5 Tage eine ultimative Grenzerfahrung – die paradiesische und die grauenvolle Grenze. Auf eine Segelfahrt nach Kolumbien bereitet dich niemand vor, aber danach kannst du sagen du hast es ueberlebt und Plaetze gesehen, von denen du nicht einmal getraeumt hast.

2.Segeltag – 22.Maerz 2011 – „Das ist wie THE BEACH – nur 1000 Mal schoener“

Nach einer ruhigen Nacht im Segelboot stehe ich mit der Sonne auf und springe ins kristallklare Wasser. Salz auf meiner Haut, blaue und gelbe Fischschwaerme unter mir und die warme Morgensonne in meinem Gesicht.

Der Captain roestet Weissbrot und serviert Honig und Kaffee. Ich reibe meine Augen, es ist kaum moeglich die ganze Schoenheit dieser Inselwelt zu erfassen. Das glaubt einem doch niemand, es sieht aus wie in einer Filmkulisse, selbst die Farben leuchten staerker als zu Hause. Ich mache Yoga auf dem Boot und nehme mir fest vor, nie zu vergessen, wie schoen die San Blas Inseln sind.

Wir segeln weiter zu einer groesseren Insel – gross bedeutet in diesem Fall mehr als 20 Palmen und bewohnt von drei Familien. 2 Stunden auf hoher See und nichts hat sich veraendert. 90 Grad und das permante, ohrenbetaeubende Geraeusch, wenn die Segelspitze steil ins Wasser schlaegt.

Wir erreichen die naechste Insel kurz vor Sonnenuntergang und sehen an Land bereits einige andere Rucksackreisende, Zelte und ein Lagerfeuer. Um an Land zu kommen, gibt es nur einen Weg – schwimmen.

Mitten im Nirgendwo, ich erreiche nur im Bikini das Land, betrete puderzuckerartigen Sand und mir wird sofort frischer, roher Fisch mit Zitronendressing und ein kaltes Glas Rum – Cola in die Hand gedrueckt. Hummer, Lobster und Redsnaper – ich bin im Paradies.

Wenn eine Handvoll Menschen an einem Ort zusammenkommen, an dem es nichts gibt, ausser Inseln, Straende und das Meer herrscht eine ganz besondere Stimmung. In Panama hat mir ein Australier die San Blas Inseln mit den Worten: „Das ist wie THE BEACH nur 1000 Mal schoener“ beschrieben. Er hatte Recht, 1000 Mal schoener, dieser Ort ist bisher der einzige Ort auf meiner Reise, an dem sich alle Rucksackreisenden einig sind: Nicht in Worte zu fassen! Wir verbingen den Abend am Lagerfeuer, grillen Kartoffeln und Fisch unter einem Sternenhimmel, den ich noch nie so funkeln gesehen habe.

3. Segeltag – 23.Maerz.2011
Ich wuenschte ich koennte einige Gerueche dieser Reise in Einwegglaesern verschliessen.

Ich wache mit franzoesischer Musik und dem Geruch von Ruehrei, Brot und Kaffee auf. Wir schorcheln, schwimmen und treffen die einheimischen Kuna- Familien. Wir kaufen den traditionellen Schmuck, bunte Perlenketten, den alle Frauen ueber ihre Unterschenkel binden.


Der von Touristen mitgebrachte Schnaps sorgt bei den gesamten Kunamitgliedern fuer grosse Freude, eine tragische Entwicklung bei taeglich neuen Segelankoemmlingen.

Der Captain bittet mich die Angelleine hochzuziehen, weil sich staendig Seegras darin verhaengt. Ein Fisch haben wir noch nie gefangen und so ziehe ich wenig enthusiastisch die immer schwerer werdende Leine an Board. Das Seegras entpuppt sich als frischer Thunfisch – la Bonita – und unser Mittagessen wird heute etwas ueppiger ausfallen.

In Sekunden ist der Fisch gekoepft und ausgenommen. Ich liege auf dem Boot, schliesse die Augen und wuenschte ich koennte einige Gerueche dieser Reise in Einwegglaesern verschliessen, um sie zu Hause bei Fernweh zu oeffnen. Ich atme tief ein, Seeluft, gebratener Thunfisch und Knoblauch vermischen sich.

Nach einer letzten Schnorchel-Runde brechen wir auf, ab jetzt beginnt die haerteste Phase der Reise – zwei Naechte segeln ohne Unterbechung.

4. Segeltag – 24.Maerz 2011
Messer, Gabel und Teller fliegen durch die Luft. Endzeit-Stimmung.

Das ist der absolute Horror, auf den einen niemand vorbereitet, vorbei die Hippietage auf einsamen Inseln zurueck in den harten Segelalltag. Wir werden fuer die Nacht in Wachschichten eingeteilt, zwei Personen muessen jeweils zwei Stunden auf das Segel, den Autopiloten und moegliche sich naehernde Boote achten. Ich teile mir mit Ryan die 03:00 Uhr bis 05:00 Uhr Schicht. Wir schauen zwei Stunden aufs dunkle Meer und haben grosse Muehe uns wachzuhalten.
Nichts ist mehr wichtig, nur das Steuerrad muss sich bewegen und der Wind im Segel muss richtig klingen. Nach einer Stunde bewegt sich weder das Steuerrad und das Segel hat unueberhoerbar keinen Wind mehr. Jetzt muss es schnell gehen, wir balancieren bei einer noch nie dagewesenden Schraeglage unter Board und wecken den Captain. Der ist erst mal genervt, dass wir seinen Schlaf unterbrechen und klettert dann hektisch den Segelmast empor , um uns unverstaendliche Kommandos entgegenzu bruellen . Leine halten, Leine ziehen, Leine loslassen – ich habe wirklich keine Ahnung, versuche mein Bestes und mache das Falsche. Er ist sauer, ich auch, aber die Lage ist zu ernst, um nachtragend zu sein. In der Kueche fallen das 1. Mal alle Gegenstaende aus den Schubladen. Messer, Gabel und Teller fliegen durch die Luft. Endzeit-Stimmung.

