Teil 2 – Das Haus fuellt sich mit Leben: Einzug eines Kiwi’s und eines Grant’s.

Die Sonne geht auf und wirft ihr Morgenlicht durchs Fenster, ich laufe barfuss die Treppen hinunter und schaue auf die Berge, die nur ihre Spitzen im Nebel offenbaren.
Das Gras ist feucht, drei Maultiere traben an mir vorbei und ich sammele die Mangos vom Boden – kleine, grosse, ovale und goldgelbe Fruechte.

Ich versuche so leise, wie moeglich zu sein, denn Susi  schlaeft am laengsten und ist in der ersten Morgenstunde absolut nicht ansprechbar – das ist aber auch schon die einzige Schwaeche, die mir einfaellt. Susi mag ein kuscheliges Heim, wenn ich koche, wischt sie alles sofort nach mir weg und stellt mir die Zutaten fuer die naechsten Schritte bereit. Wir verstehen uns ohne Worte.
Susi ist Grundschullehrerin und so eine Grundschullehrerin wuerde sich jedes Kind wuenschen.

Gott sei Dank kein Knutschpaerchen

Susi und Philipp sind ein Paerchen und manchmal haben sie dieses Paerchen-Ding, sich immer gegenseitig Fragen zu stellen, die sie sich auch selbst beantworten koennten. Ansonsten sind beide unheimlich herzliche Personen, kein unangenehmes Knutsch-Paerchen, zwei  „ganz Feine“, wie Susi gute Menschen im oestereichischem Slang beschreibt.

Philipp ist ein ruhiger Zeitgenosse, ich muss mich erst an das Langsame gewoehnen, denn eigentlich ist er nicht langsam, er nimmt sich nur sehr viel Zeit, um Dinge mit groesster Sorgfalt zu erledigen.
Philipp ist der beste Fussbodenkehrer der Welt, er erledigt das mit meditierenden Faehigkeiten, genau wie das Waeschewaschen , was nicht einfach ist mit kaltem Wasser, einer Stahlbuerste und einer kleinen Plastikschuessel.

Ein Kiwi zieht ins Haus

Es ist nicht leicht fuer Philipp mit zwei Frauen im Haus zu leben, die grundsatzlich immer alles besser wissen als er, aber gluecklicherweise zieht nach ein paar Tagen sein neuseelaendischer Freund, Chris, ins Haus, der ist noch langsamer als Philipp, schlaeft ab jetzt ein Bett neben mir und bringt als Einstiegseinkauf eine 1-liter Flasche Rum ins Haus.  (ich trinke seit Wochen keinen Alkohol)

Wir haben die erste kleine Auseinandersetzung, weil Philipp so ein guter Mensch ist, dass er von Chris, weder Miete, noch ueberhaupt etwas verlangen moechte. Wir einigen uns darauf, die Kosten fair zu teilen, keinen Gewinn, aber auch keinen Verlust.

Chris freut’s, denn sein Hauptgrund hier zu sein, ist Geld zu sparen.
Er ist mehr Langzeitreisender als wir alle zusammen, vor fast zwei Jahren hat er seine Heimat verlassen, um Mountainbikestrecken fuer eine neuseelaendische Firma zu bauen. Er arbeitete in Chile, Portugal, Marokko und Jamaica, zwischen allen Aufenthalten nimmt er sich Zeit, um das verdiente Geld fuers Reisen auszugeben.

Er ist stolz darauf ein Kiwi zu sein, einer von 4 Millionen, Neuseeland ist winzig.
Abends hilft er mir beim Kochen und schneidet alle  Zutaten in kleine Stuecke – und er schneidet und schneidet und schneidet. Ich habe noch nie einen Menschen so umstaendlich Gemuese schneiden sehen, aber der Wille zaehlt und wir vertreiben uns die Zeit mit vielen Gespraechen  am warmen Gasherd.


Sonntags gehen wir wandern und er haelt meine Hand bei jeder Flussdurchquerung.


Chris bringt extrem gute Musik ins Haus, wenn er an nichts denkt, aber sein ipod ist immer geladen. Drum’n’Bass und Hip Hop – meistens aus Australien, obwohl Australien natuerlich ueberhaupt nichts mit Neuseeland zu tun hat.

Pachito erklaert uns den Garten.
Wir muessen dieses Haus nicht verlassen, die Menschen besuchen uns und jeden Tag passiert etwas Neues. Liegt es daran, dass das halbe Dorf keiner geregelten Arbeit nachgeht und anscheinend auch nicht zwingend eine Arbeit benoetigt oder moegen die uns einfach so gern?

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, einer meiner liebsten Gaeste, ist Pacho. Wir kennen uns schon seit 4 Wochen, denn Pacho ist ein guter Freund von Oscar und wird manchmal liebevoll Pachito genannt.

Pachito ist ein Biologe, hat sich selbst beigebracht fliessend englisch zu sprechen und will auch sonst immer alles wissen und begreifen. Er waere ein guter Lehrer geworden, verbessert mein Spanisch, erklaert mir die kolumbianische Kultur und den Garten. In unserem Garten wachsen ein Menge nuetzlicher Dinge, ich lerne nicht nur die verschiedenen Anwendungen, sondern auch gleich alle lateinischen Namen.

