Bei einer 1jaehrigen Reise koennen andere leicht denken, dass ich alle Zeit der Welt habe. Kein Traveler hat alle Zeit der Welt, denn es gibt so viele Plaetze zu sehen und es faellt schwer zu bleiben. Ich beschliesse laenger in Panama City zu bleiben, ich will mich zu Hause fuehlen, die Strassen entlang laufen, ohne mich zu verlaufen.

Um die Einwohner und ihre Mentalitaet kennenzulernen, muss ich an die Plaetze gehen, an denen sich Einheimisch aufhalten. Das heraus zu finden, funktioniert an jedem Ort dieser Welt auf die gleiche Weise. Reden, reden, reden  – mit Menschen, die sich hier auskennnen oder sich schon laenger hier aufhalten.

Ich spreche mit meinem Mitbewohner, einem Kanadier, der seit vier Wochen hier ist, weil er eine panamesische Zahnaerztin ueber das Internet kennengelernt hat. Ich erfahre, dass das beste und guenstigste Lokal der Altstadt  das Coca-Cola Cafe ist, ich ziehe los.

Eine jahrelange Institution, an dem sich die Einwohner der Stadt von den fruehen Morgenstunden bis mitten in der Nacht treffen.

Ich werde zum Stammgast.
Die Bedienungen kennen mich bereits und empfangen mich mit einem breiten Laecheln, aber wir koennen nicht miteinander kommunizieren. Ich bestelle jeden Morgen das gleiche, es kostet immer 3 Dollar, sieht aber immer anders aus. Mal sind die Zwiebeln mit Ei gebraten, mal kommen sie getrennt und manchmal bekomme ich anstatt der Zwiebeln Speck. (ich hasse Speck) Der Kaffee ist immer mit Milch, mal kleiner, mal groesser und manchmal mit einem spitzen Milchschaum und einer Prise Zimt. Nur das Brot ist immer gleich, ein gegrilltes flaches Weizenbrot mit salziger Butter bestrichen.

Mein Fruehstueck dauert mindestens 2 Stunden, mit meinem spanischen Woerterbuch ausgestattet uebersetzte ich die gesamte Speisekarte. Ich schreibe alle spanischen Saetze, die ich der Bedienung sagen moechte in mein Buch, nur auf Rueckfragen bin ich nicht vorbereitet.

Fuehstueck bestellen ist einfach, die meisten Mittags-und Abendbestellungen verlaufen durch die fehlenden Sprachkenntnisse anders als erwartet. So bekomme ich anstatt einem gebratenen Fisch mit Reis und Salat, drei Hauptgerichte, die am Ende ziemlich teuer sind.
Niemand kommt auf die Idee, nachzufragen, ob ich wirklich drei Gerichte bestellen will. So lerne ich spanisch. Alle um mich herrum sprechen spanisch, ich versuche das Tempo und die Betonungen aufzunehmen. Alleine essen empfand ich immer als unangenehm, alleine in ein Lokal zugehen, als noch viel unangenehmer, hier versuche ich Ausreden zu finden, wenn mich jemand begleiten will.

Ich moechte mir Zeit nehmen, die Menschen und ihre Eigenarten zu beobachten.
Ein junger Panamanese an der Kasse wird von einer bildschoenen Bedienung angeflirtet, drei Polizisten kommen immer um punkt 11:00 Uhr und werden immer als Erstes bedient, sie bestellen einen schwarzen Kaffee und ein Kaesesandwich, um 12:00 bestellen alle das Mittagsgericht, ein Suppe, ein Hauptgericht und einen Saft fuer 3 Dollar, am Nachmittag trinken die Frauen der Stadt einen Kaffee mit Milch und tauschen den neuesten Klatsch aus, am Abend fuellt sich das Cafe mit vielen Rucksackeisenden, denn die Preise sind unschlagbar guenstig. Einige wenige verbringen den ganzen Tag hier, lesen Zeitung und nippeln ueber Stunden an einem Bier. Gegen Mitternacht passiert das gleiche, wie in jeder Stadt. Betrunkende Einzelgaenger koennen oder wollen nicht nach Hause gehen und nehmen diesen Ort, wie ein zweites Wohnzimmer, ein.

