Von Portobello nach Portolindo.
„Bello“ und „lindo“ sind zwei spanische Worte, die nur eine Uebersetzung haben: schoen. Porto heisst Hafen. Da liegen also zwei Doerfchen 5 km voneinander entfernt und beide bezeichnen sich als „schoener Hafen“. In Portobello war heute gar nichts schoen, dass liegt aber eher an Steve, dem Englaender an der Rezeption. Er hat weder versucht mir ein Segelboot zu vermitteln, noch hat er den Captain angerufen, dummerweise ist diese Luege aufgeflogen. Das nuetzt jetzt aber auch nichts mehr, ich habe zwei Stunden Busfahrt hinter mir, um einen Geldautomaten zu finden und das Segelboot ist jetzt voll. Steve sagt ich kann drei Tage auf das naechste Boot warten, das haettest du wohl gerne, lieber Arschloch – Steve.
Wenn ich eins gelernt habe auf dieser Reise, dann ist es, nicht lange ueberlegen, wenn Orte und Menschen kein gutes Karma haben. Mein Zimmer fuer die Nacht ist gezahlt, Busse fahren angeblich auch nicht mehr, ich checke trotzdem aus. Da schaut mir ein verdutzter Steve hinterher und das letzte was er sagt ist, dass das Taxi 15 Dollar kostet. Netter Versuch, aber das waere das kleinste Problem. Ich will zum naechsten Hafen fahren, habe keine Ahnung, ob ich da ein Boot bekomme, geschweige denn, ob es eine passende Unterkunft gibt. Erst einmal laufe ich in den einzigen Ort, den ich kenne und mag: Meine italienische Panaderia. Nach einer herzlichen Umarmung von Dscharia, halte ich direkt aus dem gruenen Plastikstuhl und einem Thunfischsandwich in der Hand, den lokalen Bus an. Der Bus ist brechend voll, ich muss stehen und wie gerne wuerde ich Steve aus dem Bus zurufen: So viel zum Thema es gibt nur noch Taxis. 24 Stunden Portobello, das einzige was bleibt ist der frische Brotduft in meiner Nase, aber immer noch kein Boot.

Portolindo und das nicht so wunderbare Hostel Wunderbar.
Ich springe in Portolindo auf einem Berghang raus, weil dort auch zwei andere Rucksackreisende aussteigen. Ankunft im Hostel Wunderbar, das wird von einem deutschen Paerchen gefuehrt und das einzige was wunderbar ist, ist die deutsche Organisation. Der letzte freie Platz auf dem Tango Segelschiff geht an mich, 100 Dollar sind angezahlt und uebermorgen soll es losgehen. Ansonsten ist irgendwie alles unangenehm deutsch. Niemand kann sich in diesem Hostel wirklich zu Hause fuehlen. Man muss sich immer auf leisen Sohlen bewegen, hat immer Angst einen Fehler zu machen. Das ist eine Familie, die hier leben will und mit den Backpackern und Segeltrips ihren Lebensunterhalt verdienen muessen. Zu einem guten Hostel gehoert definitiv ein bisschen mehr. Ein Paerchen mitte 40 inklusive einem merkwuerdigen Kleinkind, dass sehr menschenscheu und verwoehnt ist. Silvia hat straehnige Haare und eine Lederhaut von zu viel Sonneneinstrahlung, Guido war ohne diese Frau sicher mal ein lustiger und geselliger Typ Mann, wenn auch kein besonders intellektueller. Die gesamte Familie hat angeblich schon bei „Goodbye Deutschland“ mitgemacht, haetten sie das nicht erzaehlt, haette ich sie sofort als idealen TV- Cast vorgeschlagen. Es ist das erste Hostel, das kein WiFi hat und nur einen Computer im Wohnzimmer besitzt. Das Wohnzimmer ist auch typisch deutsch, das erste Mal, dass ich nach 2 Monaten wieder sehe, dass jemand seine Moebel nach einem Fernseher ausrichtet. Ich frage zum vierten Mal, ob jetzt das Internet nutzen koennte und bekomme immer die gleiche Antwort: Es geht gerade nicht. Niemand versucht es ueberhaupt, sie wollen nicht, dass man in ihrem Wohnzimmer online geht, aber sie wollen das ich dafuer zahle. Genau wie fuer das Continental Fruehstueck. Kostet nur 2,50 $ aber Toast und Marmelade haette ich mir auch selbst kaufen koennen, ich habe mit Eiern gerechnet.

