Ich verlasse  Panama City. Meine geliebte Stadt mit dem mittelamerikanisches Flair einer aufstrebenden Weltstadt. Mein kleines New York, meine Wahnsinnsaussicht aus Raum Nummer 10 – ich lasse mir Zeit an meinem letzten Morgen. 

Kurz vor dem Sprung nach Suedamerika
Ich packe meinen kompletten Rucksack ein und wieder aus und lade alle technischen Geraete.  Ich brate die letzten kostenlosen Pancakes in der Gemeinschaftskueche und bestreue sie mit ganz viel Zucker. Eine Woche habe ich hier verbracht, jetzt muss ich gehen und checke viel zu spaet aus.

Ab jetzt geht eine andere Reise los. Ich bin wieder ganz allein, ich stehe kurz vor dem Sprung nach Suedamerika und muss erst mal zum Busbahnhof. Unzaehlige Schalter, alles auf spanisch, ich gehe mit zielstrebigem Schritt und meinem spanischen Woerterbuch bewaffnet auf den Ticketschalter zu. Ein englischsprachiger Panamanese greift ein und erklaert mir, ich soll in Colon umsteigen.

Colon? Wirklich jeder hat mir gesagt, dass Colon die gefaehrlichste Stadt Panamas ist und ich auf jeden Fall vorher aussteigen soll. Mir wird gesagt, es ist sicher und einfach, ich vertraue dem Einheimischen.

Unzaehlige Busse stehen in einer Reihe, alte Schulbusse aus den USA, in bunten Farben. Bus Nummer 34 steht auf der andere Seite, um die zu erreichen soll ich 25 Cent in eine Metallschranke werfen. Ich wechsel 20 Dollar, weil ich natuerlich nicht, wie in jedem Reisefueherer als Erstes aufgefuehrt, Kleingeld in der Tasche habe. Die Schlange vor dem Bus ist lang, hier sind nur farbige Menschen, ich sehe keinen Reisenden.

Einschussloch, Fuchsschwanz und eine erotische Telenovela

Ich besteige den prall gefuellten Bus, ich bin hier wirklich allein und fahre in die falsche Stadt. In der Frontscheibe ist ein Einschussloch, in der Mitte haengt ein „Fuchsschanz“, der definitiv nicht von einem Fuchs, sondern von einem braun-weissen Monster stammt.Widerlich, wer haengt sich denn sowas freiwillig in den Bus? In dem kleinen Fernseher laeuft eine leicht  erotische Telenovela – es ist 14:00 Uhr.Ein dichtes Gedraenge, die Mentalitaet ist mir fremd, alle starren mich an und  fragen sich, was ich in diesem Bus will. Ich habe einen Klos im Hals , versuche gegen die Traenen anzukaempfen, aber sie laufen mir unaufhoerlich uber die Wangen.
Ich gehoere nicht in diesen Bus, aber ich muss ein Segelboot finden und den Hafen erreichen!Der Bus faehrt los, ich hoffe wirklich, dass ich mir mit diesem Segeltrip nicht zu viel vornehme. Ich fuehle mich verloren, bin in melancholischer Abschiedslaune und habe irgendwie Angst.

Das Kamera Drama

Ich wuerde trotzdem gerne Fotos machen, denke an meine Kamera und meinen Akku – der in der Steckdose im letzten Hostel steckt. FUCK! FUCK! FUCK!!
Alles, aber nicht mein Ladegeraet und mein Akku. Wo bekomme ich einen neuen her, wie soll ich denn jetzt Fotos machen, um mich an Orte zu erinnern? Ich kann jetzt nicht zurueck, ich muss heute Nacht ein Segelschiff bekommen. Jetzt fange ich wirklich an zu weinen.

Nach 2 Stunden ist nicht schwer zu erraten, dass ich in Colon sein muss. Das ist eine grosse, dreckige Hafenstadt. Ich versuche dem Fahrer irgendwas von Terminal klarzumachen, er laesst mich raus. Der Bus faehrt schon wieder an, ich kann gerade noch so meinen Rucksack rausziehen und stehe definitiv nicht am Terminal.Ich laufe eine dunkle Strasse entlang und die Menschen, die mir begegnen, moechte ich ungern nach dem Weg fragen. Ich moechte auch nicht stehenbleiben und gehe sehr zuegig zum Busbahnhof, der noch mal eine Nummer unuebersichtlicher ist als in der Hauptstadt. Die breiten Busse stehen ueberall, zwischen ihnen draengen sich sehr viele Matrosen-Lehrlinge in schneeweissen Anzuegen und Gangstatypen mit eng geflochtetenen Haaren.

