Immer wieder weiter zu reisen, um am Ende nur bei sich selbst anzukommen.

Ich verlasse Bocas del Toro heute alleine.
Meinen Rucksack habe ich komplett aus und wieder eingepackt – Zum Tragen zu viel, fuer mein gesamtes Hab-und Gut recht wenig.

Was braucht ein Mensch eigentlich alles zum Gluecklich-Sein?
Ich gerade nicht mehr als 20kg.

Ich atme tief durch, geniesse ein letztes Mal diese sagenhafte Aussicht und relaxe noch einmal mit den deutschen Aerzten.

Diese Abschiedsmomente versuche ich moeglichst bewusst wahrzunehmen.
Alle Erlebnisse und Gefuehle dieses Ortes gehen mir noch einmal durch den Kopf. Das ist Traveln, sich immer wieder von Plaetzen und Menschen verabschieden, immer wieder weiter zu reisen, um am Ende nur bei sich selbst anzukommen.

Doch erst einmal moechte ich ein letztes Mal in einem Restaurant ankommen und versuche mich und meinen Rucksack ueber den wackligen Bootssteg zu balancieren.

Einmal Reis und Chicken und zur Feier des Abschiedstages noch einen frisch gepressten Ananassaft. Das Essen ist gut, der Saft ist mit Wasser gestreckt. Ich zahle und besteige das Wassertaxi, um Bocas – Stadt nach 10min zu erreichen.
Es ist extrem heiss, mein Rucksack ist schwer und ich werde von Ticketstation zu Ticketstation geschickt. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Tag ausgehen wird.

Ich will mit dem Nachtbus nach Panama City fahren, der naechste Bus ist erst wieder in 2 Tagen zu bekommen. Es gibt einen laengeren, aber guenstigeren Weg. Ich habe keine Wahl, ich will keine zwei Naechte mehr warten. Ich besteige das Wassertaxi nach Almirante. Schwimmweste anlegen, Tasche festhalten und der einzige Backpacker sein.Wir erreichen das Ufer, ich steige ins Taxi um, 3 min Fahrtzeit und der Busbahnhof ist eher eine Bushaltestelle inkl. Schnellimbiss.

Wenn man Freiheit in einer Dose kaufen koennte, wuerde ich diese Stimmung darin verschliessen.

Ich sehe den ersten Backpacker, Kyle, der einen Hangover zu haben scheint und ein aelteres Damenduo aus Kanada. Ein Minibus faehrt vor, der ist bis zum Anschlag gefuellt, die letzten Passagiere sitzen auf der Aussentreppe. Wir sollen da rein und werden reingedrueckt wie Oelsadinen. Ich klammere mich um die Haltung und habe in jeder Kurve das Gefuehl mein Arm reist ab. In einer Hand muss auch noch eine fast volle Cola Dose transportieren.
Es ist extrem kurvig, die Fahrt soll 4 Stunden dauern, aber wegen diesen Momenten reise ich. Auf der einen Seite wuensche ich mir einen Platz, aber das hier fuehlt sich viel abenteuerlicher an, ich geniesse die grandiose Aussicht auf das Meer.
Wenn man Freiheit in einer Dose kaufen koennte, wuerde ich diese Stimmung darin verschliessen.

Die Menschen quetschen sich auf ihren Sitzen zusammen und wirken dabei sehr entspannt, ueberall stillen Muetter ihre Babys. Ich sehe entweder nackte Brueste oder geflochtene Rastas, aus den Lautsprechern droehnt mittelamerikanische Pop- Musik.


Ich beobachte die kanadischen alten Damen, sie halten sich tapfer und textmarkern fleissig Infos ueber das naechste Ziel.
Ich habe keinen Panama Reisefuehrer, frage ob ich mir ihren leihen kann und versuche keine Cola- Flecken auf den Seiten zu hinterlassen.

