21.Maerz 2011

Wie klein ist das denn?! – und Alison kotzt als Erste im Strahl

Ich habe kaum geschlafen, heute ist es soweit, der Segeltrip von Panama nach Kolumbien beginnt. Gesegelt bin ich noch nie, aber ich haette gern einen maritimen Ringelpulli fuer das perfekte Fotomotiv, ich ahne noch nicht, dass ein Ringelpulli so ziemlich das letzte ist, was ich mir wuenschen werde.

Ich stehe um 7:00 Uhr auf und habe die kaelteste Dusche meiner bisherigen Reise. Wir werden sechs Rucksackreisende auf dem Boot sein, wir kennen uns bereits aus dem Mehrbettzimmer, doch richtig kennenlernen werden wir uns erst die naechsten 5 Tage. Es is ein angenehm kuehler Morgen, wir braten unter freiem Himmel ueber 18 Eier mit Zwiebeln, Knoblauch und Chili und stossen auf zwei Geburstage an. Eine Mischung aus Vorfreude und Nicht-wissen-was-uns-da-eigentlich- erwartet liegt, mit frischem Kaffeeduft gemischt, in der Luft.

Wir checken aus und laufen zum Ufer, ein kleines Motorboot bringt uns zum Segelschiff „Tango“. Nach wenigen Minuten sind wir da und keiner traut sich auszusprechen, was wir alle denken. Wie klein ist das denn? Ich habe mindestens vermutet, dass wir alle an Deck liegen koennen. Hier kann keiner liegen, nur sitzen. Vor der Reise sollten wir alle Tabletten gegen Seekrankheit nehmen, ich schlucke meine runter, sie ist extrem bitter.


Die erste Stunde lese ich noch in meinem Buch und halte mein Gesicht in die Sonne und finde das Segeln sehr entspannend. Die See wird rauher, die Wellen groesser, Alison steht am Gelaende und kotzt im Strahl. Ich frage, ob ich ihre Haare halten soll, entscheide mich aber dann, ihre Beine zu halten, denn sonst geht sie ueber Bord. Ihr geht es wirklich schlecht, sie ist die erste Seekranke. Ich frage ob ich noch eine Tablette nehmen sollen, alle nicken, ich schlucke die zweite Tablette.

Die Wellen werden immer groesser, unser Boot steht 90 Grad und ich bekomme Panik. Es ist wie ein Fahrgeschaeft, bei dem du senkrecht stehst und denkst du kippst gleich. Ich denke zuerst, der Captain will uns testen, aber diese Schraeglage hoert einfach nicht auf, das ist echt. Wer kennt die Regeln von Wasser und einem kleinem Segelboot. Ich nicht. Die Wellen sind auf jeden Fall staerker als unser Schiffchen.

Was dachte ich mir eigentlich, als ich in meine kleine 5 Tage Segel-Tasche, Nagellack, eine Pinzette und Naehzeug packte? Hier kann man ueberhaupt gar nichts machen, es sei denn ich will mir ein Auge ausstechen oder eine Nadel in die Hand meines Gegenuebers rammen. Wir krallen uns alle irgendwo fest, das Boot steht senkrecht, die Wellen werden immer groesser.

Ich kotze auf keinen Fall vor 6 Menschen und treffe vielleicht den schwarzen Gummieeimer nicht.

Ich gehe auf die Toilette, ich kann dir Tuer kaum zu halten und mich noch viel weniger. Mir wird richtig schlecht, in meinem Magen geht alles drunter und drueber. Genau wie Himmel und Wellen, die ich abwechselnd in dem kleinen Fenster ueber mir sehe. Mein Koerper kaempft gegen die Schwerkraft.

Ich versuche mich unter Deck ganz flach hinzulegen, alles schaukelt, was machen wir eigentlich, wenn dem Captain was passiert? Der Captain sieht ziemlich entspannt aus, kocht Mittagessen und braet neben mir Jagdwurst an, diesen Geruch fand ich schon immer widerlich. Jetzt kommt mir wirklich alles hoch. Ich will nicht kotzen, ich kotze auf keinen Fall vor 6 Menschen und treffe vielleicht den schwarzen Gummieeimer nicht. Ich kann mich noch zurueckhalten.

Wir sind unter Deck, vor mir liegen Ann Sophie und Alison, wir sehen alle ziemlich mies aus. Keiner kann sprechen und sich bewegen. Wir krallen uns an irgendwelchen Gegenstaende fest um nicht von einer Bootseite auf die andere zu fallen. Solche Wellen kenne ich nicht, dieses Gefuehl von Schlecht-Sein noch viel weniger, wir denken wir sterben und haben noch 6 Stunden vor uns.

Der Captain serviert Nudeln mit Jagdwurst. Ich versuche zu esse und vor mir versucht Alison erneut in den Gummieimer zu kotzen. Ich frage mich, was sie da alles raus holt. Ich lasse das Essen stehen und muss mich wieder hinlegen, mir ist so schlecht, ich habe keinen Gleichgewichtssinn mehr.
Ich nicke immer wieder weg, ich bin so furchtbar schlaefrig, Alison kotzt ein drittes Mal. Ich lege ihr ein kaltes Handtuch auf die Stirn, kann mich aber selbst kaum bewegen.

Die Kulisse erinnert mich an einen eigenproduzierten RTL Montags – Spielfilm, indem Menschen auf hoher See verloren gehen. Im Studio wird ein Boot hin-und hergeschaukelt und alle muessen moeglichst schlecht aussehen. Nur gibt es hier keinen Regisseur, kein Studio, aber dafuer eine echte Insel.

Nach 8 Stunden erreichen wir San Blas und auch unser Captain ist froh, dass wir sicher den ersten Anlegeplatz erreichen. Kristallklares Wasser, ein perfekter Sonnenuntergang und die gesamte Crew hat keine Muse dafuer.Wir sind nur froh, dass sich das Boot nicht mehr bewegt, wir koennen wieder normal atmen, wir koennen wieder reden, es steht nicht mehr alles auf dem Kopf.


Ich bin so muede und David erklaert mir, dass die Tabletten gegen Seekrankheit ein Schlafmittel enthalten. Das erklaert einiges. Ich kann mich kaum wachhalten, obwohl es zwei Geburtstage zu feiern gibt, inklusive Sahnetorte und Champagner.


Es braucht nicht viel Chamapgner nach einem Segeltag, Tabletten und wenig Essen. Ich gehe schlafen und hoffe, dass sich die See beruhigt, noch so einen Tag halte ich nicht durch, aber es gibt sowieso kein Zurueck.

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