Das Wetter sieht extrem nach Regen aus, wir nehmen trotzdem den ersten Bus nach Cahuita – Tagesausflug in den Nationalpark.
Keine Ahnung, warum, aber ich habe defintiv eine komplett falsche Vorstellung von einem Nationalpark.
Ein bisschen wie Tierpark in Deutschland und den mag ich auch nicht besonders.
Wir kommen an und sollen unsere Ankunftszeit in ein Logbuch eintragen. Etwas albern, denken die wirklich, wir wuerden im Tierpark vom Weg abkommen? Ich verwechsel  mal wieder meine Heimatstadt mit meiner Unterschrift, das merke ich aber erst spaeter.

Ich bin wettertechnisch fuer alle Faelle geruestet und habe mir gestern eines der wenigen, nuetzlichen Kleidungsstuecke gekauft – ein Regencap!

Ein Guide fragt uns, ob er uns begleiten soll.
Wir lehnen ab, sind ja schliesslich keine Kleinkinder und wandern los.
Mir daemmerts langsam, es gibt eine Art Weg, aber der geht wirklich direkt in den Regenwald.

Es gibt auch keine Tiere in Gehegen, das ist wirklich echte Natur und in der letzten Stunde sind uns vielleicht 5 Menschen entgegen gekommen.
Das ist so wunderschoen, das ist ein echter Wald, es faengt in Stroemen an zu regnen. Der Boden ist eine gelbraune Lehmmatsche, es ist wirklich rutschig – aber immer noch schoen.
Ist das nicht der ideale Naehrboden fuer Schlangen? Was mache ich eigentlich, wenn mich hier eine Schlange beisst – nicht mehr so schoen.

Das ich einmal so froh ueber ein Regencap sein werde, haette ich auch nicht geglaubt, vor Tagen waere ich noch im Kleid und Ballerinas losgelaufen.
Wir laufen barfuss durch den triefenden Wald, unter uns die Baumwurzeln, Ameisenstrassen und grosse Schlammpfuetzen.
Links von uns das Karibische Meer mit gewaltigen Wellen, die dem Wald immer naeher kommen. Es regnet und regnet und regnet.

Jeder Schritt erfordert Konzentration, vielleicht waere ein Guide, der nach Tieren Ausschau halten kann, doch keine so schlechte Idee gewesen.
Wir laufen sicher schon seit Stunden, auf einem Lageplan sehe ich eine Strecke von 10 km. Das soll ich alles laufen?
Es hat sich kraeftig eingregnet und hier scheint es wirklich keine Abkuerzung zu geben. Ich will ja nicht jammern, denn Julie sieht nicht so aus, als wuerde sie schlapp machen, aber hier sind wirklich keine Touristen mehr und wir sind mitten im Dschungel.
Es gibt kein Zurueck, keinen Umweg, aber einen miesen Flussabschnitt.
Wir haben keine Ahnung, wie tief das ist, ich laufe vor.

Ich halte meine Tasche weit oben, denn meiner Kamera wird hier als letztes etwas passieren, die Balance zu halten faellt trotzdem schwer. Das Wasser ist eine braun-schwarze fiese Fluessigkeit, sind das alle Toiletten des Dorfes?
Ich laufe los, es ist schwer gegen die Kraft der Wellen anzuhalten.
Es geht sehr schnell, sehr tief, das Wasser ist ueber meinem Bauchnabel. Panik, Herzklopfen, kurze Ueberlegung, ob ich umdrehen kann – kann ich nicht. Ich bleibe stehen, der Boden zieht mich nach unten – das ist Treibsand! Ich bekomme Angst, fange an zu laufen und frage mich, aber welcher Wasserhoehe ich meine Tasche fallen lassen muss. Ich erreiche das Ufer, spuere das Adrenalin in meinem Koerper – definitive Grenzerfahrung.

Das sind die Momente, in denen ich realsiere, das nichts so ist, wie in Deutschland. „Wir gehen mal in den Nationalpark“ ist kein Nachmittagsprogramm fuer Gelangweilte. Das ist ein fremdes Land, eine andere Planzen- und Tierwelt, vielleicht gibts hier Krokodile?

Wir laufen und laufen und laufen. Das tut gut und macht den Kopf frei, ich bin total entspannt. Es hoert auf zu regnen, das Wetter wechselt schlagartig und wir koennen an einem der unzaehligen kleinen Straende anhalten.
Wenn man kilometerweit laufen muss, um einen Strand zu erreichen, ist der logischerweise sehr einsam.
Paradiesisch, weit weg von unserer Gesellschaft, so fuehlt sich Freiheit an.

15 Minuten spaeter faengt es wieder in Stroemen an zu regnen, wir haben die letzten 5km einen sehr schnellen Laufschritt und sehen Affen.
Meine Sachen sind von der Flussdurchquerung nass bis auf die Unterhose, mein Regencap schuetzt nur noch die Kamera.
Alles ist nasskalt, aber die Wanderung entschaedigt fuer alles.
Die Wege sind liebevoll aus Naturmaterialien hergestellt, wie ein grosser Abenteuer-Spielplatz fuer Erwachsene, wir huepfen durch die Baeche.
Das ist wirklich sagenhaft schoen, ich weiss nicht, wann ich mich das letzte Mal so intensiv in der Natur aufgehalten habe.


Ich laufe meistens ueber ebenen Asphaltboden und besteige Treppen, die einer deutschen DIN Norm entsprechen. Gibts hier nicht, jeder Schritt ist anders und kann der falsche sein. Wir meistern den Park, muessen uns aber am Ausgang in kein Buch mehr eintragen. Ich frage mich, wie sie feststellen, wann jemand verloren geht.

Wir trampen zurueck und besteigen das Auto eines Texaners. Er gibt sich besondere Muehe, ein besonders unverstaendliches Englisch zu sprechen, lebt seit 15 Jahren hier, findet aber alles scheisse. Ich will fragen, warum er dann hier ist, will aber unsere Mitfahrgelegenheit nicht aufs Spiel setzen.

Ich finde alles super, bin Julie sehr dankbar, dass sie die Laenge der Strecke nicht ausfuehrlich mit mir besprochen hat. Ein Regentag im Regenwald und 10km Fussmarsch – ein grossartiges Erlebnis! Ich bin so dankbar fuer diese Reise, die Zeit und das Traveln. Ich bin wirklich gluecklich.

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