Wir geniessen die letzten Wochen im Haus in vollen Zügen, dieser Platz bleibt das Paradies für alle von uns. Wir führen ein einfaches Leben, mitten in der Natur und könnten nicht glücklicher sein.

Jeden Tag kommt jemand vorbei und wir tauschen Gemüse gegen eine warme Mahlzeit, verleihen unsere Küche für Kaffeeroestversuche oder lernen Salsa im Garten.


Juan Carlos beim 2.Kaffee-Roestversuch.

Die Regenzeit erreicht ihren Höhepunkt – alles ist feucht, selbst frischgeschwaschene Wäsche riecht immer modrig, die Seiten meines Tagebuchs wellen sich und das Leder meiner Geldbörse ist übersät mit weißen Schimmelflecken.

Das Unwetter legt die Elektrizität und Wasserleitungen lahm – immer öfter sitzen wir ungeduscht bei Kerzenschein zusammen und kochen mit Wasser aus 5l Beuteln.

Wenn wir eine Internetleitung finden, sehen wir langsam zu, wie sich die Seiten aufbauen – manchmal fühlt es sich an, als seien wir abgeschnitten von der Welt.

Die Straßen quellen mit braunem Wasser über, die Menschen laufen knietief durch den Schlamm. Ein Land ohne Kanalisation, nach 15 min Regen bricht das gesamte Straßennetz zusammen.  

Der Mangobaum schenkt uns die letzten Früchte und wir teilen sie mit Kindern, die in  schmuddeligen und viel zu großen T-Shirts Hula- Hupp in unserem  Garten spielen.

Unsere Zeit neigt sich dem Ende, wir laden alle Freunde zu einer letzten Fiesta ein – Wehmut und Aufbruchsstimmung liegen in der Luft, doch eiskalter Rum lässt uns heute nicht an morgen denken.

 Wir übergeben den Schlüssel mit dem wunderbaren Gefühl, eine einmalige Zeit miteinander verbracht zu haben und jeder von uns verstreut sich in unterschiedliche Unterkünfte in Minca, um die letzte Nacht noch einmal alleine zu verbringen und Abschied zu nehmen.

So verbringe ich meine letzte Nacht an dem Ort, an dem ich meine 1.Nacht verbrachte  – in Oscars Haus. Niemand glaubt mir, dass ich wirklich gehe, aber ich bin mir sicher – heute werde ich alles zum letzten Mal machen.

Geblendet von den ersten Sonnenstrahlen, erwache um 07:00 Uhr und Minca weiss genau, wie es sich von seiner schoensten Seite zu praesentieren hat. Ein wunderschoener Morgen mit einer angenehmen Temperatur, zwitschernden Voegeln und einem glitzernden Licht zwischen den Bergspitzen. So liebe ich den Start in einen kolombianischen Tag.

Nach einer kurzen, aber kalten Dusche, gehe ich ein letztes Mal ins Dorf. Ich laufe ueber die Bruecke, springe ueber Bamboo und bewundere alle Pflanzen um mich herrum, die so schnell gewachsen sind, in den letzten zwei Monaten. Tropischer Regenwald XXL, riesige Bananenblaetter und glaenzende Kaffeepflanzen, die mich haushoch ueberragen – gruen, gruener, Minca.

Ich verabschiede mich von Grant, eine letzte Umarmung auf dem Marktplatz und das unausgesprochende Gefuehl, dass wir beide nicht sicher sind, ob wir uns jemals wiedersehen werden. Doch wir zeigen Staerke, gehen, mit einer Traene im Auge, selbstbewusst in entgegengesetze Richtungen, ohne uns noch einmal umzudrehen.

Grant und ich auf unserer Terasse.

Ich laufe an der bezaubernden, kleinen Kirche vorbei, um mich von Patricia und Pablo in ihrer Baeckerei zu verabschieden.  

Als erstes bekomme ich einen Abschiedsbrief in die Hand gedrueckt, der liebevoll an “Heidi, Heidi” adressiert ist. Ja- man moege es kaum glauben, aber Heidi kennt hier jeder und weil Heidi so ein rundes Gesicht mit dicken Backen hat, war mein neuer Name schnell gefunden.

Patricia kneift mir ein letztes Mal in die Wangen, doch dann kommt Pablo, der immer fuer eine Ueberraschung gut ist und bereits gemeinsame Reiseplaene hat.

 “Wir reisen zusammen fuer ein paar Wochen durch Ecuador!” Patricia bekommt ein hitzig-aufgeregtes Gesicht, sie hat Kolumbien noch nie verlassen und ich bin mir nicht ganz sicher, ob Pablo mir den Abschied erleichtern will oder er es tatsaechlich ernst meint. Eine letzte Umarmung und dann verlasse ich das Haus, in dem ich so viele amuesante Stunden verbrachte: “Wir sehen uns in Ecuador!”

Auf dem Rueckweg lade mich selbst zu einer letzten hausgemachten Eiscreme ein,  schenke dem Tienda-Besitzter mein breitestes Laecheln und kraule Obama, den scheuesten  Strassenhund Mincas.

Ich erreiche puenktlich den prallgefuellten Mittagstisch bei Oscar – heute sollte es wohl etwas Besonderes sein – es gibt: Rind! In den letzten 10 Wochen hatte ich genau zweimal Huehnchen hier, das ist ein vegetarischer Haushalt und das blutige Stueck Fleisch auf meinem Teller passt hier irgendwie nicht her.

Nach einem letzten Kaffee und einem frischen Ananaskuchen in der Haengematte breche ich auf. Spezielle Momente haben spezielle Transportmittel und so sehe ich Oscar zum 1.Mal sein Mula satteln, genau kann ich mir nicht erklaeren, warum ich auf einmal mit doppeltem Gepaeck reise.

Der Weg ins Dorf fuehlt sich kurz an, auf meiner Reise  war ich noch nie so traurig und melancholisch. Minca war mehr als ein Reisestop, Minca war mein Zuhause und die Einwohner meine Familie.

Ich kam in der Trockenzeit, als die meisten Fruechte kurz vor der Reife standen und gehe in der Regenzeit.  Die letzten Mangos liegen verfault am Boden, ich erinnere mich an drei unvergessende Vollmondaufgaenge und den typisch kolumbianischen doppelten Regenbogen.

Meine Haut hat sich geglaettet, meine Haare glaenzen, mein Bauchumfang ist gewachsen und ich kann zufrieden sagen: Ich war gluecklich in Minca und habe nicht nur neue Freunde, sondern auch mich selbst kennengelernt.

Tomassita streicht ein letztes Mal um Beine, wenn du die Namen aller Hunde im Dorf kennst, ist es wohl Zeit zu gehen.

Irgendwann werde ich in dieses Dorf zurueckkehren, aber jetzt geht meine Reise weiter und diesmal nicht allein. Chris wartet auf mich in einem kleinen Doerfchen am Strand, welches ich heute Nacht erreichen werde und die Vorfreude auf neue Abenteuer wird erst einmal getruebt, von zu hohen Erwartungen und falschen Vorstellungen – aber vielleicht hat es jeder Platz nach Minca einfach nur verdammt schwer.

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