4 Sixpacks Bier, Rum, Cola, Zigaretten und eine Menge Schokoladenkekse
Wir sollen uns fuer den Segeltrip vorbereiten, Essen und Wasser sind inbegriffen. Alkohol, Snacks und Suessigkeiten muessen selbst gekauft werden. Dieser Ort ist wirklich nicht touristisch, nur eine Handvoll Leute, die auf ein Segelboot warten. Es gibt wirklich nichts, keinen Geldautomaten, kein Internetcafe. Ich habe keine Lust eine Stunde in den naechsten Supermarkt zu fahren und will alles hier im kleinen Supermarkt kaufen. Es gibt nur einen Pfad am Strand, einfache und oft dreckige Huetten der Einheimischen saeumen das Ufer. Ich passiere ein Schwein an der Leine mitten am Wasser, wundere mich ueber gar nichts mehr und sehe ein Kiosk. Ok, das ist der Supermarkt, vor der Tuer droehnt Musik aus 6 grossen Lautsprechern. Ich kann nicht in den Laden gehen, hinter der Luke steht eine grimmige Frau hinter Gitterstaeben wie im Gefaengnis. Alles geht wie immer sehr langsam, nach 20 Minuten bin ich an der Reihe, mein spanisches Woerterbuch liegt griffbereit. Das Problem ist, alles ist von aussen so dunkel, dass ich die Produkte nicht sehe. Ich bestelle auf spanisch, es wuerde mir sehr helfen, wenn sie die Musik ein bisschen leiser dreht, macht sie aber nicht. Ich bestelle schreiend: 4 Sixpacks Bier, Rum, Cola, Zigaretten und eine Menge Schokoladenkekse, die gibts nur in Minipackungen. Da ich auf spanisch nur bis 10 zaehlen kann, bestelle ich mehrere unterschiedliche Minikekspackungen. Ich zahle 50 Dollar und gehe zufrieden.
Der Rueckweg ist extrem heiss, meine blauen Plastiktueten schneiden sich in meine Handflaechen, passen farblich aber perfekt zu meinen blauen Plastik-Flip Flops.
Ich laufe die Hauptstrasse entlang, jedes Auto hupt immer und danach glotzt jemand aus dem Fenster und sagt dir, wie schoen du bist. Es hat keine Bedeutung mehr, wenn es alle immer zu jedem sagen. Ich komme im Hostel an und stelle fest, dass sie mir den Rum nicht eingepackt hat, ich ihn aber bezahlt habe. Ich laufe wieder zurueck, sie tut so, als haette sie mich noch nie in ihrem Leben gesehen und ich kaufe eine neue Flasche Rum. Abzocker.

Zurueck nach Portbello und zwei Peanutbutter – Toast mit einem Jelly Herz und unser Captain!

