(Mein Haus, ist Dein Haus)

Jetzt beginnt eine andere Zeit des Reisens – Kurzaufenthalte, Hostels und staendig neue Backpacker gehoeren der Vergangenheit an. Ich lebe fuer die naechsten Wochen in einer kolumbianischen Familie. Es ist so etwas wie Alltag eingekehrt, ein kolumbianischer Alltag, der mir immer vertrauter wird.
Ein Portrait ueber Menschen, die mich mit offenen Armen empfangen.

OSCAR- eine Mischung aus  Genie und Wahnsinn – der Hausherr.

Oscar sieht kolumbianischer aus als jeder Kolumbianer, aufgewachsen in den USA und vertraut mit den Anforderungen der Leistungsgesellschaft beschreibt er Kolumbien mit den treffenden Worten: „Es gibt nur drei Geschwindigkeiten, langsam, langsamer und Stillstand“ – wie Recht er doch hat.

Oscar ist ein Backpacker der ersten Generation.
Er besitzt tatsaechlich die 1.Lonelyplanetausgabe von Kolumbien – publiziert in meinem Geburtsjahr: 1981. Es liegt eine Generation zwischen uns.

Vor 15 Jahren kehrt er zu seinen Wurzeln zurueck, erwirbt ein riesiges Stueck Land zu einem laecherlich geringen Preis und gehoert heute zu den Grossgrundbesitzern Mincas inklusive einem 360 Grad Panorama, einem Wasserfall und unzaehligen Quadratmetern tropischen Regenwalds.

Oscar in juengeren Jahren, aber bereits mit dem klassischen Modell der kolumbianischen Herrentasche – Handarbeit der Ureinwohner aus Schafswolle mit der typisch braun-weissen Musterung.
(Ich habe noch nie ein Schaf in Kolumbien gesehen(…)


25 Jahre spaeter – Oscar als Englischlehrer im salonfaehigen Stadtoutfit auf dem Weg zur bilungalen Schule in Santa Marta.

Oscars groesster Traum ist eine Zipline zu bauen, die er zwischen die hoechsten Baeume seines Anwesens spannt, um von Berg zu Berg fliegen. Ja, ihm gehoeren Berge (!)– ist das nicht strange? – kann man in Deutschland Berge erwerben? Im naechsten Leben moechte er ein Vogel sein.

Wir wandern durch den dichten Dschungel, Oscar schlaegt die Wege mit der Machete frei, es ist unertraeglich heiss, meine Kleider und Haare kleben auf meiner Haut, wir klettern einen Wasserfall empor, ich setzte mich auf einen moosbedeckten Stein und lerne: Niemals mit nackter Haut eine Dschungelwanderung zu unternehmen.

Seine groesste Leidenschaft ist es, Pfeifen aus duennen Bambusrohren und Samen zu schnitzen. Seine zweite Leidenschaft es ist, diese stattliche Pfeifensammlung im staendigen Gebrauch zu haben.

Handarbeit – Fuer jeden Anlass die passende Pfeife und irgendeinen Anlass gibt es immer.

Oscar ist eine Mischung aus Genie und Wahnsinn, er denkt schneller als andere und wechselt seine Launen noch schneller. Er kann bezaubernd, enthusiastisch und voller Ideen sein, von einer Minute auf die andere kann sich alles wieder aendern.  Manchmal kommt es mir vor, als schaue ich in einen Spiegel.


Oscar ist die Hand links im Bild – Ein Teil seiner Persoenlichkeit ist gluecklerweise immer Kind geblieben.

Ich erstelle ihm einen facebook und skype Account (was uns aufgrund von permanentem Strommangel und einem extrem langsamen Internet Tage kostet).  Seine Augen leuchten – ich kann gar nicht so schnell erklaeren, wie er sich von Seite zu Seite klickt. Geduld ist nicht seine Staerke, meine leider auch nicht.

Nachts serviert er mir Minibananen in Schokosauce oder salziges Curry – Popcorn. Wir sind Geniesser, nur auf seinen Hueften bleiben die Kalorien nicht kleben.
Wir sind zwei starke Charaktere, koennen ein Herz und eine Seele sein oder stundenlang kein Wort miteinander reden. Ja – es gibt hin und wieder Konfliktpotenzial, Hoehen und Tiefen – aber genau das zeigt uns, dass wir uns nahe sind – und zum Glueck haben wir Sandra – unsere ausgleichende Mitte.


SANDRA – la doctora – eine Aerztin in Gummistiefeln.

Sandra ist seit 15 Jahren mit Oscar zusammen und hat genau das Temperament, welches Oscar und mir nicht gegeben ist. Sie ist immer loyal, steigert sich nie in Dinge hinein und ist extrem harmoniebeduerftig.

Sandra ist stolz aus der Hauptstadt Kolumbiens, Bogota, zu kommen. Nach abgeschlossenem Medizinstudium studierte sie zusaetzlich drei weitere Jahre alternative Medizin in China.

Eine kinderlose Kolumbianerin, mit Auslandsaufenthalten ist in Minca selten, hier findet die erste Schwangerschaft durchschnittlich im Alter von 14 Jahren statt.

Danach entschied sie sich gegen eine schicke Praxis und  ging als Aerztin in den tiefsten, kolumbianischen Dschungel. Kolumbien vor 20 Jahren, eine Arbeit mit taeglichen Gefahren, toedlichen Krankheiten und Guerillaueberfaellen.  

Sandra liebt die Natur, die Stille und pfeifft auf Aeusserlichkeiten. Ihre Patienten in der naechstgroesseren Stadt, Santa Marta, halten sie fuer einen Hippie,  weil sie manchmal vergisst ihre Gummistiefel gegen normales Schuhwerk einzutauschen.

