Ich sitze auf einem Motorrad und lasse mich die steilen Bergpfade von Kolumbien hinauffahren.
Wenn wir stürzen, könnte es ziemlich wehtun, ich denke nicht weiter darüber nach, ich habe auch keine Wahl, die Wege sind für Autos nicht mehr passierbar.
Meine Plastiktüte mit einem frischem Kokussnusskuchen flattert im Fahrtwind – Ausstieg am ersten Stopp, die nächsten zwei Stunden legen wir zu Fuß zurück – es geht immer nur bergauf.

Kurz vor unserem Ziel pausieren wir an einer kleinen Tienda. Ich trinke ein kühles Pilsen, das einzige Bier Kolumbiens, das mich an Deutschland erinnert. Im Hintergrund dudelt Salsa Musik aus einem kleinen Radio und dann die Breaking News: Osama Bin Laden ist tot.
Aha – würde ich in Deutschland sein, würden mich alle TV Kanäle mit Informationen überschütten und das Ereignis würde sich grösser anfühlen. Wir sind mitten in den Bergen von Kolumbien, hier ist es nur eine Nachricht, keine Hintergrundinformationen – so weit weg von allem.
Ich fühle mich abgeschnitten von der Welt und bin glücklich darüber.

Die Pfade werden immer schmaler, wir erreichen Juan Carlos Kaffeefarm, benannt nach seiner Mutter, Finca Maria Elena.

Unter Finca und Kaffeefarm stelle ich mir viel vor, das was mich hier erwartet weicht jedoch sehr von all meinen Erwartungen ab. Es gibt zwei Zelte, eine „Küche“, bestehend aus einigen Holzbrettern und einem Wellblechdach, eine zentrale Feuerstelle und unzählige Kaffeesträucher, die sich tief den Hang hinab aufreihen. Wie kann er hier seit einem Jahr leben?

Juan Carlos Zelt, indem er seit einem Jahr lebt.


Zentraler Lebensmittelpunkt – Kueche und Wohnzimmer unter einem Wellblechdach.

Kein fließend Wasser, keine Toiletten, keine Elektrizität. Ich bin frisch geduscht, mein Magen ist gefüllt und noch bin ich guter Dinge.

Hier steht die Zeit still. Es gibt nichts zu tun, außer sich zu überlegen, was man essen will.
Ich lerne Feuer zu machen – Juan Carlos geht mit allen Dingen sehr sparsam um, er schneidet eine Kerze in 10 kleine Stücke – kleine Kerze, kleine Stöcker, großes Feuer.

Der Sonnenuntergang schenkt uns ein atemberaubendes Panorama, bevor die Nacht diesen Ort in eine stockdunkle Finsternis hüllt.

Es ist kalt und feucht, so kalt habe ich Kolumbien noch nie erlebt. Ich habe Angst vor der Kälte der Nacht. Unter meinem Zelt rücken wir Stroh als Matratze zu Recht.Eine Hängematte, ein dünner und ein dicker Schlafsack spenden genug Wärme.

Ein letzter Blick aus meinem Zelt, über dem kleinen Limettenbaum erstreckt sich das sternenbedeckte Himmelszelt. Ist es eigentlich gefährlich in den Bergen von Kolumbien zu schlafen? Ich höre nachts ein fieses Tier an meinem Zelt schaben, ignoriere es und schlafe ein.

Der Morgen ist bewölkt und das laute Brüllen der Affen reist mich in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf. Die Dämmerung lässt die Dunkelheit schwinden – ich bin erleichtert.


Ich mache ein Feuer und Juan Carlos schneidet die Fruchte fuer unser Muesli, es ist erstaunlich was wir ohne eine „richtige“ Kueche zubereiten koennen.


Eine 20koepfige Militär – Truppe passiert unsere Küche, es fühlt sich merkwürdig an, dass es zum einen keine Privatsphäre gibt und  mit welcher Gelassenheit junge Maenner schwer bewaffnet durch die Gegend schlendern.

 Juan Carlos bietet ihnen ein bisschen zu viel von allem an, er wartet nicht bis sie fragen, aber sie erwarten eindeutig einige „Geschenke“. Ist das schon Bestechung? – ich frage nicht nach, die Stimmung ist friedlich.  

Ich habe Blasen an den Händen vom Holzhacken.
Als wäre Holzhacken nicht schon Abenteuer genug, kann selbst das hier nur auf äußerst primitive Art erledigt werden. Machete auf das Holzstueck legen und mit einem anderen Holzstueck die Machete soweit ins Holz schlagen, bis es sich spaltet. Ein Leben ohne Werkzeuge.