Am Nachmittag geht das Internet natuerlich wieder nicht, ich muss aber dringend eine Notfallemail an meine Eltern schreiben, schliesslich will ich morgen nach Kolumbien segeln. Ich trampe mit Alison aus Colorado in die naechste Stadt, sie hat fuer den Notfall ein Traenengas dabei, es halten 2 Franzosen an. Die Fahrt ist sehr unterhaltsam, es gibt eine sehr angenehme Air Condition und wir brauchen das Spray nicht. Ich gehe noch mal zu Dschari in die Panaderia, esse ein Thunfisch-Sandwich und schreibe die Notfall-Mail an meine Eltern. Es wird dunkel, wir muessen ein Taxi nehmen und Alison sagt mit ernster Miene: „Ich muss dir ein Geheimnis erzaehlen“.  Ich denke mir, hoffentlich will sie sich nicht von ihrem Freund trennen, schliesslich segeln wir die naechsten 5 Tage zusammen. Sie sagt mit bitterernster Miene: „Eigentlich ist heute mein Geburtstag“. Alle anderen hat sie erzaehlt, dass sie morgen Geburstag hat. Alison hat gelogen, aber sie wollte unbedingt auf der Insel ihren Geburstag feiern, fuehlt sich jetzt aber schlecht. Ausserdem akzeptiert ihr Freund ihren Geburstagswunsch und hat ihr nur einmal kurz: „Happy Real Birthday“ ins Ohr gefluestert. Die Arme, Alison ist wirklich total suess, ich mochte sie vom ersten Moment, was fuer ein trauriger Geburstag, den sie sich selbst ausgesucht hat. Ich umarme sie und schmiere ihr im Hostel zwei Peanutbutter – Toast mit einem Jelly Herz, fluestere auch noch mal „Happy real birthday“ und zuende ihr eine Kerze an, damit sie sich schnell etwas wuenschen kann. Sie strahlt wieder, ich bin gluecklich und dann kommt unser Captain. Captain David.
Ein grosser Moment, wir sitzen alle sechs am Tisch und haben grosse Augen und grosse Ohren. David ist ein kleiner Franzose, er macht einen sehr erfahrenden Eindruck und erklaert uns den Ablauf. Aufregend, das ist unser Captain!! Ich habe mich solange gefragt, wie der wohl aussehen wird. Wir sollen eine kleine Tasche mit den wichtigsten Sachen packen, Schuhe brauchen wir die naechsten 5 Tage nicht. Yuhuuu! 8:30 Uhr Treffpunkt am Wasser, ein Motorboot wird uns zum Segelschiff Tango bringen und dann segeln wir fuer 8 Stunden nach San Blas. Die 300 Inseln des eigenstaendigen Kuna Volks. Wir werden dort 2 – 3 Naechte auf unterschiedlichen Inseln schlafen und danach geht es fuer 48 Stunden aufs offene Meer nach Kolumbien. Wir werden die Naechte auf dem Boot verbringen. David wird kochen, wir sollen spuelen, ich frage ob ich lieber beim Kochen helfen kann. Er lacht, ich habe es ernst gemeint. Nachts muessen wir abwechselnd Wache schieben, denn wir fahren im Autopilot, ich hoffe ich schlafe nicht ein. Wir zahlen die restlichen 350 Dollar und geben unsere Paesse ab, David wird sie bis nach Kolumbien behalten und uns ein- und ausstempeln lassen. Ich gebe meinen Pass gerne in vertrauensvolle Haende, jetzt muss ich endlich nicht mehr darauf aufpassen, ich hoffe nur, dass er nicht auf Alisons Geburtstdatum schaut.
Wie fuehlt es sich an, nachts unter dem Sternenhimmel zu liegen und nur Wasser um sich herrum zu haben? Ich spuere, dass etwas ganz  Besonderes auf mich wartet und schlafe in meinem Mehrbettzimmer ein, Alison hat gleich ihren „happy unreal birthday“ und liegt ueber mir. Das erste Mal auf dieser Reise zerstechen mich die Muecken, jetzt weiss ich, warum immer alle so jammern. Ich schlafe zufrieden ein, meine letzte Nacht vor meinem 1. Segeltrip nach Suedamerika.

Die Segel-Crew: (v.l.n.r)
Hunter (USA), Alison (USA), Ryan (USA), Ann-Sopie (Schweiz), Lukas (Schweiz), Captain David (Frankreich/Kolumbien) und ich.

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