Ja, wir haben einen Coca Strauch im Garten.
Antibiotika, Oregano, Koriander, wilder Oregano und Coca – Tee


Pacho beschreibt mir diese Bluete mit der Wirkung „fuer suesse Traeume“, schwer einzuschaetzen, was er damit meint, ich verzichte.

In der Nacht sitzen wir bei flackernder Kerze im Dachgeschoss und hoffen, dass der Blitz nicht einschlaegt. Im Garten faellt ein Baum,  es dauert  eine gefuehlte Ewigkeit bis nach dem ersten Knarren, der ganze Baum mit einem brachilachen Gerausch zu Boden faellt.

Ein Fruehaufsteher zieht ins Haus – ein Grant.

Am naechsten Morgen wache ich um 6:00 Uhr auf, weil irgendein Typ mit dem  Gaertner auf der Terasse ein Plaeuschchen haellt. Der Gaertner sollte arbeiten und den Typ kenne ich nicht, ich bin motzig.
Es ist Grant, aus San Francisco und er ist seit gestern Nacht ins Haus eingezogen. Aha!
Grand ist einmalig, wirklich einmalig, ich habe noch nie einen Grant getroffen.

Er ist seit Monaten unterwegs, sagt aber er moege das Reisen nicht, er mag es zu bleiben und so hat er die letzten Wochen damit verbracht, sich Apartments in Kolumbien zu mieten und Salsa-Kurse zu besuchen. Er liebt Salsa, er liebt die Black Eyed Peas und er liebt Kaffee – den kocht er uns zu jeder Tageszeit. Geschirr spülen kann er nicht, Wäsche waschen noch viel weniger und wenn er den Boden fegt, hat das weder ein System, noch ist es danach sauber.

Susi und ich können uns stundenlang darüber aufregen oder in Lachkrämpfe verfallen – die Arbeit, die er nicht sehen will, die sieht er einfach nicht, wir geben auf und Grant versucht sein Bestes.

Aber er hat auch wenig Zeit –  Grant ist mit einer Mission nach Minca gekommen und die heißt: Volunteering! In seinem Rucksack befinden sich neben Gläsern (!), einem macbook und Calvin Klein Jogginghosen auch unzählige Schulbücher, Stifte und Spielsachen. Sein Ziel ist es,  allen Kindern dieses Dorfes für einen Monat ein Nachmittagsprogramm zu gestalten – Sport, Kunst und Englischunterricht – von  Montag – bis Freitag, ohne Bezahlung.
Minca hat eine Menge Kinder, jedes Alters und die in einer täglichen Gruppe zu organisieren kostet verdammt viel Energie.

…aber Grant wird selten muede. Ich frage mich nur, ob Kinder in deutschen Staedten nicht eher einen Volunteer wie Grant gebrauchen koennten, die haben naemlich nicht hunderte Spielkameraden in ihrem Alter, keine immergruene, ueppige Natur um sich herum, mit einem klaren Bergfluesschen in einem absolut entspannten und sicheren Doerfchen.


Noch einmal Kind sein – Kreide – Kunst in Minca.


Voneinander-Lernen: Kolumbianische Jugendliche geben mir die erste Skate-Stunde.

Wir sind eine gut funktionierende WG, jeder weiß, was er zu tun hat. Wir können uns aufeinander verlassen und vertrauen uns, das ist eine der seltenen und besonderen Erfahrung auf meiner bisherigen Reise. Ich war nie ein WG- Typ und war ein noch miserabler WG Mitbewohner.
In diesem Haus lerne ich, es besser zu machen.

Es folgt ein großer Moment in der Küche, ich höre Cat Stevens: „First cut is the deepest“, der allererste Song den ich hörte, als ich diese Reise antrat.

Jetzt stehe ich hier in der Küche, blicke auf die Berge und rühre in einem Topf, der groessentechnisch an den Zaubertrunk von Asterix und Obelix erinnert. In unserem Fall befindet sich hier lediglich eine Suppe, mit zwei Hühnern und 10 Eiern in einem Topf, den wir mit zwei riesigen, saftig-grünen Bananenblaettern covern.  Wir haben kurz darüber diskutiert, ob es moralisch vertretbar  ist, Hühner und Eier, gemeinsam, in einem Topf zu garen – doch was können wir sagen – wir mögen Huhn und Ei.

Unser Haus-Alltag hat sich eingespielt, ich koche meistens für 10 Personen, Philipp schneidet die Kräuter im Garten, Susi deckt den Tisch,  kocht frischen Lemongras- Tee und alle warten vergebens, dass Grant abspült. Wir haben keinen Fernseher, oft keinen Strom und manchmal auch kein Wasser, aber wir sind gluecklich.


Gewoehnungsbeduerftig – Ein Suppenhuhn in Kolumbien ist mit dem Kopf und den Fuessen gefuellt, beides landete im Muell.

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