In Deutschland ist alles bio und ich war ganz vorne mit dabei. Wenn alles, jederzeit und überall erhältlich ist, hat das herzlich wenig mit bio zu tun.
Nachhaltigkeit kann man sich nicht kaufen, manchmal genügt es, sich zu überlegen, was man wirklich kaufen kann.
Die Natur hat das recht schlau eingerichtet, nur ist der prallgefuellte Supermarkt um die Ecke so viel angenehmer, als ein Blick in die Natur – denn die hat eben nicht immer alles-auf-einmal und das ist gut so.

Nach 2 Tagen auf Juan Carlos Farm, kehre ich wieder 1000m tiefer, nach Minca zurück. Minca erwartet mich sonnig, mein Lieblingstaxifahrer streckt mir schon von weitem die Hand aus dem Auto entgegen, ich schlage ein und laufe durch den Dschungel nach Hause.

Nur zwei Nächte weg gewesen und ich habe begonnen diesen Ort zu vermissen.

Im Vergleich zu Juan Carlos ist dieser Platz Luxus, einige Stunden Strom am Abend, wenn es nicht zu bewölkt ist, kann ich ins Internet gehen und zusehen wie sich die Seiten ganz langsam öffnen.Trinkbares Wasser, ein Wasserhahn, ein Gasherd, eine Dusche – Relationen verschieben sich.

Minca sensibilisiert mich für das, was ich wirklich brauche.

Sparsam klingt im Deutschen immer sehr  negativ und ist die kleine Schwester von geizig, económico klingt das schon viel besser – wirtschaften.

Wirtschaften bedeutet nicht möglichst wenig Geld auszugeben, sondern für sein Geld möglichst viel zu bekommen. Wirtschaften bedeutet Preise zu vergleichen und zu entscheiden, welcher Preis für welches Produkt gerechtfertigt ist.

Wenn ich fuer 5 Maracujas 0,50 Cent zahle ist das, nach deutschem Standard, günstig, wenn ich aber am Stand gegenüber 10 Maracujas für den gleichen Preis bekomme, ist das wirtschaftlich.

Nach über 3 Monaten fange ich jetzt auch endlich an zu wirtschaften, mein längerer Aufenthalt in Minca macht es mir auch einfacher , ich gehe mit Einheimischen auf den Markt und bekomme ein Gefühl für die Preise.

Wir wohnen mitten in den Bergen, die Einkaufswege sind lang, mühsam und kosten mich einen Tag. Der erste  wichtige Schritt, den ich lerne, ist alles aufzuschreiben – kein Einkauf ohne eine gut durchdachte Liste.

Wir haben keinen Kühlschrank und durchschnittlich 30 Grad Außentemperatur.
Der zweite Schritt ist, mir zu überlegen, was hält sich wie lange. Milch im Vorratspack ist ausgeschlossen.

Außerdem bin ich in einem anderen Land, mit einer anderen Landwirtschaft.
Ich muss herausfinden, welche Produkte wachsen in Kolumbien und wann startet die Saison.

Äpfel sind teuer, geschmacklos und werden aus Amerika importiert, Koriander ist die kolumbianische Petersilie, immer und überall in dicken Bündeln erhältlich.  

Der letzte Schritt ist, was kaufe ich wo?  Spaghetti nicht im Supermarkt, sondern bei den Straßenverkäuferinnen. Alte Frauen verkaufen Pasta im Kilopack, eingeführt auf illegalem Weg aus Venezuela.

So besteht meine typisch, kolumbianische Einkaufsliste meistens aus einem Liter Milch (reinster Luxus, ich lebe in einem Land, indem Coca Cola guenstiger ist als Milch, der Rest des Landes mischt Wasser und Pulver zusammen), Karotten, Koriander, Eier, Maracujas, Knoblauch, Zwiebeln, Kartoffeln, Rote Beete, Limetten, Vollkornreis, Bohnen, Bohnen, Bohnen, Thunfisch und Eier. Butter kaufe ich schon lange nicht mehr, sie schmeckt nicht nach Butter und ich kann sie nicht lagern.


Kiloweise Bohnen, in allen Formen und Farben,  im Supermarkt.

Heute lieber kein Fleisch – „Metzgerei“ auf den Strassen Santa Martas in der Mittagssonne


Ein Leben ohne Kühlschrank ist sehr viel einfacher als erwartet, es führt lediglich dazu, dass ich genau kalkuliere, was ich kochen kann und das führt dazu, dass ich keine Lebensmittel mehr wegschmeiße.

Das Einzige, was ich nicht ignorieren kann, ist die Erinnerung, an eine eiskalte Coca-Cola, einen Weißwein oder ein Eis – aber wenn ich wirklich, wirklich eine annähernd, kalte Coca haben will, binde ich sie an eine Schnur und lasse sie 5 Meter in den Pool sinken – und ich wenn ich Glück habe, finde ich jemanden, der nachts für mich in den Pool springt.

Es hat etwas gedauert, Chris aus Schottland zu ueberreden, dass er sich nach einem mitternaechtlichen Sprung in den Pool, besser fuehlen wird.

….und dann greife ich in die Obstschale und nehme mir Mangos, Minibananen und Avocados, die wachsen im Garten und sind immer umsonst – mehr económico geht nicht.  


Ich werde in Deutschland nicht mehr die Zeit haben, mich so intensiv mit dem Einkauf zu beschäftigen, aber vielleicht denke ich mehr darüber nach, dass eine Oeko-Ananas, in einem Flugzeug importiert, wenig mit einer nachhaltigen Lebensweise zu tun hat.

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