An meinem letzten Tag verabschiede ich mich von allen Mitarbeitern und der einzige, englischsprechende junge Panamanese an der Kasse fragt mich das, was ihm wohl schon laenger auf der Zunge liegt. Warum ich denn dieses Cafe so gerne mag und ob mich die Menschen, die mich am Tresen ununterbrochen in spanisch zuquatschen nicht stoeren, denn ich koennte ja auch in ein schickes Restaurant gehen.

Ich erklaere ihm, dass ich die Menschen hier viel lieber mag, als in superfeinen Restaurants, dass das Essen einfach, aber ehrlich ist, dass ich die spanische Sprache gerne hoere, auch wenn ich kaum etwas verstehe. Er strahlt mich gluecklich an und sagt, dass er froh ist, dass ich hier bin, denn so kann ich ihm etwas aus Deutschland erzaehlen und er kann endlich mit jemanden englisch reden. Wir umarmen uns zum Abschied und er drueckt mir ein letztes Kaesesandwich in die Hand.

Ich laufe weiter durch die belebtes Einkaufstrasse der Altstadt, seit Wochen versuche ich die einfachsten Dinge zu kaufen und bekomme sie nicht. Hier gibt es alles, unfassbar guenstig und ich kaufe notwendiges und schoenes.
Unterhosen, Haarspuelung, Ballerinas, Haarbaender, Ringeltops, Kleider und unzaehlige Nagellacke in Neonfarben, liegt wohl daran, dass ich endlich eine gesunde Hautfarbe habe und sich eben jeder Tag, wie Sommer anfuehlt.
 
Ich laufe zurueck zum Hostel, alte, amerikanische Schulbusse bremsen, damit ich die Strasse ueberqueren kann und der Strassenhaendler presst mir einen Orangensaft zum Mitnehmen in die Hand.


Im Hostel wartet das schoenste Mehrbettzimmer – Nummer 10 – mit zwei riesigen Fenstern und einem Meerblick auf die Skyline der Hauptstadt. Der Kanadier und ein italienischer Pizzabaecker, der franzoesische Ringelshirts traegt, gehoeren zu meinen permanenten Mitwohnern. Wir sitzen auf den breiten Holzdiehlen vor den Fenstern, die uns das Gefuehl einer eigenen Terasse geben und schauen uns die Stunde vor Sonnenuntergang an. Der Himmel faerbt sich tuerkis und pink und huellt die Stadt in eine malerische Abendstimmung.

Ich lackiere mir dabei in aller Seelenruhe zuerst meine Finger und dann meine Fussnaegel – passend in pink. Dann machen wir das, was wir jeden Abend machen werden, die Happy Hour des Hostels ist unschlagbar und clever zu gleich. Fuer eine Stunde gibt es ein Bier fuer 0,50 Cent und Mixgetraenke fuer 1 Dollar und wir muessen nur zwei Treppen runter gehen.
Die ganze Stadt trifft sich dann bei uns im Hostel und wir schaffen es mal wieder nicht die Bar nach der Happy Hour zu verlassen. Danach wird es etwas teurer, aber warum sollte man auch gehen, wenn alles an einem Ort zu finden ist.

Nach einigen Stunden, in denen ich viele Reisende von anderen Orten wiedersehe, die immer gleichen Songs aus schlechten Lautsprechern hoere, laufe ich die zwei Treppen wieder gluecklich hoch. Nachts um 3 fluestert mir ein Amerikaner vom Bett gegenueber zu, ob ich noch ausgehen will, ich ueberlege kurz, verneine aber. Wir schlafen bei offenem Fenster, es gibt keine Vorhaenge und das sanfte Licht des Sonnenaufgangs wird uns, wie jeden Morgen, mit goldenen Strahlen auf unseren Gesichtern wecken.
Es gibt schlechtere Orte fuer 13 Dollar pro Nacht.

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