem nehmen. Das hier ist anders.

Wir finden ein huebsches Haus am Meer, fliessendes Wasser gibt es nicht mehr, in der Dusche stehen zwei grosse Eimer: „Aqua dulce“ (Suesswasser). Welch eine Ironie – mitten in der Wueste, umgeben von Salzwasser. Ein starker Wind laesst die kolumbianische Flagge ueber unserem Balkon flattern, wir beobachten das Sonntagstreiben im Restaurant, dickbaeuchige Maenner schluerfen Bier in Plastikstuehlen.

Wir bestuecken uns mit 5l Wasservorraeten und laufen an Recyling– Huetten vorbei,gebaut aus allem, was man auf der Strasse findet. Surreal – so surreal, die Abendsonne taucht die Wellblechhuetten in ein goldgelbes Licht. Kinder, Kinder, ueberall Kinder. Sie sind neugierig, fassen meine Haut an, stellen Fragen, kichern und strahlen uebers ganze Gesicht. Sie sehen gluecklich aus – sie machen mich gluecklich.


Dieser Ort hat eine ganz besondere Atmosphaere, eine andere Energie, wir laufen barfuss durch den Staub.


Wir haben keine eigene Kueche, duerfen aber die Restaurantkueche benutzen. So stehen wir nach Sonnenuntergang im Licht einer Neonroehre und kochen auf grossen Gasflammen. Es gibt auch hier kein fliessendes Wasser, nur einen Wassertank im dunklen Nebenraum – eine Katze streicht um meine Beine, waehrend ich eine Thunfischdose oeffne.

Wir vierteln Limetten und giessen eiskalten Rum in kleine Plastikbecher, die wir mir Juan, dem hyperaktiven Besitzer teilen. Er freut sich, wir uns auch, schliesslich fragen wir in Restaurants nicht mehr nach der Karte, sondern ob wir die Kueche benutzen duerfen. Solche Dinge sind nie ein Problem in Kolumbien, er bietet uns freundlicherweise noch an, unsere selbstmitgebrachten Getraenke in seinem Kuehlschrank zu kuehlen. Ob ich das mal in der Muenchner Gastronomie oder im RTL2 – Bistro versuche (…)?

Es gibt hier so viel Himmel, ich hoere das Rattern des Deckenventilators und sehe eine Sternschnuppe Richtung Meer fliegen. Das Reisen weitab der ueblichen Touristenroute ist manchmal schwer , jede Information muessig zusammengesammelt, aber wir fuehlen uns als waere noch nie jemand vor uns diesen Weg gegangen. Alles ist frisch, die Menschen sind unverbraucht,die Touristenstruktur klaeglich. Es wird immer irgendwie improvisiert und so geraten wir in skurile Situationen mit noch viel skurileren Persoenlichkeiten.

Doch noch leben wir in reinstem Luxus, denn in einigen Tagen werden wir weder ein Haus, noch ein Bett haben, aber wir werden Fluesse durchqueren und das 1.Mal an einem Platz landen, den wirklich noch niemand vor uns betreten hat.

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