Ich komme mit einigen spanischen Wortfetzen in die richtige Warteschlange und steige in Bus Nummer 2. Immer noch das gleiche, ich bin die einzige Weisse und dazu noch eine alleinreisende Frau. Das ist anders als in Europa, ich muss mich ablenken.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch gelesen. Ich glaube daran, dass Buecher mich finden und noch hat mich keins gefunden. |Das letzte was ich mir in Deutschland in meinen Rucksack stopfte war ein schmales Taschenbuch, dass ich schon dreimal gelesen habe. Jedes Mal habe ich Rotz und Wasser geheult, es ist ein Tagebuch einer Grossmutter an ihre Enkelin und es erinnert mich immer an meine Oma.

Geh wohin Dein Herz Dich traegt.

Ich weiss nicht, warum ich das Buch gerade heute im Handgepaeck habe, ich weiss nicht wohin mich mein Herz eigentlich traegt und fange an zu lesen. Ich fange wieder an zu weinen und der ganze Bus starrt mich an. Es ist kein lautes Weinen, die Traenen rollen mir voellig lautlos ubers Gesicht. Ich bin tieftraurig und vermisse meine Oma heute so sehr. Wir haben eine besondere Beziehung zueinander und es ist schwer fuer mich, dass wir nicht miteinander kommunizieren koennen. Die Telefonate sind schlecht verstaendlich und wir koennen uns keine Briefe mehr schreiben. Ich weiss, dass sie jeden Tag an mich denkt und ich gehe in jede Kirche, die ich sehe, weil ich weiss, dass sie es auch tun wuerde. Heute habe ich das erste Mal das Beduerfnis, eine Umarmung von ihr zu bekommen und dass sie mir sagt, dass alles wieder gut wird.

Meine Augen sind rotgeschwollen und waessrig, ich muss das Buch zuklappen, schaue aus dem Fenster und habe gar nicht mitbekommen, dass sich die Landschaft voellig veraendert hat.
Wir fahren direkt am Meer entlang, alles ist gruen, auch der Bus ist nicht mehr so voll.

Der Duft von frischem Brot in der Abendsonne
Ich atme tief durch, es hat gut getan, mal richtig zu weinen und alles raus zu lassen – auch wenn es nicht der ideale Ort war. Ich steige in dem bezaubernden Doerfchen Portobelo aus, direkt an einer italienischen Panaderia. Auf den roten, weissen und gruenen Plastikstuehlen sitzen drei Amerikaner, mit denen ich schon im Zimmer in Panama City geschlafen haben. Sie warten immer noch auf ihr Boot, wir sind gluecklich uns zu sehen und bestellen ein Sandwich. Alles ist so friedlich in diesem Strassenimbiss, die Abendsonne scheint mir ins Gesicht und es riecht nach frischem Brot. Hinter dem Tresen grillt Dscharia mit aller Sorgfalt mein Brot und betraeufelt es mit Knoblauchoel – sie strahlt uebers ganze Gesicht. Sie ist jung, vielleicht 22 Jahre, kommt aus Panama und spricht sehr gut englisch, wir moegen uns ab dem ersten Moment. Ich bin total ausgehungert und gluecklich, dass ich jetzt hier bin. Das Sandwich und der Kaffee sind das beste, was ich seit langem gegessen habe.

Ich habe eine voellig falsche Vorstellung von einem Captain

Ich checke im Hostel Captain Jack ein, will mit den Jungs aufs Boot, das morgen nacht ablegen soll. Alles im Timing. Ich treffe Steve aus England an der Rezeption, checke ein und sage ihm, dass ich gleich zum Hafen will. Er serviert mir einen Rum-Cola fuer 1,20 $ und sagt, ich muesse gar nichts machen, der Captain kommt abends in die Bar.

Das es so einfach ist, haette ich auch nicht gedacht. In der Bar tummeln sich kaum kaum Backpacker, aber einige Moechtegern-Capitaene. Alte, verbrauchte Typen, die extrem betrunken sind und sich unheimlich witzig finden. Sie sind weder witzig, noch unterhaltsam, traurige Gestalten und ich hoffe mein Captain ist ein anderes Kaliber.

Es ist Mitternacht, der Captain ist nicht gekommen, Steve verspricht anzurufen und ich verspreche frueh aufzustehen. Ist ja noch ein Tag Zeit.

Ich gehe schlafen, meine Texte werden ab heute laenger, denn ich muss jetzt auch noch die Bilder beschreiben. Steve wird mich um eine Segelfahrt betruegen, weil er will, dass ich laenger bleibe und seine traurigen Hostelalltag aufwerte. Aber heute denke ich mir noch, es laeuft alles nach Plan. Nach Plan laeuft morgen gar nichts mehr.

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