Ich habe nie einen Menschen weniger schlafen gesehen, ihr Tag beginnt um 5:00 Uhr mit einigen Runden Backgammon vor Sonnenaufgang mit Oscar. Jeden Morgen starten beide mit diesem Ritual ihren Tag  – Alltags-Romantik kann so schoen sein.

Sandra ist wie eine Mama zu mir, wir teilen die Leidenschaft fuer starken Kaffee zu jeder Tageszeit und hegen die selben Sympathien fuer Menschen.

Ich schaue ihr stundenlang zu, wie sie mit einer unglaublichen Liebe zum Detail,  Blumen zusammensteckt, Lemongras-Limonade kocht und die blau bemalten Porzelantassen fein saeuberlich auf die passenden Haken haengt.

Nachts kocht  sie mir frischen Kakao, der in heisser Milch zerstossen wird und einen oeligen Film auf meinen Lippen hinterlaesst

Muehevolle Detailarbeit und Vorbereitungen fuer den naechtlichen Schlummertrunk:  Kakaobohnen schaelen und roesten

Wir verbringen die Abende bei Kerzenschein und hoeren Beatles-Songs und manchmal steckt Erika den Kopf durch die Tuer und wir teilen einen Schokokuchen mit ihr.

ERIKA – die  immer froehliche Haushaelterin und meine erste, kolumbianische Vertraute

Erika und ich haben beide unseren ersten Tag  – Erika beginnt als Haushaelterin und ich ziehe ein – das verbindet. Auch in Kolumbien muss man dort hingehen, wo die Arbeit zu finden ist. So kommt Erika nach Minca und kann sich nichts Schlimmeres vorstellen als in der Natur zu leben.

Sie ist ein Stadt-Mensch, fuerchtet sich vor jedem Insekt und schaetzt das „muchas ambiente“ in Santa Marta. (Fuer einen Europaer ist nicht nachzuvollziehen, von welchem verdammten Ambiente Erika spricht, Santa Marta bleibt eine kleine, dreckige Smogstadt)

Eine Haushaelterin in Kolumbien ist auf der unteren Gehaltsskala – sie wohnt und isst in der Familie und bekommt fuer einen 12 Stunden Arbeitstag 25.000 Pesos. (10 Euro). Das klingt wenig, auf der andere Seite ist das genau der Betrag, den ich pro Tag fuer eine Uebernachtung und ein Essen zahle.

Ich finanziere also eine Vollzeitstelle und alle sind gluecklich. Erika ist immer gluecklich, mit gerade einmal 36 Jahren kann sie drei erwachsene Kinder vorweisen. Erika hat keine grossen Ansprueche, ihre einzige Leidenschaft sind Avocado-Kokusnussoel-Haarpackungen, die sie zwei Naechte auf ihrem Kopf einwirken laesst, um am Samstag mit glaenzender Haarpracht in ihr geliebtes Santa Marta zu fahren.


Erika und ich sind ein Team, wir koennen anfangs kaum ein Wort miteinander sprechen, das hindert uns aber nicht daran eine innige Freundschaft aufzubauen.

Sie stellt mir die meistgestellteste Frage: „Hast du Kinder?“- ich verneine, sie ist verwundert.
Ich klappe die Weltkarte auf und erzaehle ihr vom Leben in Europa, sie starrt auf Suedamerika und fragt mich, ob es noch andere Laender gibt, in denen spanisch gesprochen wird. (…)
Ich bin verwundert und dann versuche ihr ein Land zu erklaeren, indem ich selbst nur ein Gast bin.


Manchmal stecke ich ihr nachts Chocorama (ein Kuchen fuer 10 Cent, den es in jedem Kiosk gibt) zu und sie bastelt mir an ihrem einzigen freien Tag Ketten und Armbaender, die sehen etwas zu sehr nach billigem Plastik aus, aber ich trage sie mit Stolz. Menschen, die am wenigstens haben, geben am meisten.

TOMASSITA– manchmal kann sie eine Lady sein.

Tomassa ist eine riesige Huendin, sie wird von allen, unverstaendlicherweise, Tomassita gerufen, was der Verniedlichungen zu etwas Kleinem und Suessem entspricht – dabei ist sie so weit davon entfernt, eine Tomassita zu sein.

Super-faul, Angst vor Bienen und Wasser, immer auf der Suche nach Essen, insbesondere Schokoladenkeksen und wenn du sie wirklich brauchst, haelt sie ein Nickerchen.

Der einzige Moment, in dem sie sich wie eine Dame verhaelt ist, wenn sie sich unter den Tisch verkriecht, ihre Beine elegant ueber einanderschlaegt und meine Beine mit ihrem dicken Koerper waermt.

Ich hatte immer Angst vor Hunden, aber das hat sich gelegt. Nachdem sie aufgehoert hat, mit ihren 20kg an mir hoch zu springen, sind wir Freunde geworden.

Ein Leben in dieser Familie bedeutet fuer mich die Unterschiede der verschiedenen Klassen jeden Tag zu erleben. Oskar und Sandra, Intellektuelle, kinderlos, zweisprachig und Erika, mit einer sehr einfachen Schulbildung, kinderreich und nur des Spanischen maechtig.

Unsere Themen und Begegnungen koennten unterschiedlicher nicht sein, dennoch ist schoen zu sehen, wie respektvoll alle miteinander umgehen.

Das Einzge was mich wirklich stoert, ist, dass Erika nie mit uns am Tisch essen darf und auch keinen eigenen Tisch hat.  Immer wenn sie ihre Mahlzeit auf einem Stuhl zu sich nimmt, moechte ich etwas sagen, doch dann bin ich still.

Es ist nicht mein Land und nicht meine Kultur, doch wenn ich nichts sage, wer wird es dann tun? (…)

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