Es ist stockdunkel, ich kann die Captain nicht mehr sehen und habe das 1. Mal wirklich Angst. Das ist eine echte Angst, Angst dass das Boot kippt, Angst vor dem Meer, Angst vor der Nacht.

Irgendwann erloest uns die aufgehende Sonne aus der Dunkelheit, doch auch der Tag wird zu keiner geringeren Herausforderung. Wenn du kein Land, keine Menschen und nur Wasser siehst, stellt sich irgendwann ein Trance- Zustand ein. Ich sehe Land und Boote, obwohl beide nicht da sind und hoere Stimmen, doch es ist nur der Wind.Wir reden nicht mehr viel, schauen apathisch auf die Wellen und hoffen, dass es bald vorbei ist.  Interessante und philosophische Gedanken rattern durch meinen Kopf, ich glaube nicht daran, dass wir Kolumbien jemals erreichen.

Wir krallen uns 24 Stunden am Boot fest, der Magen zieht sich zusammen und fuehlt sich an, als wuerde er auseinander reissen.

5.Tag – 25.03.2011
6 Menschen teilen sich einen Teller und koennten dabei nicht gluecklicher sein

Ich weiss nicht genau wann die letzte Nacht endete und der Morgen begann.
Wieder Probleme mit dem Autopilot, ich habe immer wieder nach draussen in die Dunkelheit gesehen, ob der Captain noch am Steuerrad steht. Da steht er auch jetzt noch, es ist 06:30 Uhr. Es ist gespenstisch ruhig, wir fahren ohne Windkraft,  das leise Summen des Motors hat das unertraegliche Brechen der Wellen abgeloest.

Die Sonne ist gerade aufgegangen, wir koennen draussen sitzen ohne uns festzukrallen, der Captain macht Fruehstueck.Es ist immer wieder unglaublich, was David in dieser kleinen Kueche zaubern kann. Er karamelisiert Bananen und Passionsfruechte mit Zucker, ein suesslicher Duft erfuellt das Boot.  Seeluft macht hungrig, wir teilen uns von einem Teller das Fruehstuecksdesert und das 1. Mal steht der Teller gerade.

6 Menschen teilen sich einen Teller und koennten dabei nicht gluecklicher sein, 6 Menschen die sich extrem dreckig fuehlen. So ein dreckiges Gefuehl kannten wir bisher noch nicht. Es gibt keinen richtigen Spiegel, wir koennen nur beim Anblick der Anderen ahnen, wie wir aussehen.

Um unseren Koerper hat sich eine dicke, oelige Schicht gebildet. Eine Mischung aus Sonnencreme, Schweiss, Meersalz. Die Haare fassen sich widerlich an, sie sind fettig und kleben nur noch zu einem Batzen zusammen. Das sind defintiv keine Haare mehr. Wir haben alle den gleichen straehnigen Look.

Der Captain roestet Weissbrot in der Pfanne und serviert Erdbeermarmelade und Honig. Wir sind ausgehungert. Die letzten zwei Naechte haben an unseren Kraeften und Nerven gezogen, dennoch sind wir uebergluecklich. Das 1.Mal nach 48 Stunden sehen wir Land und werden sentimental. Jetzt ist es wirklich gleich vorbei, unser Alltag war auf das Wesentlichste reduziert und wir stehen kurz vor der Einreise nach Kolumbien. Die Skyline von Cartagena wird am Horizont sichbar, wir fuehlen uns wie Menschen aus einer anderen Welt, die noch nicht bereit sind, wieder in die Zivilisation eingegliedert zu werden. Wir legen den Anker an und oeffnen eine Flasche Champagner, den wir mit kaltem Orangensaft mixen. Es ist 12:30 Uhr und keiner moechte dieses Boot verlassen, aber wir muessen.
David faehrt jeden einzeln mit seinem Gepaeck in einem blauen, kleinen Plastikboot, das stark an ein Playmobil – Accessoire erinnert, an Land. Da stehen wir in der prallen Mittagssonne auf kolumbianischen Festland.

Laerm, Autos, Menschen, die alle frischgeduscht riechen. Wir fuehlen uns wie im falschen Film, das geht jetzt alles zu schnell, wir haben Land unter den Fuessen.  Ich warte auf einen Zollbeamten, es kommt aber keiner, das ist also die Einreise nacht Kolumbien.

Das ist das Land, bei dem die meisten Menschen die Assoziationen: Gefaehrlichstes Land der Welt, Kokain und Kidnapping haben. Ja, ich habe mir die Einreise spektakulaerer vorgestellt, doch unser Pass wird uns unkomlizierter Weise spaeter mit Stempel ins Hostel gebracht.

Ich sitze im Taxi und versuche zu begreifen, was die letzten 5 Tage geschehen ist. Das Segeln und die Angst in der Nacht waren mehr als eine Grenzerfahrung, die San Blas Inseln waren einer der schoensten Orte, die ich jemals gesehen habe. Intensiv  ist das richtige Wort fuer die letzten 5 Tage und wenn du nicht dabei gewesen bist, kannst du es kaum verstehen.
Fuer nichts in der Welt moechte ich diese Erfahrung eintauschen, doch ich sehne mich nach einer Dusche und Schlaf. Danke fuer die wunderbare Zeit – Mittelamerika und Willkommen- Suedamerika  – ich habe das Gefuehl, dass meine Reise jetzt erst richtig beginnt.

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