Das Besondere am Reisen, sind die Menschen, die Dir begegnen und Dir etwas mitgeben, Daniele reist heute ab.
Wir hatten Hoehen und Tiefen, aber er wird mir fehlen.

Wie in jedem Leben machen uns die Umstaende zu dem was wir sind.
Mein Vater hat einmal gesagt, dass er in Deutschland immer der Pole und in Polen immer der Deutsche war. Ich bin in Muenchen immer der Ossi und zuhause immer der Wessi und Daniele ist in Deutschland immer der Italiener und in Italien immer zu deutsch.

Das ist sicher manchmal nicht so einfach, aber zwei Identitaeten ist schon mal eine mehr, als die meisten Menschen haben. Das bedeutet auch, dass Du Dich in zwei komplett verschiedenen Welten behaupten muss und Dich am Ende auch in beiden Welten zu Recht findest.

Ich vergesse manchmal das Daniele ein Italiener ist, denn er ist wirklich sehr deutsch.
Er spricht deutsch ohne Akzent – mit keinem Wort macht er ein Fehler und Sprichwoerter kann er aus dem FF. Daniele ist nicht der Typ, dem alles in den Schoss gefallen ist. Er ist begabt, aber er ist auch unglaublich wissbierig und fleissig.

Es ist nun wirklich nicht so, dass mir alle Dinge in den Schoss gefallen sind.
Ich habe mich aber meistens fuer die Gebiete entschieden, von denen ich wusste, dass ich ein gewisses Talent habe. Ich habe viele Ideen und kann Menschen dafuer begeistern, aber ich bin lernfaul.
 
Wir hatten staendig nettgemeinte Meinungsverschiedenheiten oder treffen sich ein deutscher Loewe und ein italienischer Widder.

Meine Sicht oder „That’s what she said“

Man, ist das ein Klugscheisser!
Ich glaube Daniele hat eine Menge gelernt in seinem Leben, allein schon in seinem Medizinstudium. Deswegen kann er auch nicht verstehen, warum ich mir nicht die einfachsten, spanischen Worte merken kann. Er meint es gut und verbessert mich, als ich mir eine Pina Colada bestelle, denn es wird Pinja gesprochen. Ich finde er ist ein unglaublicher Klugscheisser, er sagt, wenn es nur Menschen, wie mich gebe, wuerde die Menschheit dumm bleiben.
Er hat es nicht so gemeint, ich bin sehr beleidigt. Manchmal haben wir Streiterein ueber Banalitaeten wie in einer Beziehung.

Man, ist der wehleidig!
Daniele zeigt mir eine (fuer ihn) tiefe Schnittwunde, (fuer mich) kleiner Kratzer am Finger und sagt mit leichtem besorgtem Gesichtsausdruck, dass sich das entzuendet. Ich denke er will mich verarschen, der Kratzer wird morgen wieder in Ordnung sein. Er erzaehlt mir die Geschichte von einem Patienten, der eine Blase am Fuss aufgestochen hat und die hat sich entzuendet. Die Bakterien haben sich an der Herzkammer festgesetzt und nach 3 Tagen war er tot – wegen einer Blase am Fuss! Ok – wenn man solchen Geschichten erlebt, wuerde ich mir wahrscheinlich auch mehr Gedanken machen. Dagegen ist die Fernsehbranche ein Riesenspass, der keinem weh tut.

Man, ist der nachtragend!
Daniele hat kein Licht im Zimmer und bekommt eine Ersatzlampe. Das reicht ihm nicht und er tauscht das Zimmer. Begruendung: Kein Licht. (typisch deutsch!) Unser Hostelbesitzer bezeichnet ihn als Luegner, weil beide unterschiedliche Auffassungen von einem funktionsfaehigen Licht im Zimmer haben. Keiner laesst sich gern als Luegner bezeichnen, aber ehrlichgesagt ist doch sowas von egal und sich ueberhaupt darueber aufzuregen ist wirklich kleinkariert. Manchmal koennte er wirklich mehr ueber den Dingen stehen.

Man, ist das ein Spiesser!
Auch in unserem Ordnungsverhalten sind wir grundverschieden. Daniele verliert nie sein Feuerzeug und hat es immer, bis es eben alle. Ich kaufe staendig neue und weiss trotzdem nicht wo sie sind. Ich nenne ihn einen Spiesser, er sagt ich bin boshaft. Wir zicken schon wieder rum.

Das Schoene an all diesen Zickerein ist, dass ich Zickerein erstmals als Form von Vertrautheit wahrnehme. Menschen, die dir gleichgueltig sind, werden auch nicht angezickt. Das ist wie mit guten Freunden, die kennen mich ja auch in miesen Momenten meines Lebens und sind trotzdem meine Freunde. Freundschaft heisst eben auch, mit den Macken des Anderen leben.

Wir teilten natuerlich auch Gemeinsamkeiten, wir sind beide Jahrgang 81, moegen Zigaretten und Kaffee. (Er ist der Arzt und sollte es besser wissen!)
Kaffeetrinken koennen wir gut zusammen und Omelett-Essen, dabei haben wir auch wirklich gute Gespraeche. Sehr offen und ehrlich, ehrlich mag ich. 

Wir reden ueber Essen, Kindheit, Familie, Beziehungen und das Gefuehl 30 zu werden – und dieser Sprung ins neue Jahrzehnt kommt uns beiden unheimlich vor.
Du wirst von einer Zahl gezwungen eine Art Bilanz zu ziehen und hast das Gefuehl, noch so ein paar Sachen in deinen 20zigern machen zu wollen. Ist eben nicht nur eine Zahl, fuehlt sich scheisse, egal was alle sagen. Die Reflektion der letzten 10 Jahre tut allerdings gut, das ist wie Silvester, mag auch niemand, ist aber auch immer ein neuer Schritt

Daniele hat mir versprochen, einen Gastbeitrag in meinem Blog zu schreiben, ich werde ihn unter „That’s what he said‘ unzensiert veroeffentlichen.

Wir lachen viel zusammen und teilen einige skurrile Momente, unterschiedliche Orte und werden noch eine gemeinsame Nacht im Bus und eine gemeinsame Nacht in einem Bunker verbringen, aber das wissen wir jetzt noch nicht.
Jetzt sagen wir tschuess.

Danke fuers Handhalten bei schwierigen Wanderungen, fuer die Fussuntersuchung nach meinem Sturz, alle spanischen Uebersetzungen, die Suessigkeiten, das Aufpassen meiner Wasserflaschen, fuer ungeduschte Tage, den kleinen EKG Kurs und die Erklaerung der Blutgruppenkompatibilitaet.

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