Es ist Regenzeit in Kolumbien, dicke Tropfen prasseln aufs Wellblechdach, wir schauen auf die Berge und bereiten die naechste Mahlzeit vor. Wir haben extrem wenig Platz, der Tisch wird als Schneidebrett genutzt, ich spüle das Geschirr mit so wenig Wasser wie möglich.

Immer noch zu viel, Juan Carlos schaut mir über die Schulter und sein meistbenutztes englisches Wort ist: „rinse“ – „nur mit wenig Wasser spülen“. Ich muss wirklich Abstriche von meinem Sauberkeitsverstaendnis machen und ich dachte immer, ich bin da schon sehr großzügig.

Ich laufe 45 min zum Fluss, mein Rucksack ist gefüllt mit 15 leeren Wasserflaschen, auch die sehen ziemlich schmutzig aus. Ich fülle alle Flaschen mit kristallklarem Bergwasser, laufe mit 20 kg Gepäck zurück – eine Tagesration für eine Person. Für einen Tag ist das leicht zu ertragen.  

Besuch am Nachmittag und ein gescheiterter Kaffee-Roestversuch. Juan Carlos hat keinen Schimmer, wie er Kaffee rösten muss, nach mühseliger Feinarbeit, jede Bohne von ihrer Schale zu befreien, verbrennen alle Bohnen über dem Feuer. Eine riesige Stichflamme steigt den Himmel empor, Juan Carlos nimmt es mit Humor. Wie kann er seit einem Jahr hier leben, der Kaffee ist seine einzige mögliche Einnahmequelle und er hat keine Ahnung, wie man Kaffee röstet?
Ich sehne mich nach einem Latte Macchiato – bestellen, zahlen und gehen. Eine Kreditkarte in der Tasche ist hier nur ein wertloses Stueck Plastik.
Doch ich schaetze genau diesen engen Kontakt zur Natur, ich mag Juan Carlos und seine Art, Dinge wie ein Kind zu sehen und beschließe eine Nacht laenger zu bleiben.

Ich denke über seine und meine Werte nach. Bin ich zu effizient, zu Deutsch oder zu ergebnisorientiert? Wir haben gute und tiefe Diskussionen darüber.

Wenn dein ganzer Tag nur davon bestimmt ist, die primitivsten Sachen zu erledigen, wie kannst du dann Zeit für die notwendigsten Dinge haben? Noch wird Juan Carlos finanziell von seiner Familie unterstützt, aber sollte er nicht ein bisschen mehr an danach denken?

Ich habe größtes Verständnis für seinen Traum von einer eigenen Kaffeefarm und dem Leben außerhalb der Leistungsgesellschaft. Einen Neuanfang mit 40 würden die meisten Menschen nicht einmal versuchen. – aber eine verschließbare Behausung, ein Dach über dem Kopf, eine Wasserleitung, das Anschaffen von Werkzeugen und das Erlernen der Kaffeeherstellung, wären für mich die wichtigsten Ergebnisse im ersten Jahr.

Für Juan Carlos zählen andere Dinge, er ist glücklich, er ist spirituell und lebt im völligen Einklang mit der Natur. Er kennt keine Eile und kann meine Art, moeglichst viele Dinge auf einmal zu erledigen, nicht verstehen. Er lebt im Moment und ich denke an Deutschland, wo immer mehr Menschen nach jahrelangem Rennen im Hamsterrad ein Burn-Out erleiden und gar nichts mehr machen koennen.

 Ich frage ihn, wie dieser Platz in 10 Jahren aussieht, er antwortet mir schnell:
„Ein Ort an dem Menschen zusammenkommen, ein Hostel mitten in der Natur und eine Kaffeeproduktion, die zum Leben reicht“

Ich wünsche ihm nichts mehr, als dass sich dieser Wunsch erfüllt, für mich war es eine sehr  intensive Erfahrung, aber ich kann keine Nacht länger bleiben.

Ich stinke, ich will den Wasserhahn aufdrehen, duschen, den Gasherd anzünden, mein Geschirr abspülen, eine Toilette benutzen und einen Lichtschalter bedienen und ich denke an ein Zitat aus dem Buch „Gespräche mit Gott“
„Der einzige Weg, mehr und mehr und mehr zu haben ist, wenn ein anderer weniger und weniger und weniger hat“ – Juan Carlos nimmt von allem nur so viel, wie er wirklich braucht und dafür kann ich ihm nur meinen größten Respekt aussprechen!

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