Die Toilettenfrau strahlt mich bis ueber beide Ohren an, ich strahle zurueck, sie drueckt mir Toilettenpapier in die Hand

Endstation David, die zweitgroesste Stadt Panamas, ein wunderschoener Busbahnhof.
Es ist ein reges Treiben, aber keine bedrohliche Menschenmasse.
Alle sind sehr freundlich, selbst die Toilettenfrau strahlt mich bis ueber beide Ohren an, ich strahle zurueck und sie drueckt mir Toilettenpapier in die Hand. Es sind die kleinen Dinge des Lebens.
Es gibt einen grossen, schummerigen Imbiss, in dem fast nur Einheimische unter noch groesseren Deckenventilatoren sitzen. Ich mag diese Orte so gerne, Menschen kommen zusammen, essen, reden und spielen Karten. So alltaeglich – aber eben nicht mein Alltag.

Es ist bereits dunkel, ich ueberlege kurz was ich jetzt mache und habe drei Moeglichkeiten.
Ich kann in dieser Stadt bleiben, Staedte mag ich und bei dieser Stadt habe ich ein wirklich gutes Gefuehl. Ich koennte den letzten Bus nach Boquete nehmen, nur eine Stunde entfernt und eigentlich wollte ich da immer schon hin. Oder ich folge meinem Ursprungsplan und nehme den Nachtbus nach Panama City.

Ich bin jetzt seit 6 Stunden unterwegs, ich will in keinem Nachtbus mehr sitzen, ich will in die Berge, wenigstens fuer eine Nacht und besteige Bus Nummer 2.
Ich bin wirklich gluecklich, ich kann ganz allein entscheiden, wann ich wo hinfahren moechte. Ich bin so dankbar fuer die Zeit des Reisens.

In diesem Bus ist kein Reisender mehr, es ist stockdunkel, ich sehe nichts mehr.
Ich fuehle mich die gesamte Fahrt sicher und steige nach einer Stunde aus – an einem menschenleeren Platz. Hier ist nichts, nur ein paar Haeuser, das soll ein wunderschoenes Bergdorf sein?

Ok, ich sehe ja auch nicht viel, es ist 21:00 Uhr und ein paar wenige Strassenlaternen saeumen die kleinen Strassen. Das erste Hostel ist voll, wundernde Reisende fragen mich, ob ich denn keine Reservierung haette. Nein, habe ich nicht, bis vor einer Stunde wusste ich nicht einmal, dass ich hier sein werde.

Ich laufe die Strassen entlang, hier ist nichts mehr, keine Hostels.
Ich frage mich, ob ich einen Schlafplatz finde, es ist hier recht frisch und mein Sommerkleid ist nicht sehr waermend. Ich treffe zwei Spanierinnen, sie sind unheimlich herzig und nehmen mich mit ihr Hostel.

 Ein winzig kleines Stueck von Panama und ein noch kleineres Stueck von der Welt.

Ein durchgeknaller Guesthousebetreiber weist mir ein Bett zu und wir kaufen Kaese im Supermarkt. Das erste Mal Kaese nach 2 Monaten, kein besonders guter, aber ein Kaese.
Ich treffe Daniele wieder, der heute Nacht den Vulkan besteigen will, aber erstmal aus unserem Hostel geschmissen wird, weil er kein Zimmer hier hat.

Strenge Sitten, aber ich wohne ja hier und kann bleiben. Ich verbringe einen wunderschoenen Abend mit den Spanierinnen. Wir haben sehr gute Gespraeche ueber die Lust zu Reisen, das Leben und die fernen Laender. Manchmal gibt es diese magischen Momente waehrend ich reise, Momente in denen ich auf Menschen treffe, mit denen ich eine Verbundenheit fuehle, wenn auch nur fuer kurze Zeit. Sehr coole Maedels, am naechsten Morgen muessen wir weiter, wir werden uns nicht mehr sehen.

Ich lege mich in mein Bett, das erstmalig eine richtige Matraze und eine warme Decke hat.
Ich habe fast vergessen, wie sich eine kuehle Nacht anfuehlt, sehr angenehm, nach all den durchgeschwitzen Wochen. Einen ganzen Tag habe ich gebraucht, zwei Wassertaxis, ein Taxi, zwei Busse, um am Ende des Tages nur ein winzig kleines Stueck von Panama und ein noch kleineres Stueck von der Welt zu durchqueren. Doch dann schlafe ich auch schon ein, neben vier anderen Doppelstockbetten und sieben anderen Reisenden.

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